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Das ganze Interview

Tracey Thorn

Nach langer Zeit meldet sich Tracey Thorn mit ihrem neuen und überhaupt erst zweiten Soloalbum 'Out Of The Woods' nun zurück. Unser Autor Hanno Stecher traf die Everything But The Girl-Sängerin zu einem ausführlichen Gespräch.
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Nach langer Zeit meldet sich Tracey Thorn mit ihrem neuen und überhaupt erst zweiten Soloalbum 'Out Of The Woods' nun zurück. Unser Autor Hanno Stecher traf die Everything But The Girl-Sängerin zu einem ausführlichen Gespräch.

Eines der ersten Dinge, die mir beim Hören deiner neuen Platte aufgefallen sind, ist, dass Du auf vielen Stücken in einer sehr hohen Tonlage singst, was bei Everything But The Girl ja eher selten vorkam. War das etwas, das Du bewusst gemacht hast, um Dich von deinen früheren Sachen abzugrenzen und eine andere Stimmung zu schaffen?
Ich habe eigentlich einfach ein wenig herumexperimentiert. Ich denke, als ich bei EBTG gesungen habe ist es bei mir zur Gewohnheit geworden, auf eine bestimmte Art zu singen. Und wenn man eine längere Pause gemacht hat und dann wieder anfängt, fühlt sich plötzlich alles ganz frisch an. Ich habe mir gesagt, na ja, warum versuche ich nicht, meine Stimme mal an der und der Stelle auszudehnen. Plötzlich erschien mir das möglich.

Ich hätte da ja jetzt gerne einen tieferen Sinn abgeleitet - gerade auf 'Here It Comes Again' klingt deine Stimme ja viel verletzlicher, viel kindlicher als man das bisher von Dir gewohnt war. Ich dachte, das hätte unter anderem auch mit der Tatsache zu tun, dass Du jetzt Kinder hast, dass man da einen neuen Blick auf vieles gewinnt.  
Ich glaube, es hatte einfach nur damit zu tun, dass ich möglichst viele unterschiedliche Stimmungen auf der Platte hervorbringen wollte. Ich habe ja größtenteils selbständig an der Platte gearbeitet, und obwohl ich mit vielen Leuten kollaboriert habe, mir war mir klar, dass ich selbst die musikalische Regie führen will. Ich habe gespürt, dass ich in Anbetracht der Tatsache, dass meine Stimme ja dann über allem liegt, sehr vorsichtig sein sollte und eine möglichst große Vielseitigkeit schaffen muss. Bei EBTG hat Ben immer ein bisschen dazu gesungen und wir haben unsere Stimmen zusammengemischt. Weil ich das diesmal nicht hatte, wollte ich den vollen akustischen Umfang meiner Stimme nutzen. Ich wollte die Stimme auch mehr nachbearbeiten lassen, wollte Vocoder benutzen und solche Dinge, aber alle Leute mit denen ich gearbeitet habe waren entsetzt und meinten, dass kannst Du nicht machen. Ich habe zu den Leuten gesagt komm schon, Du kannst auch mal was kaputt machen und abfucken, alle haben sich geweigert. Ich glaube aber, dass da immer noch mehr rauszuholen ist, da kann man immer noch weiter gehen. (lacht)

Hast Du diesen ersten Song 'Here It Comes Again' denn für ein Kind geschrieben? Er hat etwas von einem Schlaflied.

Nein, der war für einen Freund von mir. Das ist einfach einer dieser Songs, wo jemand durch schwere Zeiten geht und versucht, wieder auf die andere Seite zu gelangen.

