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Ein Dorf namens Oslo

Truls / Todd Terje

Das Kulturhuset in Oslo ist halb Jugendclub, halb Boheme-Hangout. Dort treffen sich nicht nur regelmäßig die Künstler unserer Introducings im April, auch Intro-Autor Henje Richter nahm gemeinsam mit zwei weiteren local heroes das Bad in der Kulturszene der Stadt. Mit Truls sprach er über HipHop-Anleihen in dessen Popsongs, im zweiten Interview ging er den Wurzeln von Todd Terjes tanzbarem Oldschool-Disco auf den Grund.
Geschrieben am

Sie nennen ihn: Truls

 

Wer nur unter seinem Vornamen bekannt ist, muss ein Star sein. Das ist ein altes Gesetz im Pop, insbesondere im HipHop und R’n’B. Es gilt für Adele genauso wie für Usher und Beyoncé.

 

Zumindest in Norwegen hat sich Truls das Recht zur Aufnahme in diesen illustren Club bereits erspielt. Mit »Out Of Yourself« produzierte er 2013 einen der größten Radiohits des Landes. Seine Bekanntheit fällt sofort auf, wenn man mit ihm in der Innenstadt Oslos unterwegs ist. Auf dem Weg zum Youngstorget, dem Platz, an dem das Kulturhuset liegt, der lokale Boheme-Hangout, wird er umgehend von jungen Fans belagert. Was neben der Gesichtsprominenz von Truls auch an seiner eindrucksvollen Gestalt liegt. »Das bin eben ich«, bringt er es entwaffnend offensiv auf den Punkt und zeigt auf den eigenen Körper: »Ich bin ein fetter Mittdreißiger mit nur einem Auge. Aber ich bin ehrlich und offen – das kommt an.«

Dass Truls, der mit Nachnamen übrigens Heggero heißt, überhaupt einen solchen Star-Status einnehmen würde, war lange unwahrscheinlich. Er weiß das. Zehn Jahre lang hat er mit mäßigem Erfolg in der norwegischen Indieband Lukestar gesungen. Es gab zwar internationale Touren, und auch die Alben erschienen in verschiedenen Ländern, aber nur auf kleinen Labels und in ebenso kleinen Auflagen. Obwohl die Songs der Band viel im norwegischen Radio liefen und trotz einer für sie selbst rätselhaften Beliebtheit in Spanien und Amerika wollte sich der richtige Durchbruch nicht einstellen. Auch deshalb nun der Neustart als Solokünstler – mit offen ausgesprochenen Charts-Ambitionen.

 

»Mitten in den Planungen zum nächsten Lukestar-Album rief mich 2012 unser Gitarrist Yngve an und forderte mich überraschenderweise zur Bandauflösung auf«, rekapituliert Truls den ersten Schritt zum großen Umbruch in seinem Leben. Sein damaliger Kommentar fiel nicht minder trocken aus: »Eine gute Idee.« Die anderen in der Band seien einfach nicht mehr hungrig genug gewesen, führt er aus. »Sie hatten Familien und Jobs. Ich hingegen wollte noch viel erreichen mit meiner Musik.« Es war ein umfassender Befreiungsschlag: Truls beendete seine damalige Beziehung, zog von der Stadt aufs Land und wechselte seinen halben Freundeskreis aus.

 

Auch musikalisch folgte ein grundlegender Wandel: »Ich war im Indie-Geschäft, weil die anderen es so wollten«, gibt er rückblickend zu. »Ich hörte Green Day und Nirvana mit ihnen, aber eigentlich stand ich immer mehr auf Destiny’s Child, KanYe West und Jay-Z.« Seine neue Hinwendung zu elektronischer Musik und HipHop genoss er deshalb sehr: »Das Produzieren ist sehr viel freier, genau das hat mir gefehlt. Ich war die endlosen Bandproben leid.« Die Gitarre, lange sein zentrales Instrument, findet zwar auf dem ersten Soloalbum »Trvls« noch statt, aber nicht mehr so wie einst: »Ich will nicht mehr akustisch klingen«, gibt er an, »sondern ein wenig nach Plastik.« Die Indie-Zeit, die er, das macht er deutlich, für immer hinter sich gelassen habe, will er aber nicht als Umweg verstanden sehen, sondern als Selbstfindungsphase.

