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Wir könnten Freunde sein

Tunng live

Dirk Gieselmann über ein wahrhaft zauberhaftes Konzert voller Feen, kleiner Tiere und Leichen im Blumenfeld, in einer großen und fast leeren Halle.
Geschrieben am
06.10. Potsdam, Schinkelhalle

Dass Tunng nicht in Berlin spielen, sondern in Potsdam, ist entweder einem unglücklichen Zufall oder noch schlimmer: einer unnötigen Hänselei des Schicksals geschuldet. 200 Berliner fahren also mit der S-Bahn in die Trabantenstadt, um ein Konzert zu sehen, das sie mit etwas mehr Wohlwollen der Verantwortlichen auch vor der Haustür hätten haben können. Worüber man sich so alles aufregen muss – schlimm. Die Straßen von Potsdam sind groß und leer, so leer und in einem Maße zu groß, als hätten die Stadtplaner angenommen, es würden mehr, viel mehr Menschen an diesen Ort oder zumindest hindurch fahren. Doch diese Menschen, sie kamen nicht.

Die Schinkelhalle verhält sich wiederum zu Potsdam wie Potsdam zu Berlin: Ein monochromer Ort, eine riesige Halle ohne Wände und Dach, und wenn doch irgendwo Wände und Dach sind, dann soweit entfernt, dass man sie nicht sieht. Dubioses Licht allenthalben, so dass man, obwohl niemand sonst zu sehen ist, Angst hat, plötzlich überfallen zu werden. Vereinzelt Stühle, auf jedem zehnten sitzt ein Mensch. Durch all das weht ein Wind, der nicht von draußen kommt. Ich sah Tunng vor knapp einem Jahr, kurz nach Erscheinen des zweiten Albums 'Comments Of The Inner Chorus' im MBI in Berlin, vor meiner Haustür, damals noch. Auch dort hatte es ein eigenes, ein inneres Wetter: Regen. Kondenswasser troff von den Decken. Tunng waren der Puls eines zum Organismus gewordenen, schwitzenden Publikums.

Heute jedoch müssen die Bedauernswerten einem an sich toten Körper, in dem sich die wenigen Überlebenden verlieren, den Herzschlag geben. Ein Herkulesakt: Zwischen der Bühne und dem ersten Zuhörer liegen etliche Meter und weht dieser seltsame Wind. "Strange place", findet Sam, einer der Erfinder von Tunng, auch. "It’s like a school reunion." Etwas linkisch suchen er und seine Kollegen ihren Platz und spähen in die Weiten der Schinkelhalle. Dann zickt auch noch der Laptop. Während der Rest der Band versucht, das Ding anzuschalten, greifen Sam und Mike, der andere Erfinder, schon mal zu ihren Gitarren. Mehr aus Verlegenheit beginnen sie mit einem ersten namenlosen Madrigal. Wahrscheinlich ist dieses erste Stück improvisiert, und doch lässt es alle sofort wissen, was Tunng uns schon auf 'Comments', dem Debüt 'This is... Tunng' und dem neuen 'Good Arrows', gezeigt haben: Wie schön Musik ist, wie schön Dinge sein können, ja: wie schön das Leben sein kann. Sam und Mike wissen das schon lange, sie singen ja schließlich solche Lieder. Erzsympathisch und Vertrauen erweckend freuen sie sich über die Töne aus ihren Gitarren, ihre Stimmen harmonieren Stimmen wie sonst nur die von Graham Parsons und Emmylou Harris. Der eine erdig, der andere sphärisch, gemeinsam so warm und zum Verrücktwerden schön. Die Halle schrumpft, der seltsame Wind hört auf zu wehen.

"Come a little bit closer", sagt Mike. "We could all be friends!" Neben ihm und Sam steht Becky. Diese feenartige Frau trägt ein burleskes Abendkleid, viel zu große Pumps und hat ganz viele Seligkeitsdinge mitgebracht: Glöckchen, eine Melodika, ein Kinder-Keyboard, das bellen kann, und einen Zwitschervogel. Sie macht Lieder wie 'Bodies' oder 'It’s because... we've got hair' zu wahren Blumenwiesen voller interessanter kleiner Tiere. Es macht die nicht brüllende, sondern eigentümlich brüchige Schönheit von Tunng aus, dass in solchen Blumenwiesen auch Leichen liegen. "Throw the knife into the stream, run away across the fields", singen Sam und Mike, "Leave me lying where I fell, rivers running out of me." Das sind die ersten Zeilen des Todes- und Liebesliedes 'Jenny Again', einer Kapitulation des Schönen vor dem noch Schöneren, dem Stück, auf das alle gewartet haben.

"Your heart beats quick and strong", heißt es darin weiter. Und sie haben es tatsächlich geschafft: dieser Halle ohne Wände und Dach, dieser Gruppe von 200 Angereisten, die einander nicht kennen, einen Puls zu geben. Der Puls, er stampft durch 'Beautiful And Light', die Ode an eine Bankräuberin, 'People Folk' und 'Mother’s Daughter'. Bei 'Pioneers', dem Bloc Party-Cover, ist längst klar: Wir könnten wirklich Freunde sein. Wir könnten, aber wir sind es nicht. Ein Tunng-Konzert ist keine Love Parade, man sieht keine schmusenden Menschen. Wie auch? Die Leute wissen ja nicht, ob sie einander küssen oder erstechen sollen: In jeden Moment der Freude, den Tunng auslösen, mischt sich Trauer, Hässlichkeit in Schönheit, Tod in Liebe.

Um 23 Uhr hört das Herz zu schlagen auf. Jeder fährt für sich nach Haus, noch einsamer als zuvor, doch irgendwie stolz darauf. Werden wir Potsdam, werden wir einander je wieder sehen? Wahrscheinlich nicht. "Think about me now and then", haben Tunng eben noch gesungen. Ab und zu, versprochen.