Ich habe einen Artikel in der Newsweek gelesen, in dem die Autorin immer wieder andeutet, dass die Musik dich gewissermaßen aus deiner isolierten Hausfrauenrolle befreit hat. Allerdings fällt es mir schwer, mich Dich als frustrierte Hausfrau vorzustellen, das scheint mir auch eher ein Klischee zu sein…  
Na ja, ich war eben einfach nicht frustriert. Das ist ja der Punkt. Ich war tatsächlich die ganze Zeit nicht mehr besonders involviert, was Musik angeht, aber ich fand das auf keinen Fall frustrierend. Ich habe ganz bewusst das getan wofür ich mich entschieden hatte, nämlich mich um meine Kinder zu kümmern, was ja wirklich sehr zeitaufwändig ist, aber was ich gleichzeitig als große Erfüllung empfunden habe. Trotzdem hatte ich durch Ben natürlich immer noch eine Verbindung zur Musik - der schafft ja immer das Neueste vom Neuesten heran. Obwohl ich mich also nicht mehr wirklich darauf konzentriert habe, habe ich jeden Fetzen insbesondere neuer tanzbarer elektronischer Musik mitbekommen, der bei uns ankam. Als es dann so weit war, eine eigene Platte zu machen, hatte ich eine ganze Liste von Leuten, wie beispielsweise Ewan Pearson, mit denen ich gerne etwas machen wollte und die ich ansprechen konnte. Ich fühlte mich also auf keinen Fall irgendwie "gefangen", aber Du hast recht, dass ist schon eine Art Klischee, dass da herangezogen wird.Aus der Newsweek habe ich auch diese witzige Geschichte, dass Neil Tennant Dich auf einer Party gefragt haben soll, was Du denn mit deiner wunderschönen Stimme so machst und Du geantwortet hast, dass Du damit gerade eigentlich nur die Kinder anschreist.
Als ich das zu ihm gesagt habe, war es natürlich als Witz gedacht. Aber es war eines der Dinge, die mich tatsächlich zum Nachdenken gebracht haben. Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich nur noch ausweichende Witze über das Singen mache, wenn mich jemand fragt, dass gar nicht mehr ernsthaft darüber nachdenke. Ich dachte, vielleicht sollte ich das mal wieder tun, wirklich mal wieder ernsthaft darüber nachdenken.

War das denn eine bewusste Entscheidung, habt Ihr Euch nach 'Temperamental' ganz bewusst für ein Familienleben entschieden oder hat sich das eher organisch entwickelt? 
Wir hatten die Zwillinge ja schon, als 'Temperamental' erschienen ist, das war 1998. Und wenn ich jetzt ehrlich zu mir bin, wäre ich damals schon glücklich darüber gewesen eine Pause einzulegen. Aber das war schwierig für mich, denn Ben war eben auch in dieser Band und wenn ich aufgehört hätte, hätte das bedeutet, dass er auch aufhören hätte müssen. Und es hat sich für mich so angefühlt, als würde das auch seine Karriere an einem Punkt beenden, an dem er das nicht wollte. Also habe ich diese Platte gemacht und wir sind auf Tour gegangen mit zwei einjährigen Babys (lacht) und es war wirklich hart und ich musste mich durch diese Zeit wirklich ein bisschen durchkämpfen und hatte immer wieder auch Schuldgefühle, als würde ich es nicht wirklich ordentlich machen. Aber ich konnte auch nicht so recht aufhören. Dann wurde ich noch mal schwanger, sollte also noch ein Kind bekommen und dann musste ich einfach zu mir sagen, Du musst jetzt aufhören. Und alle um mich herum sagten, ja, haben wir auch schon länger gedacht. Es war, als ob bereits alle darauf gewartet hatten, dass ich diese Entscheidung treffe.

Um noch mal kurz auf diese Geschichte mit Neil Tennant zurückzukommen - Du hast 'Kings Cross' gecovert, allerdings nur als B-Seite auf der 'It´s All True'- Single. War das als eine Art Dankeschön gedacht?
Zum Teil schon, ja. Er war ja einer der Gründe, warum ich diese Platte eigentlich gemacht habe. Ein anderer Grund war der, dass Ewan Pearson und ich bei unseren Treffen festgestellt haben, dass wir beide die Pet Shop Boys über alles lieben. Das hat uns in einer gewissen Weise verbunden - also dachte ich, es wäre wirklich cool, ein Stück von ihnen zu covern.

Schade übrigens dass der Song nicht auf dem Album gelandet ist, ich finde ihn sehr schön.
Das war nur, weil wir am Ende zu viele Songs hatten und ich wollte keines meiner eigenen Stücke weglassen. Also haben wir uns gedacht, dass wir den Song einfach an einer anderen Stelle unterbringen. Er ist ja nicht verloren, er ist für jeden zugänglich.

