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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Choose Life«

»Trainspotting«

Mit »Trainspotting« kann man als Zuschauer durchaus Spaß haben – vorausgesetzt, es wird einem während des Films nicht schlecht.
Geschrieben am
Mark und seine Kumpels, eine Gruppe junger Schotten, haben keine sonderlich rosigen Zukunftsaussichten. Ihr Alltag besteht aus exzessiven Drogenparties, Schnorren, Suff und kleinen Gaunereien. Um ihn aus diesem Sumpf zu retten, wird Mark von seinen Eltern zur Entziehungskur gezwungen, kurz darauf lässt er sich noch ein letztes Mal auf ein krummes Ding mit seinen Freunden ein.
Im Presseheft steht »Britpop als Film« und allerhand ähnlicher Unfug. Man sollte sich davon nicht abschrecken lassen, denn der Film kann ja nichts dafür, auch wenn er sich redlich Mühe gibt, von einem großen Teil des Publikums gehasst zu werden. Die Protagonisten sind überwiegend mit Ekel zu betrachten, der eine ist ein komplett hirnloser Heroin-Abhängiger, der andere ein jähzorniger Prolo; einer macht sich bei seiner Familie lieb Kind, um sie anschließend wieder zu bescheißen; der Naturbursche, der Drogen ablehnt, endet später schließlich doch in der Sucht. Bei derartig trostlosen Unterschichts-Dramen kommt normalerweise Hoffnung auf, wenn das nette, junge Mädchen auftaucht, doch selbst dieses erweist sich hier bald als erpresserisches, kleines Aas.

So könnte der Film melancholisch sein wie »Tee im Harem des Archimedes« oder aufklärerisch wie »Kids«, Filme aus den Glasscherbenvierteln von Paris bzw. New York. Doch »Trainspotting« zeigt dem Zuschauer wesentlich härtere Bilder und macht sich gleichzeitig einen Spaß daraus, indem er es wagt, von der detaillierten, realistischen Darstellung sozialen und gesundheitlichen Niedergangs hinüberzuwechseln in absurde, alberne oder klamaukige Szenen. Wenn zum Beispiel Marks Dope versehentlich in die Kloschüssel geraten ist, wird nicht gezeigt, wie er drin rumkramt, damit wir alle recht betroffen sind, statt dessen sehen wir, wie er regelrecht reinsteigt und untertaucht, Unterwasseraufnahme inklusive. An anderer Stelle landet Spud, der Junkie, mit einem Mädchen im Bett, ist aber für die Liebe zu zugedröhnt und scheißt im Laufe der Nacht noch ins Laken.

Da ist natürlich viel Freude am Kleinbürgererschrecken dabei, doch sollte dem Zuschauer zwischendurch nicht schlecht werden, kann er das schon lustig finden. Danny Boyle überrascht sein Publikum, stößt es ab, versöhnt es wieder, moralisiert nicht und schafft es doch, im Verband der Versager freundschaftliche Wärme ausfindig zu machen. Keine Ahnung, ob das Britpop ist; man kann vielleicht auch Punk sagen.

Danny Boyle

Trainspotting - Neue Helden [Blu-ray]

Release: 29.08.2013