 

»Niemand in meiner Familie spielte ein Instrument«, erzählt er. »Ich hatte auch keine Ahnung, dass ich singen konnte, bis ich es zufällig im Studio herausfand.« Die Entdeckung der falsettartigen Höhen, die Truls schon in Lukestar auszeichneten, hat er einem Produzenten zu verdanken, der ihn eines Tages immer höher und höher singen ließ. Bis auch der Letzte, einschließlich dem Künstler selbst, verstanden hatte: Es gibt keine Grenze.

 

»Trvls« entstand in einer Hütte im Wald, in der Truls in den letzten zwei Jahren lebte – auch wenn man das nicht sofort denkt angesichts der urbanen HipHop- und Trap-Sounds des Albums. »Ich musste einfach weg aus der Stadt, um in der Natur neue Inspirationen zu finden«, berichtet er. Wie so oft nährte die Distanz die Begierde, und so zieht es ihn jetzt, wo das Album fertig ist, wieder zurück nach Oslo in die Großstadt. Ebenso Vergangenheit sind die Unsicherheiten der Indie-Tage. Heute bestimmen Sturm und Drang das künstlerische Leben von Truls, auch wenn er einen hohen Preis zahlen musste: Seine alten Freunde kommen mit seinem neuen Ich bis heute nicht gut klar. »Das Heterophile bei den Rappern und die Metrosexualität im Indie vertragen sich nicht gut«, analysiert er. »Aber ich versuche, beide Seiten irgendwie zu verbinden.«

 

Truls »Trvls« (Vertigo / Universal / VÖ 25.04.14) Vom 01. bis 04.05. auf dem Spot Festival

Der Schauspieler, den wir als Todd Terje kennen

 

»Whateverest« ist ein 15-minütiger Dokumentarfilm über Inspektor Norse, der in der norwegischen Pampa wohnt. Er ist ein merkwürdiger Kauz, dessen große Leidenschaft das Tanzen ist, der diese aber nicht wie andere im Club auslebt, sondern auf selbst gemischten Drogen und mit Kopfhörern im eigenen Garten, auf der Straße oder am Strand. Die verwunderten Blicke der Nachbarn und Passanten bemerkt er nicht, denn er taucht vollkommen in seiner eigenen Welt unter.

 

Inspektor Norse, so erklärt es Todd Terje am Anfang des Films mit ernster Miene, sei das Vorbild für seinen wohl bekanntesten Song gleichen Namens gewesen. Es wird Terje und den Regisseur Kristoffer Borgli gefreut haben, dass nicht nur die britische Tageszeitung The Guardian darauf reinfiel, denn natürlich ist das Ganze eine Mockumentary, und Inspektor Norse wird in Wahrheit nur von einem Schauspieler dargestellt.

 

Man muss sich vor Todd Terje, der eigentlich Terje Olsen heißt, also in Acht nehmen. So wie mit Truls sitze ich mit Todd Terje im Osloer Kulturhuset, während Truls aber offen und direkt interagierte, bevorzugt Todd Terje das Pokerface. Er hat gerade vom lokalen Stadtmagazin den »Osloprisen« als bester Live-Act der Stadt bekommen, und weil er ihn am vorigen Abend nicht abholen konnte, wird er ihm eben während unseres Gesprächs zugesteckt. Kleinstadtverhältnisse. Passend dazu wird er ihn während des gesamten Interviews in den Armen halten.

