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Nichts steht zwischen den Zeilen

tUnE-yArDs im Gespräch

Nach fast vier Jahren lassen die tUnE-yArDs wieder von sich hören. Ende März sind sie mit ihrem neuen Album auch in Deutschland live unterwegs. Was »I Can Feel You Creep Into My Private Life« mit Bertolt Brecht, trügerischen Illusionen und den Privilegien der weißen Industriebevölkerung zu tun hat, hat Benni Bender von Frontfrau Merrill Garbus erfahren.
Geschrieben am
Mit Braeburn-Apfel im Mund schlendert Merrill Garbus klammheimlich in die Lobby des Düsseldorfer Arcora Hotels und versteckt sich hinter ihren struppigen Locken. Ein Anblick, der an das Artwork des neuen Albums »I Can Feel You Creep Into My Private Life« erinnert. Das Cover zeigt die Kalifornierin. Und eben auch nicht. Ihr Gesicht darauf ist verdeckt. Stattdessen wirft sie ihre Hände in den Blick des Betrachters, um – wie sie selbst sagt – emotionale Regungen keinesfalls mit kalkulierten Blicken zu verwässern. Tatsächlich spiegelt die Oszillation zwischen der Künstlerin und jener Person, die mir gegenübersitzt, das Motiv der Verschleierung konsequent wider: »Intuitiv habe ich gespürt, dass die Pose etwas wiedergibt, das ich auf der Platte umsetzen wollte – ohne wirklich zu wissen, wieso. Manche lesen darin auch ein feministisches Statement. Hier kommt eine Konversation zum Vorschein, die wir mit uns selbst führen sollten. Du, ich, wir alle werden immer mehr zu Trugbildern unserer eigenen Darstellungsillusionen.« 

Als erprobte Puppenspielerin versteht es Garbus natürlich, trügerische Illusionen zu kreieren. Titel wie »Honesty« oder »Who Are You« geben Aufschluss darüber, dass sie den Kuratierungsmomenten der westlichen Gesellschaft eine unverblümte Unmittelbarkeit entgegensetzt. Und selbst wenn ihre Augen an diesem Vormittag müde sind, leuchtet in ihnen doch das Licht ihres inneren Aufbegehrens gegen allgemeine Missstände: ungerechte Geschlechter- und Gesellschaftsungleichheiten, aber auch unser Katastrophen verursachender Umgang mit der Natur. Der Song »ABC 123« beteuert nicht umsonst, dass wir bereits »in the middle of the sixth extinction« sitzen – was buchstäblich gemeint ist. Garbus redet sich schnell in Rage, eigentlich doziert sie: »Nehmen wir Bertolt Brecht und sein Credo, die Dinge bloß so darzustellen, wie sie nun mal sind«, sagt die Theaterenthusiastin aus Oakland mit hektischer Emphase.
Sogleich fallen ihr entscheidende Parallelen zum Entstehungsprozess des neuen Albums ein: »Unsere stilistischen Mittel speisen sich auch bloß aus Fakten. Alles, was es zu verstehen gibt, ist auf den ersten Blick erkennbar. Für mich war es wichtig, dass sich das Album nicht darum müht, Leute zu manipulieren. Wenn ich singe ›I use my white woman’s voice to tell stories of travels with African men‹, dann ist das so banal wie fassbar«, sagt Garbus in einem Ton, dessen Eindringlichkeit nachwirkt. Kurzer Stille folgt ein tiefes Ein-, dann ein sanftes, wenngleich zögerliches Ausatmen, das in diesem Moment einem Gedankenstrich gleichkommt. – »Ich denke, dass uns vor allem das Böse interessiert.« Vermutlich fallen die Gedankenspiele auf »I Can Feel You Creep Into My Private Life« auch deshalb so morbide aus, weil sie dem Krankheitsbild unserer Gesellschaft mindestens einen beunruhigenden Mangel an Einfühlungsvermögen und Empathie attestieren. Das Soundspektrum von »Colonizer« passt hier ins Bild: Dissoziative Störgeräusche und leidgeplagte Chants beschwören jeglichem Harmonieverlangen zum Trotz eine Brecht’sche Aufrichtigkeit, bei der nichts zwischen den Zeilen steht, unmittelbare Nachvollziehbarkeit dafür aber im Vordergrund. Gerade das ambivalente Verhältnis zwischen galoppierenden MPC-Samples, dystopischen Field Recordings und glitzernden Synths provoziert im Gegensatz zur lyrischen Beklommenheit einen Anstoß zur Selbstreflexion.

