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Schlachtrufe Holstein

Turbostaat

Wollte man stilmäßig so richtig unten durch sein, half es bis vor wenigen Jahren noch zu postulieren, man höre gern Deutschpunk. Deutschpunk? Dagegen waren selbst die Affen im Zoo kultiviert, hey, dagegen war sogar Metal cool.
Geschrieben am

Turbostaat aus Flensburg fällt eine Schlüsselrolle in der schleichenden Rehabilitation des Genres zu: krass, souverän, hermetisch, hart, geil. Linus Volkmann fuhr anlässlich des fünften Albums »Stadt der Angst« Richtung Nord, um sich die ganze Geschichte abzuholen, Tim Bruening fotografierte.

Wir fahren sicher schon seit einer Viertelstunde durch Hamburgs abscheulichste Industriegebiete: keine guten Fabriken, nur Autohöfe, Laster, Brachland, Zombies. Am Steuer unserer Familienkutsche mit Kindersicherung sitzt Tobert, der Bassist von Turbostaat. Seine Stimme klingt zart, ich muss mich weit über die Handbremse beugen, um zumindest ein paar Bruchstücke des Gesagten zu verstehen. Tobert und sein ebenfalls im Auto sitzender Bandkollege, Songschreiber und Gitarrist Marten sprechen viel über Essen. Jetzt ist das Thema Frikadellen on, später auf der Rückfahrt wird es um Kroketten gehen. Mein Bejahen der Frage, ob ich etwa fleischlos lebe, stürzt uns umgehend in eine Krise. Mir wird gedroht, den Wagen hier irgendwo im Sankt Nimmerland von Hamburgs Süden verlassen zu müssen. Keine schlechte Drohung, als komischer Brillenträger dürfte man hier sicher keine fünf Minuten überleben. Dann wäre man entweder überfahren, gefickt oder selbst Spediteur für irgendwas mit Import/Export.

Das Interview bestreiten Marten und Tobert allein, der Rest der Band ist bei seinen Leuten in Flensburg oder Schleswig. Schwerpunkt: Familie. Der Rest, das sind Roland, Jan, Peter. Gestern war der Videodreh zur neuen Single »Tut es doch weh« mit Windhunden in Superzeitlupe. Heute nun private Talkshow inklusive Sightseeing und viel Fahrtwirren, als wäre man bei »Ey Mann, wo is’ mein Auto?«. Zum Glück und über Umwege kommen wir aber doch noch wo an. In einem sehr speziellen Speiselokal. Die Oldtimer-Tankstelle Brandshof – im Geiste von Punk mit Do-It-Yourself-Gestus betrieben und Hotspot für Szenetypen genau wie für Fernfahrer. Tobert verschwindet Backstage, oder wie das bei einer Küche heißt, und begrüßt den Koch, lässt sich von jenem zum Tagesessen mit Blutwurst überreden. Tobert hat halt einfach Bock auf die Dinge, das spürt man am Esstisch, im Kombi, auf dem neuen Album »Stadt der Angst« und überhaupt.

Melt! 2008. An allen Locations Regen, aber die Frisur hält – und die gute Stimmung und der geile Rausch. Um zu der Stage zu kommen, muss man eine abartig riesige Pfütze überwinden. Deine schönen Schuhe, deine schönen Strümpfe, vergiss sie. Das trekkende Publikum zieht es dennoch und allem Ungemach zum Trotze ins Venue. Hier spielt mit Turbostaat eine echte Genre-Band. Genre: Punkrock. Selbst für das per Selbstdefinition musikalisch barrierefreie Festival bis dato ein Novum. Die Band bietet keinen Brückenschlag zwischen Elektronik und Gitarre, es gibt kein Angebot an den Zuschauer, einfach geschmeidig zu bleiben, kein Ravesignal, es gibt eher Migräne, falls man auf Pille oder mit Kater einläuft.

Dieser Gig von Turbostaat definiert das nächste Level des Melt!-Verständnisses, das bis ins Hier und Jetzt gilt: Gitarrenbands brauchen in ihrer Performance nicht mehr die Ambivalenz aus Beats und Rock zu verkörpern. Gegenüberstellung statt Fusion. Dass dieses Prinzip seinerzeit nicht nur auf offene Herzen traf, erinnert Gitarrist und Songtextschreiber Marten dabei sehr gut. Er weiß zu schätzen, dass es dieser Tage anders ist. Änderungen vorbehalten. Doch das Urvieh Deutschpunk besitzt 2013 eine Kreditwürdigkeit wie sonst nur zur Originalzeit (frühe Achtziger) und (vornehmlich im Osten) nach dem Mauerfall beziehungsweise zu Zeiten der Asylbewerberwohnheim-Pogrome. Dass Deutschpunk aber vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte sogar als cool und nicht nur als dringlich, emotional, asozial wahrgenommen wird, ist das Verdienst der Fünf Freunde von Turbostaat.