 

Als elektronischer Künstler eine Auszeichnung für Livekonzerte zu bekommen ist auch 2014 noch erstaunlich. »Da ist was dran«, merkt Olsen an. »Bei elektronischer Musik passiert die Magie vor allem im Studio. Eigentlich müsste man als Zuhörer dort dabei sein.« Es komme den Liveauftritten als Todd Terje jedoch entgegen, dass seine Musik nicht nur klanglich aus den späten 1970ern und frühen 80ern stammen könnte, sondern auch mit Oldschool-Instrumentarium produziert wird. Die benutzten Synthesizer sind Originale wie der ARP und nicht, wie heute üblich, Ableton-Plug-ins. So wirkt der Disco-Sound im Mix auf der Bühne gleich viel attraktiver. »Ich denke, es passiert etwas in den Gehirnen der Zuhörer, wenn sie wissen, dass ich wirklich live spiele.«

 

Terje Olsen ist generell ein Grübler, zudem ein Perfektionist und Einzelgänger – ein Kauz, fast wie sein Inspektor Norse. Auch Terje kann man mit Kopfhörern durch die Natur wandernd antreffen, wenn er eine seiner To-Do-Listen erstellt. »Ich denke oft, der erste Track-Entwurf ist der beste«, gesteht er. »Aber ich kann mir nicht helfen: Ich muss weiter daran arbeiten. Meist kehre ich mit einer langen Liste an Verbesserungsideen von meinen Wanderungen zurück. Die Natur hilft mir, einen Schritt zurückzutreten und die Perspektive zu wechseln.«

 

Der Perfektionismus geht so weit, dass es ihn geradezu ärgert, wenn er rein zufällig einen guten Song bastelt. »Da arbeite ich monatelang an einem anderen Track, und dann entsteht der nächste Hit, während ich nebenbei etwas ganz anderes mache.« Da er zudem aber von Konkurrenzgefühlen gegenüber anderen Produzenten geplagt ist, denen er guten Klang und Hits neidet, weiß er eigene Erfolge letztlich doch zu goutieren. Und was die Konkurrenz angeht, hat er relativ leichtes Spiel, weil die Künstler, mit denen er verglichen wird, in der Regel vor zwei Jahrzehnten aktiv waren. »In den frühen Achtzigern war es viel schwerer, elektronische Musik zu machen«, führt er aus. »Es ist billig, sich mit den damaligen Genies zu vergleichen, denn es ist fast immer möglich, so gut zu sein wie sie damals. Elektronische Produktion ist so leicht heute, es ist fast schon Schummelei.«

 

Bis in die späten Neunziger hörte Terje vor allem House und Techno, dann erst öffnete er die Büchse der Pandora namens Disco und entdeckte seine bis heute gültigen Helden: Todd Terry, dem er seinen Künstlernamen entlehnt hat, und DJ Harvey. »Ihre Musik hatte all die Elemente, die ich bei House liebte: die Bassdrum, die harte Percussion, die strikten Regeln. Ich wusste nicht, dass Disco all das sein kann, bis ich diese Jungs hörte.« In den Nullerjahren prägten ihre Platten seine Sets. Seit er kürzlich Vater wurde, hat er sich ein bisschen aus dem DJ-Jetset zurückgezogen. »Ein guter Zeitpunkt«, kommentiert er. »Ich habe als DJ alles erreicht, was ich mir mal vorgenommen hatte. Ich habe an vielen coolen Orten auf der Welt aufgelegt, jede Gänsehaut und Emotion durchlebt, die als DJ möglich sind.«

 

»It’s Album Time«, sagt er und wirkt sehr befreit. Musikalisch, weil er sich nicht mehr an den Konventionen des Clubsounds – acht Minuten Mindestlänge, Intro, Outro, Breaks und so weiter – orientieren muss. Privat, weil er mehr Zeit zu Hause verbringen kann. Wohl dem, der wie Todd Terje ganz entspannt bei sich und der eigenen Inspiration angekommen ist.

 

Todd Terje »It’s Album Time« (Olsen / Kobalt / Rough Trade / VÖ 04.04.14)

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