Bedauerst Du es manchmal, dass deine frühen Sachen, die frühen Sachen von EBTG wie 'Eden', deine Solo-Platte oder was Du mit den Marine Girls gemacht hast immer mehr "verloren" gehen? Für mich war das ein totales Aha-Erlebnis, all das im Vorfeld zu diesem Interview wieder zu entdecken und finde es schade dass das alles kaum noch irgendwo gespielt wird. 
Ach, ich finde das nicht wirklich schade. Ich denke viel von der Musik, die wir damals gemacht haben, fiel in eine Lücke zwischen der eigentlichen Mainstream-Musik, die im Radio lief und der alternativen Schiene, die sich aber eher auf Indierock-Bands konzentrierte. Wir waren nie mainstream-mässig genug für das Radio und wir waren nie eine Rockband. Ich denke wir sind schon Teil dieser Geschichte, wie sich Popmusik in den Achtzigern entwickelt hat, wenn auch eher am Rande. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ist auch genau da, wo wir hin gehören. Das fühlt sich für mich keinesfalls irgendwie respektlos an, ich habe uns nie als Teil der zentralen, "überirdischen" Musikgeschichte begriffen. Ich glaube, was da mit "Missing" und den Dance-Platten der Neunziger passiert ist, das war, dass die Leute einfach glaubten, sie könnten uns nun leichter greifen und in eine Kiste stecken. Die dachten sich eben, so wir stecken sie jetzt in diese "moderner-elektronischer-Pop-Kiste" und das wirds schon tun…

… "Trip Hop"…
…ja, "Trip-Hop" oder wie auch immer. Und das hat dann zwei Alben lang tatsächlich funktioniert. Ich dachte damals nur, ist mir auch recht - wenn wir da für ein oder zwei Jahre rein passen ist das für mich völlig okay. Das war immerhin eine Möglichkeit, ein größeres Publikum zu erreichen. Aber ich glaube immer noch, dass das, was wir da machen, am Ende doch eben komplizierter ist. Es wird immer Leute geben, die einen Teil davon mögen und einen anderen nicht, und es wird andererseits einige wenige geben, die es wirklich mögen, dass wir alles vermischen. Aber das wird einfach immer eine kleine Gruppe bleiben, weil es einfach eine ziemlich spezielle Angelegenheit ist, Leute zu finden, die verstehen warum man Nick Drake genau so mag wie Metro Area oder was auch immer. Es gibt einfach nicht so viele, die wirklich beides mögen.Und viele Leute scheinen ja auch Euch als Band nie richtig verstanden zu haben, das passiert ja schnell, wenn man sie eben nur auf diese beiden elektronischen Platten konzentriert…
…ja, und dann wird es kompliziert, gerade bei Journalisten wird es da oft schwierig. Die möchten zum Beispiel oft gerne eine Geschichte schreiben, wo sie einen einer bestimmten Bewegung zuordnen können. Die sagen dann, da war jetzt Punk und da Acid-House, und wenn Du da nicht reinpasst, dann katapultiert das Dich gewissermaßen aus der Geschichte. Ich würde am liebsten die Geschichte neu schreiben und sagen hier, an dieser Stelle, zur gleichen Zeit gab es da auch noch diese fünf anderen Bands, die interessant waren und diese beiden Sänger - die passen vielleicht nicht in Eure Geschichte, aber ich mag sie trotzdem am liebsten (lacht).

Wenn über EBTG in den Achtziger geschrieben wird, seid ihr ja auch immer das "Jazz-/Folk-Duo". Da stehen immer diese beiden Worte: Jazz und Folk.
Genau. Und das beschreibt dann eben einen kleinen Teil von dem, was wir damals gemacht haben. Das fühlt sich für mich nicht passend an.

Was mir beim Recherchieren auch noch plötzlich bewusst geworden ist, dass es schwierig sein muss, Text zu schreiben, wenn der eigene Partner oder sogar Ehemann Teil der Band ist. War das irgendwie befreiend, jetzt wieder unabhängig von Ben Texte schreiben zu können? 
Schwierig zu sagen. Ben und ich haben ja immer wirklich ziemlich ehrliche, direkte Texte geschrieben. Ich denke, egal ob man in einer Band ist oder nicht, da gibt es immer diese verzwickte Sache, dass man als Autor von Texten immer Entscheidungen treffen muss, wie ehrlich man sein will und wie weit man mit manchen Sachen gehen will. In einer gewissen Weise ändert sich das ja auch nicht, egal ob man nun in einer Band ist oder nicht. Es ist ja auch nicht nur der Partner um den es da geht, ich schreibe ja auch Songs über alle möglichen Leute um mich herum und versuche, über sie Geschichten zu erzählen. Das ist manchmal wirklich schwierig, da sagt dir dein Songwriter-Herz dann schon, hier solltest Du ehrlich sein und so weit gehen wie möglich, aber ich lasse es dann doch.