Die andere Erfolgsstory des Genres stellen dieser Tage die wieder zusammengesetzten Slime. Aber die sind nun wirklich Deutschpunk Classic. Also Musik wie der hässliche große Bruder, für den man sich immer bisschen schämt, wenn man mit ihm in den Supermarkt geht – oder gar zu einer Party will, wo Mädchen dabei sind.

Turbostaat indes sehen gut aus, ihr hermetischer, bellender Punk wurde in den Nullern zum Trademark-Sound des Genres. Ein Umstand, der die letzten Jahre einen wahren Epigonen-Tsunami über die AJZ-Bühnen des Landes pumpte. Waren in den Neunzigern die Bands des Jens Rachut das Maß der Dinge (Blumen Am Arsch Der Hölle, Dackelblut, Oma Hans), gehörte diese Plakette danach in jedem Fall an die exzentrisch tätowierte Brust von Turbostaat. Die wirken nun mit »Stadt der Angst«, ihrer fünften Platte, aufgestachelt wie nie. Denn all diesen leicht hysterischen Erfolgsgeschichten zum Trotze lief es für die Holsteiner Familienväter zuletzt nicht nur rund.

Das Abenteuer Major-Label war nach der Platte »Das Island Manöver« beendet. Die Band stand ohne Vertrag da, musste selbst in Vorleistung treten. Ausverkaufte Konzerte und eine Fanbindung auf Beziehungsniveau konnten nicht über die für einen Großkonzern letztlich zu limitierten Albenverkaufszahlen hinwegheben. So kam die Trennung nach einer Handvoll guter Jahre im Spannungsfeld zwischen majormäßiger Vollbedienungslust und turbostaatlicher Spröde.

Die Unterschrift leistete man nun bei dem eher unbeschriebenen Blatt Clouds Hill, ein Studio mit angeschlossenem Label im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Nun sind sie Labelmates von Omar Rodríguez-López’ (Ex-The-Mars-Volta) neuer Band Bosnian Rainbows – und statt Zielgruppenparanoia gibt es Identifikation.

Die Band kann sich darüber freuen, endlich nicht mehr diskutieren zu müssen, ob man Songs wirklich »Harm Rochel«, »Phobos Grunt« oder »Fresendelf« nennen sollte. Ein ungeiler Kompromiss einstiger Unstimmigkeiten in den Meeting-Räumen hätte sein können, die kryptischen Songtitel von »Das Island Manöver« auf Streamingdiensten um die Nennung der Refrainzeilen in Klammern zu ergänzen. Kann man machen. Aber man kann auch mit Spinat zwischen den Zähnen zum ersten Date. Sollte man aber nicht. Doch derartige Diskussionen sind mit Clouds Hill nun passé.

Der Anstoß, das Album »Stadt der Angst« zu nennen, stammt allerdings von Produzent Moses Schneider. Der konstatierte den aktuellen Texten eine überraschende Abwesenheit von Ostsee, Förde, Watt und Steppe. Stattdessen herrscht urbane Paranoia – die findet sich dann auch im Titel wieder und markiert die Primetime eines jeden Turbostaat-Interviews: Jungs, wir müssen über die Texte reden, ich versteh’ da was nicht. Zum Beispiel das hier:

Doch entgegen dem weit verbreiteten Volksglauben sperrt sich die Band gar nicht gegen den Rätselnden. Die offizielle Agenda von Songschreiber Marten lautet sogar: »Ich möchte nicht, dass Turbostaat gleichbedeutend ist mit: komische Texte, die man nicht verstehen soll – und heiße Rockmusik.« Er schaut todesmutig und auch ein bisschen gequält. Denn er weiß genau, jetzt ist es wieder an der Zeit. Na, dann los ...

Seit ein paar Tagen kriege ich diesen Song nicht aus dem Kopf, »Psycho Real«. Aber es macht echt fertig, sich von einem Stück so peitschen zu lassen, und dann weiß man gar nicht, wer dieser verdammte Psycho Real sein soll. Hilfe!
Marten: Also, diesen Psycho Real gibt es wirklich. Da sind wir immer so durchgerannt ...

Entschuldige bitte, handelt es sich bei Real etwa um diese Supermarktkette?
M: [schaut, als wäre ich ernsthaft zurückgeblieben] Klar.
Tobert: [lacht]

Und was hat es mit dem auf sich?
M: In dem speziellen in Schleswig, wo wir unseren Proberaum haben, stimmt irgendwas vom Aufbau her nicht – so Märkte sind ja alle immer ganz schlüssig konstruiert, damit man sich sofort darin zurechtfindet. Wenn das gut funktioniert, merkt man gar nicht, wie sehr einen solche Orte schon konditioniert haben. Bis eben zu dem Moment, wo du im Psycho Real landest – da drinnen bist du ernsthaft verloren. Ich wollte da mal eine Cola, ein Bier und einen Wein. Um das zu kriegen, musste ich an drei völlig verschiedene Ecken: Die Cola fand ich bei der Damenwäsche, ich war so verwirrt, ich wollte mich schon ausrufen lassen. Jedenfalls steht dort ganz zentral auch noch so ein seltsames Kassenhäuschen, da sitzt eine Olle drin rum – Olle ist gut, die ist vermutlich so alt wie ich. Na ja, wie irre das da alles ist, das findet sich also im Text wieder.

