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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Troy Von Balthazar

Troy Von Balthazar

Langsam komme ich in ein Alter, in dem man sich altersweise Borniertheit und Besserwissertum gegenüber der Jugend nicht mehr verkneifen kann.
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Langsam komme ich in ein Alter, in dem man sich altersweise Borniertheit und Besserwissertum gegenüber der Jugend nicht mehr verkneifen kann. Was will mir denn so ein Jüngelchen über bis zum Zerreißen gespannte Emotionalität, über vollkommen hoffnungslose Traurigkeit und über Bühnenshows mit selbstzerfleischender Intensität erzählen, wenn er oder sie nie im Leben Chokebore gesehen hat? Womöglich nicht mal solch tolle Alben wie "Black Black" oder "A Taste For Bitters" kennt, nach deren Genuss alles andere als Liebe nichtig und geradezu bitter lächerlich erscheint?

An all diesen prägenden Erfahrungen in meinem Leben war Troy Von Balthazar, damals noch Bruno mit zweitem Vornamen, als Sänger und Vorsteher der Band zumindest mit schuld. Wenn er sich auf der Bühne wand wie jemand, der vor Schmerz eigentlich keine Bewegungen mehr machen kann, wenn er mit weit aufgerissenen Augen apokalyptisch vom Bühnenrand predigte und wenn er auf dem Boden liegend sang, mit geschlossenen Augen, so lange, dass seine wie einem Zombiefilm entsprungene Band ihr Spiel schon beendet hatte und aus Troys Mund nur noch ein sanftes, fiebriges Säuseln kam. Das war Emo! Mittlerweile dauert der infinite hiatus Chokebores schon ein paar Jahre an, und Troy hat, anstatt eine Solokarriere zielstrebig in Angriff zu nehmen, lieber die Seele in Frankreich baumeln lassen. Diese Lebensart und vereinzelte Konzerte haben ihn dort aber zu einem veritablen Star gemacht, der es sich leisten kann, den deutschen Markt geflissentlich zu ignorieren. Erst jetzt erscheint er dank des ausdauernden Werbens des Sinnbus-Labels hier wieder auf der Bildfläche, außerdem luden Tocotronic zum aufmerksamkeitswirksamen Toursupport.

Das dazugehörige Album ist wunderschön und eigentlich genau so, wie man sich den Zeitvertreib eines Künstlers auf nimmer endender Reise vorstellt. Es hat nicht mehr das Rockgewand Chokebores, für das Troy ja ein Studio und Mitmusiker benötigt hätte, es lebt rein vom außerordentlichen, von seinen typischen ausschweifenden Melodien geprägten vokalen Vortrag. Seine neuen Songs sind von Ferne betrachtet allesamt Skizzen, die nur notdürftig ausgearbeitet sind, von Nahem erkennt man aber, dass Troys Lieder gar nicht mehr brauchen, um pure Schönheit und wahren Schmerz zu offenbaren. "Troy Von Balthazar" ist ein klassisches Lo-Fi-Album geworden, und doch sind all die Feinheiten, die unbändige Emotionalität dieses Charismatikers genauso spürbar wie zu den guten alten Chokebore-Zeiten. Es ist nur ruhiger als damals, von experimentelleren Sounds und Effekten durchsetzt und darin Sebadohs Tape-Recordings ähnlich. Zweimal singt eine Frau namens Adeline Fargier mit herzzerreißend schöner Stimme, und die Instrumentierung beschränkt sich durchgehend auf zwei oder drei dünne Spuren. Aber das reicht, um zu merken, was die ganze Zeit gefehlt hat, und um zu konstatieren: Das hier ist das etwas andere Comeback des Jahres.