Zugunsten seiner illusorischen Wirkungsweise verzichtet das Album ganz bewusst auf affektierte Mehrdeutigkeit. Vielmehr skizziert die nunmehr vierte Platte der tUnE-yArDs einen amerikanischen Anti-Traum, der es schafft, die hier entstehenden Disharmonien in Einklang zu bringen. Dass dieses Ungleichgewicht vor allem im apokalyptisch voranschreitenden Schlusstrack »Free« verhandelt wird, legt die Frage nahe, was es denn überhaupt bedeutet, heutzutage frei zu sein: »Notwendigerweise muss das, was wir tun, auch einen Hang zur Kontroverse haben. Ich als weiße Frau, die obendrein auch noch eine heterosexuelle Beziehung führt, bin in einem so unglaublichen Maße privilegiert, dass es unglaubwürdig erscheint, wenn ich behaupte, ich sei nicht ›frei‹. An diesem Punkt kommt es aber auch immer darauf an, wie man Freiheit für sich selbst begreifen möchte. Letztlich spüre ich auch, was es kostet, über diese und jene Privilegien zu verfügen, vor allem in einem Land, das einen solchen Präsidenten gewählt hat. Unsere Freiheit speist sich am Schmerz so vieler anderer Menschen.« 

Und doch ist »I Can Feel You Creep Into My Private Life« auch ein Album für den Dancefloor geworden: Die frühere Lo-Fi-Attitüde ist pulsbeschleunigenden Uptempo-Tracks mit analogen Tech-Modulen gewichen. Im Gegenzug enthalten Tracks wie »Look At Your Hands« Hi-NRG-Momente, die die nostalgische 80er-Retromanie als das wohl probateste Stilmittel der kontemporären Electro-Pop-Szene ausweisen.

Dass Nate Brenner so maßgeblich wie nie zum Sound der tUnE-yArDs beigetragen habe, stellt Garbus gegen Ende des Interviews noch mal heraus – gerade weil das Projekt meist nur mit ihr assoziiert wird. Diesmal aber glich die gesamte Produktion ohnehin einem unermüdlichen Back-and-Forth-Verfahren, bei dem die Sängerin noch immer nicht auf ihre Ukulele verzichtete. Brenners paranoiden und blindwütig umherschwirrenden Electro-Bässen, die in der Summe ein ziemlich dystopisches Sounddesign formen, setzte Garbus am Ende nur noch ihre tadelnden Lyrics auf. Beide zehren symbiotisch von der Kreativität des anderen, sodass der Eindruck entsteht, ihr Miteinander ließe einen Dialog mit dem Hörer zu. Oder nicht? »Ich finde es bedenklich, dass die meisten Künstler, die im Radio gespielt werden, das Image haben, angeblich Freunde ihrer Hörer zu sein. Uns darf es nicht darum gehen, etwas zu machen, das anderen ein Identifikationsmuster stiftet. Wenn wir aufnehmen, dann müssen wir ausblenden, dass nachher irgendwer darüber schreibt. Wir müssen sogar ausblenden, dass irgendjemand das Album überhaupt hört.« Doch ist es nicht gerade diese Unbefangenheit, die die Grenze zwischen Künstler und Privatperson überwindet? »Wahrscheinlich ist das sogar die Voraussetzung«, sagt Garbus, hüllt sich in ihren Parka und verschwindet unverhüllter, als sie kam – den Pony hat sie mittlerweile beiseitegestrichen und den Apfel längst verputzt.

Tune-Yards

I can feel you creep into my private life

Release: 19.01.2018

℗ 2018 4AD

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