Mir kommen deine Texte auch oft wie Briefe vor, als würdest Du über Sie mit den Leuten kommunizieren, als könntest Du ihnen so bestimmte Sachen besser sagen. 
Es gibt eben Dinge, die kann man anderen Menschen nur schwer sagen. Und ich denke, so sehr ich das auch für mich selbst mache, diese Form der Kommunikation, so sehr können die Songs aber auch für die Leute, die sie hören hilfreich sein, wenn sie etwas ausdrücken wollen, aber nicht wissen wie sie es sagen sollen. Mir geht das so, dass ich einen Song höre und denke, das ist genau fühle, aber ich konnte es bisher nicht in diese Worte fassen.

Wenn ich mir EBTG anhöre oder dein neues Album anhöre, stelle ich Dich mir ja immer als totale Perfektionistin vor. Du scheinst Dich am wohlsten zu fühlen, wenn der Sound, der unter deiner Stimme liegt sehr klar und schnörkellose  ist. Mich würde interessieren woher das kommt. Warum Du zum Beispiel die Songs, die Du für das Album mit recht einfachen Mitteln zuhause aufgenommen hast nicht in dieser Form veröffentlicht hast, sondern sie hast produzieren und bearbeiten lassen. Ist dieser Perfektionismus vielleicht auch eine bestimmte Form, eine Distanz zu deinem Publikum zu halten?  
Es gibt eine bestimmte Qualität, die diese Bänder mit den Aufnahmen von Zuhause haben, die ich bei den Platten anderer, beispielsweise bei wirklich wackelige, alte Indieplatten sehr mag. Aber ich fühle mich nicht wohl damit, so etwas selbst herauszubringen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau warum. Es gibt einen Teil von mir, der dann einfach denkt, das ist nicht gut genug, das reicht nicht, da muss man noch mehr herausholen können. Das hat auch ein wenig mit meiner Stimme zu tun. Manchmal, wenn ich mir Musiker anhöre, die nicht gerade die besten Sänger sind und wirklich kratzige, sandige Platten machen, danke ich, dass das einfach super funktioniert, dass es aus einem Guss ist, aber meine Stimme ist eine sehr speziell klingende Sache, die es notwenig macht, sie mit etwas zu stärker Produziertem und Abgemischtem zu verbinden. Ich weiß nicht, ob diese Antwort nun vollkommen zutreffend ist, aber das ist etwas, worüber ich auch schon nachgedacht habe.

Ein gutes Beispiel für diesen Konflikt finde ich das Arthur-Russell-Cover 'Get Around To It' auf der Platte. Man hört, dass es schwierig gewesen sein muss, diesen Do-It-Yourself-Charakter, den viele Songs von ihm ja auch ganz bewusst haben, in deine persönliche musikalische Sprache zu übersetzen. 
Ich denke einfach, verschiedene Künstler haben verschiedene Fähigkeiten und die entziehen sich oft der eigenen Kontrolle. Man kann nicht immer rationale Entscheidungen darüber treffen, wie eine Platte klingen wird. Die entwickeln irgendwann ein Eigenleben und klingen dann irgendwann einfach auf eine bestimmte Art und Weise. Ich stimme Dir zu, manchmal höre ich mir meine Platten an und denke, wow, also wir sind also mal wieder an dieser Stelle gelandet, es klingt also mal wieder etwas poliert. Manchmal nehme ich mir das gar nicht vor, aber das ist der Weg, den die Musik dann geht.Dieses "Polierte" ist ja letztlich auch das, was viele Leute an deiner Musik mögen. Ich selbst schätze dieses etwas Distanzierte in deiner Musik, die Tatsache, dass sie bewegt ohne einen total zu deprimieren. Dazu passt dann auch der Kontrast zwischen Vorstadt-Einöde und der Großstadt als Zuflucht, den Du oft in deinen Texten beschreibst. Das taucht ja auch in dem Song A-Z wieder auf. Das scheint etwas zu sein, was die nach wie vor beschäftigt.
Auf jeden Fall. Ich bin in einer Vorstadt aufgewachsen, ein Stück außerhalb von London und ich habe immer davon geträumt, dort hin zu gehen. Für mich ist die Stadt die "romantische Landschaft", die andere beschreiben, nicht das Land. Die Szenerie auf dem Land, in der Natur inspiriert mich überhaupt nicht. Ich mag natürlich auch Platten von Künstlern, die solche Texte schreiben - Texte, in denen es um Berge, Bäche und Flüssen geht, aber das könnte ich niemals schreiben, um mein Leben zu retten. Ich mag es, am Wochenende auch mal ein paar Tage auf dem Land zu verbringen, aber es ist nicht so, dass ich dort wirklich relaxen, dass ich durchatmen kann. Ich atme erst wirklich durch, wenn ich wieder in diese Stadt zurückkomme, wenn ich durch Westlondon fahre. Je näher ich der Stadt komme, desto mehr kann ich mich wirklich entspannen (lacht).

