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Kochen Mit Knochen

Tony Allen

Der Mann ist eine Legende. Weise lächelnd sitzt er in seinem Sessel, in der Wohnung von Freunden, und wundert sich, dass ihn dort so viele Journalisten besuchen kommen. Sie alle wollen mit ihm über sein neues Album sprechen. Immerhin ist Tony Allen schon seit Ende der 40er-Jahre des letzten Jahrhund
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Der Mann ist eine Legende. Weise lächelnd sitzt er in seinem Sessel, in der Wohnung von Freunden, und wundert sich, dass ihn dort so viele Journalisten besuchen kommen. Sie alle wollen mit ihm über sein neues Album sprechen. Immerhin ist Tony Allen schon seit Ende der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts aktiv. Gilt als einer der begabtesten Drummer Nigerias. Und hat als "backbone" der legendären Band Africa 70 (um Mastermind Fela Kuti) den Afrobeat erfunden. Seitdem hat er auf Hunderten von Platten mitgespielt. Vergangenheit. Jetzt blättert er amüsiert durch das aktuelle Intro und freut sich darauf, zwischen all diesen anderen "kids" stattzufinden mit seiner Musik.

Auf Tony Allens neuem Album "Home Cooking" finden sich neben der alljährlichen Afrobeat-Wiederbelebung auch etliche Techtelmechtel mit der Moderne. Damon Albarn von Blur und der Rapper Ty teilen sich das Mikrofon mit dem Hauptdarsteller Doctor L., und die Unsung Heroes haben produziert. Wie schon bei Allens letzten beiden Longplayern ist die kontemporäre Elektronik eine perfekte Ehe eingegangen mit dem Sound, der Tony Allen jetzt schon so lange begleitet.

Herr Allen, Sie scheinen im Gegensatz zu anderen Koryphäen Ihres Alters ein sicheres Händchen für die richtigen Produzenten zu haben.

Oh, danke. Wie das halt so ist heute, im Musikbusiness. Produzenten, Produzenten, Produzenten. Du musst einen haben, wenn du eine Platte aufnehmen willst. Ich habe ja auch schon so viele Alben gemacht, da wäre es außerdem langweilig, wenn ich alles alleine machen würde. Wenn überall nur Tony Allen draufstände, fände ich das nicht gut. Ich spiele ja schon die ganzen Drums und singe viel. Das reicht. Außerdem habe ich, glaube ich, einen Hang zum Über-Produzieren. Da ist es besser, wenn ich das Material anderen überlasse. Ich habe gute Berater, hehe.

Wie hat man sich so eine Produktion dann vorzustellen? Obwohl Sie Produzenten aus dem Elektronik- und HipHop-Lager haben, klingt die Musik fast wie live ...

Ganz einfach. Ich spiele alles live ein, genauso wie die anderen Musiker. Und die Produzenten packen das alles in ihren Computer. Pro-Tools. Von analog zu digital, hehe. Und weil ich sowieso Loops spiele, brauchen sie gar nicht mehr so viel zu machen. Eher nehmen sie etwas heraus oder so. Ich habe ja außerdem eine Menge Erfahrung, ich mache das ja jetzt schon über ein halbes Jahrhundert. Ich könnte ein Professor sein, wenn ich in einem anderen Feld arbeiten würde, hehe.

Aber Sie gelten doch längst als einer. Warum haben Sie sich eigentlich den Platz am Schlagzeug ausgesucht?

Ich habe andere Instrumente getestet. Bass, Saxofon, Gitarre. Das war aber gar nicht mein Ding. Die meisten meiner Freunde wollten keine Drums spielen. Sie wollten ins Rampenlicht, solo spielen, vorne an der Bühne stehen. Ich habe sofort verstanden, dass es eigentlich viel wichtiger ist, das Rückgrat von etwas zu sein. Nur da hast du die totale Kontrolle, das hat mich gereizt. Und es gab so gut wie keine anderen Drummer in Nigeria. Deshalb war ich schnell besser als die paar, die es noch gab. Wenn ich spiele, dann hört sich das an wie vier Schlagzeuger auf einmal. Selbst wenn du Tony Allen auf einem Konzert mal nicht sehen kannst - du kannst ihn aber die ganze Zeit fühlen. Die Vibes kommen von hinten, hehe.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Schlagzeuger aus?

Man muss Bass haben. Fundament. Die meisten Drummer sind nicht wirklich gut, weil sie viel zu viele Noten spielen. Ich spiele wie ein Metronom, und ich übe immer mit Metronom. Deshalb kann ich wie ein Drum-Computer sein, ich mache eigentlich nichts anderes, als Loops live zu bringen. Mit dem Unterschied, dass ich mehrere Loops auf einmal spielen kann, hehe.

Letztes Jahr gab es ein Remix-Projekt namens Allenko Brotherhood Ensemble, auf dem DJs und Produzenten wie Cinematic Orchestra oder Biggabush aus Ihren Drum-Beats neue Tracks gemacht haben. Mochten Sie das Ergebnis?

Oh ja, und wie! Mein Label hatte diese Idee, und ich fand das von Anfang an sehr gut. Viele verschiedene moderne Köpfe überdenken meine Musik. Das war ein tolles Gefühl, als ich das Ergebnis in den Händen hielt.

Sie leben und arbeiten in Paris. Ist die Stadt wichtig für Sie, oder könnten Sie sich vorstellen, eines Tages wieder nach Nigeria zu gehen und dort zu leben?

Oh, Nigeria. Eine komplizierte Sache. In Deutschland sprecht ihr ja alle die gleiche Sprache. Ihr versteht, was der andere meint, auch wenn ihr das vielleicht nicht mögt, was er sagt. Aber wir in Nigeria haben 101 verschiedene Sprachen, und ich rede nicht von Akzenten, sondern von völlig verschiedenen Sprachen. Du gehst ins nächste Dorf, und keiner versteht, was du sagen willst. Und dann haben wir natürlich Englisch, aber das ist ja nicht wirklich unsere Sprache. Die Leute in Nigeria können nur sehr schwer miteinander kommunizieren, deshalb wird es wahrscheinlich immer sehr schwierig sein mit der Politik. Die einzige gemeinsame Sprache, die wir in Nigeria haben, ist Musik.