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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Rolling Legend

Tony Hawk

Ich kann mich noch genau an die Schmerzen erinnern: Mit einem geliehenen Skateboard war ich eine Parkgaragenausfahrt runtergefahren und auf halber Strecke gestürzt. Auf beiden Knien sammelten sich mittelgroße Bluttropfen, und die Schürfungen konnte ich noch tagelang bei jeder Bewegung spüren. Ich be
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Ich kann mich noch genau an die Schmerzen erinnern: Mit einem geliehenen Skateboard war ich eine Parkgaragenausfahrt runtergefahren und auf halber Strecke gestürzt. Auf beiden Knien sammelten sich mittelgroße Bluttropfen, und die Schürfungen konnte ich noch tagelang bei jeder Bewegung spüren. Ich beschloss im Alter von neun Jahren, dass Skateboarden für mich nicht in Frage kam.

Ganz anders Frank Hawks Sohn Tony aus Serra Mesa (Kalifornien): Als Sechsjähriger bekam er von seinem Bruder Steve sein erstes Skateboard geschenkt, und das stammte noch aus einer Zeit, als man mit dem Rollenbrett zum "sidewalk surfing" aufbrach. Der Anfang einer Karriere, die am 27. Juni 1999 bei den Summer X Games in der San Francisco Bay ihren Höhepunkt erreichte: Hawk schaffte im "Vert Skating" als erster Skateboarder einen 900er - die zweieinhalbfache Drehung um sich selbst! Seit 1980 hatte Hawk drei Dutzend neue Tricks erfunden und mit Titeln wie "Bluntslide To Fakie" oder "360° Varial Disaster" versehen. Nur konsequent, dass er über Jahre auf die ersten Plätze aller wichtigen Wettbewerbe (u. a. "King Of The Mount" und die "Münster Ramp Jam") reserviert war. Hawks Autobiografie liest sich wie das Tourtagebuch eines Popstars.

Seit 1999 ist er auch eine digitale Figur in seinem eigenen Videospiel, das sich als "Referenz-Extremsport-Spiel" (Pressetext) etabliert hat und mit seinen Umsätzen die Herstellerfirma Activision in die Lage versetzt, ihn einer Legende angemessen einzufliegen. Interviewtermine sind chronisch knapp, "der Tony" (Pressebetreuer) bleibt nur einen Nachmittag in Köln und muss dann schon wieder zum Geburtstag seines Sohnes zurück nach Carlsbad (Kalifornien). Mein Interview soll eigentlich - in Anlehnung an ein Level seines neuen Spiels - im Zoo stattfinden, aus Zeitmangel wird es allerdings in die Stretchlimousine verlegt, die ihn zu einer Skaterhalle bringt, wo Stefan Raab auf ihn wartet, um das Skaten zu lernen.

Tony Hawk merkt man seinen professionellen Schutzwall aus geübter Freundlichkeit deutlich an: Es lässt sich leicht zwischen üblichen Floskeln und wirklich überlegten Antworten unterscheiden. Die negative Folge von seinem Status: Hawk kommt z. B. als Gaststar bei den Simpsons, in der Tom-Green-Show und im Kinofilm "XXX" für das Skateboarding - durch seine Fachbegriffe für viele immer noch ein Rätsel - die Rolle der kommunikativen Schnittstelle zu. Die daraus resultierende Popularität weiß er allerdings nicht nur für sich zu nutzen. In der von Regis Philbin geleiteten US-Ausgabe von "Who Wants To Be A Millionaire?" sammelte er 125.000 Dollar für seine "Tony Hawk Foundation", die sich um den Aufbau von lokalen Skaterparks kümmert.

Bei Google finden sich 725.000 Einträge zu ihm - obwohl der Skatesport seit jeher davon lebt, nicht zu populär zu werden. Skate-Events, Fachmagazine, professionelle Skatervideos oder eben Konsolenspiele sind für die immer wieder totgesagte Skaterkultur die selbst entwickelten Kommunikationsmittel, in denen der aktuelle Standard festgesetzt wird. Der gegenseitige Respekt für andere Skater, deren Tricks und Styles wird dabei immer wieder beschworen, auch wenn einzelne wie Danny Way oder Bob Burnquist überproportional im Rampenlicht stehen. "Die Anerkennung und das Wissen um Skateboarding hat sich wirklich verbreitert. Vor Jahren hätte niemand gewusst, was ein '360° Flip Noseslide' ist, und auch nicht interessiert. Jetzt sehen die Leute im Spiel, was mit so einem Manöver gemeint ist."

Filme wie "Dogtown & Z-Boys" (siehe Intro #100) sind erste Anzeichen, dass die historische Aufarbeitung der Skaterkultur begonnen hat. Das seit mehr als zwanzig Jahren existierende US-Fachmagazin Transworld Skateboarding widmet in der Winterausgabe 2002 rund vierzig Seiten einer Retrostrecke mit Bildern des Fotografen James Cassimus oder Exponaten aus der Sammlung von Lance Mountain. Ist dies nun ein innerer Reifeprozess oder nur ein Anzeichen dafür, dass Skaten ein Mainstreamsport inklusive olympischen Ambitionen geworden ist? Die Antwort fällt auch Tony Hawk nicht leicht. "Solche Filme helfen schon, das Verständnis für den Sport auszuweiten. Heutzutage fragen mich Kids, warum ich Vert-Ramps fahre. Ich muss dann immer erklären, dass man damals entweder in Pools oder als Freestyler geskatet ist. Aber Freestyler waren als Nerds abgestempelt, und deswegen bin ich in Pools gefahren. So etwas wie modernes Streetskating gab es damals nicht, und erst wenn sie so etwas in Magazinen oder Filmen sehen, begreifen sie es."

Abseits von Kultur und Sport zieht sich die geschäftliche Komponente wie ein roter Faden durch seine Karriere: 1983 bekam Hawk seine ersten Royalties (85 Cent) für das erste unter seinem Namen verkaufte Skateboard. Mittlerweile ist die von ihm Anfang der 90er gegründete Firma Birdhouse vom Kleidungsmajor Quicksilver lizenziert worden, und auch seine Firma HawkShoes (Werbeüberschrift: "The Sky's Not The Limit ...") kann nicht über ihre Absätze klagen. Und doch achtet er im Interview darauf, dass diese Meldungen nur Mittel zum Zweck sind. Lieber featurt er seine "Boom Boom Huck Jam Tour", einen modernen Funsportzirkus, der Skateboarder wie Bucky Lasek oder Shaun White, BMX-Fahrer wie Dave Mirra, Mat Hoffman und Motocross-Fahrer wie Carey Hart oder Mike Cinqmars sowie - bemerkenswert - als musikalisches Rahmenprogramm Offspring und einen raren Auftritt der Elektronikpioniere Devo präsentiert. Überhaupt sind Musik und Skateboarding laut Tony Hawk (33) "eine Einheit" und seine Favourites breit gestreut. Auf dem ersten Platz "London Calling" von The Clash, es folgen The Beatles ("Sgt. Pepper's ..."), Jane's Addiction, AC/DC und Pixies. Und natürlich kann man Eddie (a.k.a. Metal Head, den Skelettcharakter von Iron Maiden) als Figur im Videospiel frei schalten ...

"Tony Hawk Pro Skater 4" (Activision) ist für PlayStation 2, Xbox und GameCube erhältlich.

Tony Hawk: "Tony Hawk - Beruf: Skateboarder" (Monster Verlag / Tropen Verlag)