Wo in London lebst Du denn?
Im Norden, nah genug, um schnell in der Innenstadt zu sein und trotzdem nahe zum Grünen. Aber ich bin wirklich kein Mädchen vom Lande.

Vielleicht ist das ja auch einer der Gründe, warum Du auch so viele schwule Fans hast. Dieser Stadt-Romatizismus.   
Ja, dieses Gefühl, die Stadt akzeptiert jeden, das spielt sicherlich eine Rolle. Das ist meine Art von Romantik. Natürlich ist mir ist auch klar, dass das nicht immer wahr ist, dass die Stadt rau und grob sein kann, aber für mich gibt es trotzdem diese Idee, dass dort alle akzeptiert werden. Ich finde die Vorstädte und das Land wirklich gruselig, wenn man nicht von dort kommt oder anders ist als die anderen. Es ist feindselig und aggressiv, ich fühle mich dort einfach nicht willkommen. Ich glaube in der Stadt ist es jedem erlaubt, so zu sein wie er ist und wie er sein möchte.

Was für eine Verbindung hast Du eigentlich genau zu Arthur Russell, ist er so etwas wie ein Idol für Dich? 
Ich habe großen Respekt vor ihm. Der einzige direkte Kontakt, den ich zu ihm habe ist Jack Travis, der Rough Trade macht und die 'Calling Out Of Context'-Platte raus bringt. Er hat mit Arthur Russell in den Achtzigern und Neunziger gearbeitet und war in die letzten Sachen, die er veröffentlicht hat, sehr involviert. Mit ihm habe ich auch über meine Pläne für den Song geredet und er meinte, ich soll das unbedingt machen, er fände das toll. Er hat herausgefunden, dass Tom, sein letzter Freund, ein großer Fan von meiner Stimme ist. Das habe ich gewissermaßen als Erlaubnis dafür gesehen, dass ich das machen darf. Ich finde ihn einfach beeindruckend, er hat so viele Sachen gemacht, die ich immer machen wollte, diese bestimmte Verbindung von Melancholie und Lebensfreude, von Dancefloor und Gefühl und Intelligenz mit Gefühl. Er hat es geschafft, all das zusammen zu bringen und das ist im Prinzip mein Ideal.

Wie hast Du denn die Verbindung zu den anderen Musikern hergestellt, die an dem Album mitgewirkt haben?  
Mit ein paar von ihnen habe ich über große Distanzen hinweg zusammengearbeitet. Ich habe Martin Wheeler, mit dem ich den Track 'Easy' gemacht habe, zum Beispiel bis heute nicht getroffen. Wir haben es ausschließlich so gemacht, dass er mir die Musik zugeschickt hat und ich dann im Studio die Vocals dafür eingesungen habe und es ihm dann zurückgeschickt habe. Das war etwas komisch. Wir haben nur telefoniert. Zu Ewan Pearson hatte ich da ein anderes Verhältnis, wir haben letzten Endes dann wirklich viel zusammen gemacht, wir haben uns getroffen und sind wirklich gut miteinander ausgekommen, haben viel Zeit im Studio zusammen verbracht. Er war am meisten in diese Platte involviert - ich würde ihn auch den eigentlichen Produzenten der Platte nennen. Mit ihm habe ich mich letztlich über das ganz Projekt ausgetauscht, selbst über die Tracks, an denen er gar nicht gearbeitet hatte. Er hat das Album stark mitgestaltet. Er lebt übrigens wie Martin Wheeler in Berlin, da geht ja gerade jeder hin.

Gehst Du denn auf Tour mit dem Album?
Nein, die Live-Sache ist so etwas, wo ich nicht wieder zurück will. Ich mag live spielen einfach nicht, ich mochte das nie besonders und diese Platte ist ja auch wirklich einfach ein Studio-Ding. Das ist so etwas das entweder für Zuhause gemacht ist oder für den Dancefloor, mit Remixen und all dem. Es ist keine Musik für eine Bühne. Und ich bin dafür einfach auch nicht bereit, ich habe da keine Lust drauf. Ich bin froh, dass ich es nicht muss.Und wird es ein weiteres Video geben?
Das  wird noch entschieden. Ich habe ja bereits dieses Video für 'It´s All True' gemacht, wo ich kaum zu sehen bin. Und jetzt ist die Frage, ob ich nun mehr oder weniger sichtbar sein sollte (lacht).