So viel also zum Psycho Real. Klar, hätte man doch auch selbst drauf kommen können.

Doch Turbostaat 2013 nageln einem nicht nur wohlfeile Hieroglyphen in die Höhle. Wer verstehen will, kann verstehen. Und zwar verdammt gut. Was nun unweigerlich zu dem Stück »Pestperle« führt.

M: Das ist für mich nicht unser Text gegen Frei.Wild – auch wenn die es verdient hätten. Mir geht es da noch um was anderes, ich bewege mich über Freundschaften viel in der sogenannten Medienbranche, von Major-, Indie- bis zu selbst verwalteten Zusammenhängen, und alle waren sie gesammelt in den letzten Jahren unterwegs, um die Lücke zu schließen, die die Onkelz hinterlassen haben. Und zwar nicht nur spezielle große Plattenfirmen oder abgefuckte Medienzyniker, sondern auch welche aus den eigenen Reihen. Das hat mich immer so angewidert: dieses Spiel mit dem nationalistischen Teufel. Der sollte rechts sein, aber natürlich nicht so richtig – wie ätzend das ist. Frei.Wild waren ja 2013 nicht zum ersten Mal für den ECHO nominiert, das ist jetzt nur so hochgekocht. Und ich verstehe auch nicht die Diskussionen, die es da im Internet jetzt hunderttausend Mal zu führen gilt, ob die rechts sind oder nicht. Es ärgert einen, dass man da das Gefühl bekommen soll, es gäbe zwei Meinungen. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber die gibt es nicht! Und wenn sich nun ganz viele Indie- und Majorleute gerade in den Arsch beißen, dass sie die nicht gesignt haben, dann finde ich das nicht okay. Es ist nicht in Ordnung, die rechten Strömungen wieder willkommen zu heißen.

Aber in deinem Bekanntenkreis haben doch nicht wirklich Leute nach den Nachfolgern der Onkelz gesucht?
M: Doch.

Du liebe Güte. Und Toberts Aussage vermag dem Ekel noch eins draufzusetzen:

T: Ich bin damals gefragt worden, ob ich mir für Geld Bands angucken und recherchieren kann, ob die jetzt zu rechts für den Mainstream sind oder es vielleicht noch geht. Da habe ich gesagt: Wollt ihr mich verarschen? Aber das ist kein Einzelfall, für einen Act wie Frei.Wild wurde viel Aufwand betrieben, es gab Showcase-Gigs, um eben das größte gerade noch verwertbare Übel zu casten.

M: Man bekam teilweise das Gefühl, Rechtsrock ist für die Medienleute nur ein edgy Thema, an dem sich dann die Presse reiben kann. Aber es ist jetzt an der Zeit, das zu tun, was gerade auch viele tun, und zu sagen: Das ist nicht edgy, nicht witzig, nicht geil, es ist einfach kacke. Keine Geschäfte mit rechten Meinungen.

Als besonders perfide stellt sich heraus, wie sehr diese Diskussion auch dem Außenseiter-Gebaren der Band in die Karten spielt.
M: Ja, was aber auf die gar nicht zutrifft. [Marten ist richtig sauer] Da steckt ein Musikmanager mit haufenweise Kohle dahinter. Das sehen die Leute bloß nicht, dass sie hier keinen Underdog gegen vermeintlich linke Meinungshoheit unterstützen. Jetzt haben wir aber auch genug über den Mist geredet.

Stimmt.
Sicher ist es gut, sich klarzumachen, bei dieser Geschichte handelt es sich keineswegs um höhere Gewalt aus braunstichigem Patrioten-Sumpf, sondern hier handelt es sich um marktstrategisches Plattenfirmen-Kalkül. Doch damit wirklich genug über die Penner und ihre Schöpfer.

Die guten Momente im Moshpit – unter der Hasskappe, am Waldrand oder mit Kopfhörern im Ohr in der U-Bahn – gehören ohnehin Turbostaat. Denn Rechtsrock kann sich auf den Kopf stellen, er wird nie so aufregende intensive Bands hervorbringen wie eben diese fünf Typen. Typen, die Deutschpunk dabei auch nie als Stigma empfunden haben, sondern immer als Tummelplatz für gute Momente, Leute und Einfälle. Oder wie es bei Marten heißt: »Die Idee bei Turbostaat war, wir nennen das Deutschpunk und machen dann einfach, was wir für richtig halten.«

So soll es sein. So geht die Nummer auf.
Wir sehen uns. Spätestens in der Hölle oder im Psycho Real. Danke Deutschpunk!