Was sind denn deiner Meinung nach die größten Veränderungen im Musikbusiness in den letzten 25 Jahren? Wie denkst Du haben sich die Bedingungen für Künstler verändert?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich habe keine beispielsweise keine Ahnung mehr davon wie es sich anfühlt, gerade anzufangen. Ich schätze, das ist heute vollkommen anders. Was sich wirklich verändert hat, seit ich zum letzten Mal eine Platte gemacht habe, sind Plattformen wie MySpace. Ich finde das großartig, für mich scheint das den Musikern wieder viel Macht zurückzugeben: man kann direkt mit Fans in Kontakt treten, anstatt alles über die Plattenfirma oder Journalisten machen zu müssen, man kann seine eigenen Texte schreiben, den Leuten das Video zeigen, ihnen Tracks vorspielen auch wenn sie nicht einmal im Radio gespielt werden. Ich hätte das toll gefunden, wenn das in den Achtzigern schon existiert hätte. Manchmal haben wir uns da vollkommen abgeschnitten von den Fans gefühlt. Es gab da Leute, die mochten, was wir da machten und dazwischen war das Radio, das nicht mochte was wir machen und die Plattenfirma die es nicht verstanden hat. Das war wirklich ein Problem, und die einzige Möglichkeit war, auf Tour zu gehen, aber das ist es eben auch nicht. Es fühlt sich wirklich gut an, direkt an die Leute herantreten zu können, ihnen die eigenen Songs vorspielen zu können, einen Blog zu schreiben, ihnen zu zeigen, wer man wirklich ist.

Mir fällt es ja als jemand, der Anfang der Achtziger geboren ist etwas schwer, nachzuvollziehen, was Du zu dieser Zeit musikalisch gemacht hast. Natürlich ist 'A Distant Shore' ein sehr zeitloses Album, aber die Musik der Marine Girls, oder 'Eden', oder auch Bens Solosachen erschließen sich mir nur über ein bestimmtest Bauchgefühl. Den Kontext kenne ich nicht wirklich. Das ist ja alles von der Stimmung her sehr strand-mäßig, sehr leicht und entspannt, aber es hat irgendwie auch eine gewisse Schwere. Kannst Du Dich heute noch an die Stimmung zurück erinnern unter der all das entstanden ist?   
Das kann ich auf jeden Fall. Wir sind beide mit Punk aufgewachsen, auch wenn man das unserer Musik so gar nicht anhört. Direkt nach dem Punk, als wir beide anfingen in Bands zu spielen und auf Konzerte zu gehen, gab es eine wirkliche Revolution gegen Rockmusik, insbesondere gegen ihre traditionellen Formen. Ab 1979/1980 fingen die Leute an mit allen möglichen Stilen rumzuexperimentieren - Dub, Reggae, frühe Formen elektronischer Tanzmusik und Jazz und solche Sachen. Für unsere eigenen Sachen haben wir da so ziemlich alles in Anspruch genommen, was nicht Rock war, wir wollten als EBTG wirklich progressiv sein. Wir dachten Rock sei tot, Rockgitarren und all das, das sei einfach vorbei, wir wollten eine völlig neue Form der Popmusik machen. Das ist so die Richtung, aus der wir kamen. Viele Leute haben das falsch verstanden - wir haben z.B. nie referentiellen Jazz gemacht, wir waren keine wirklichen Jazzmusiker. Das war alles nicht so ernst gemeint, waren haben auch nicht stundenlang geprobt. Wir waren eben kids, die vom Punk und vom Rock her kamen, und wir wollten der Popmusik eine neue Form geben. Insofern kann ich mich noch immer gut mit all dem identifizieren, weil ich noch genau weiß, wie es gemeint war. Es war vor allem auch etwas Theoretisches, wir waren voller Ideen, wie Popmusik sein sollte und wie nicht, und was gut ist und schlecht. Das war eine ganze Reihe "theoretischer Regeln", die wir da hatten. Auf dieser Ebene haben das viele nicht verstanden.

Danke für das Interview.

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