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Heureka

Tomte

Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Leute so sprechen würden.
Geschrieben am
Was machen Tomte da eigentlich? Statt den vorbestimmten Weg der Dinge zu gehen, der da heißt: ab spätestens 30 darfst du nicht mehr umdrehen, stemmen sie sich mit allem Wissen gegen den für einen selbst richtigen Weg und klingen in diesen Momenten mal eben wie vor drei Alben, also wieder ungestümer im Sound, rauer: sie weisen die Glätte, die die letzten beiden Alben für all jene schwer greifbar gemacht hat, die den langen Weg durch sonnige Nächte mit ihnen schon so lange gehen, in die Schranken. Und wirken dabei keineswegs regressiv.

Tomte sind für mich die deutschen All bzw. Descendents - aber natürlich ganz anders. Thees Uhlmanns Texte geben der ewigen Datingwelt Kaliforniens eine zweite und dritte Ebene mit dem sie noch immer bestimmenden Themenkosmos vom Weg des Lebens, der ewigen Freundschaft und dem Tod - und das so nonchalant, wie es nur jene tun können, die gelernt haben, wann es richtig ist, die Gefühle laufen zu lassen und all die Nachdenklichkeit hinten anzustellen. Wie heißt es in "Küss mich wach, Gloria" so prägnant: "Du nennst das Pathos und ich nenn das Leben." Klar kann man sich jetzt wieder am Kitsch reiben, aber man kann auch mal vorher nachdenken und das Maul halten. Für all jene, die das immer noch nicht verstanden haben: In dieser Störrischkeit der Themen auf "Heureka" zeigt sich, wie früh Thees Uhlmann diese Themen für sich als die richtigen gefühlt hat. In seiner Welt ist kein Platz für Berechnung. Kein Platz für aus Egobefindlichkeiten und Kalkül aufgemachte Schauplätze. Nur Platz für das, was er Leben nennt. Und, jetzt werde ich mal pathetisch: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Leute so sprechen würden.

Natürlich geht das nicht immer gut. Ein Song wie "Es ist so, dass du fehlst" beispielsweise ist mir musikalisch in seiner Liaison aus Element Of Crime und Céline Dion nicht ganz koscher, wobei die Bilder ("Du bist das Beil, ich bin der Wald, hier hat noch jeder, jeder gezahlt") die klangliche Gefühlsduselei angenehm brechen. Trotzdem, und da sind wir wieder bei All/Descendents: Tomte will man nicht weichgezeichnet, Tomte will man als Emo-Styler, Working-Class-Rocker. Wenn sie das abliefern, will man dabei sein. Keiner hat das so gut drauf wie sie, diesen Emo-geprägten, UK-Rock-beeinflussten Sound, gespickt mit dem gewissen musikalischen Weitblick, der ihnen Möglichkeiten gibt, wie sie die einfacher ausgestatteten Bands des Genres nie haben werden. Solange das Basisstück diesen Emo-UK-Spagat erfüllt, arbeiten Klavier und stilistische Raffinesse, die man sich über die Jahre angeeignet hat, dem zu; wenn das Boot aber, wie im Großteil der zweiten Albumhälfte, eher auf ruhiger See schippert, dann verlieren die Songs ihre Stringenz, ihr Leitmotiv, schippern so vor sich hin ohne wirkliche Existenzberechtigung.

Das Kernstück des Albums ist sicherlich "Wie sieht's aus in Hamburg". Beim ersten gemeinsamen Hören erzählte Uhlmann von kritischen Reaktionen aus Hamburg. Was man verstehen kann, das Stück kann man tatsächlich falsch lesen mit Textzeilen wie "wer ist pleite und wer ist fertig und wer hat es ans Ufer geschafft", "deine Geschichte, die auf ein Reiskorn passt" oder "alle 100 Jahre kommt jemand wie ich und nimmt dich mit". Aber ehrlich, Leute, Leute, wenn einer zwischen Pudels und Schanze geblutet hat mit und für euch, dann dieser Kerl. Und wenn einer in seiner "Ich will die ganze Welt knuddeln"-Haltung nicht fähig ist, Arroganz wirklich performativ zu leben, dann er. Insofern: Nehmt es als Wissen um die Probleme des Lebens, die Nichtigkeit der eigenen Existenz und vor allem als eine Geste der Sehnsucht, die nur sehr mannsartig verpackt ist. Hier spricht einer von vielen, die nach Berlin rübergemacht haben, aber - so wohl sie sich dort fühlen, und so richtig es für sie als Einzelne auch ist - noch immer ein Stechen in der Brust spüren. Da spricht, wenn man tiefer gräbt, das Heimweh. Was an "Wie sieht's aus in Hamburg" abseits dieses Kriegsschauplatzes wirklich auffällig ist, ist das textliche Neuland, das Thees Uhlmann hier betritt mit Zeilen wie "du bist ein hübscher Junge / in einem schönen Quartier / fühl dich einmal wie ein König / ich weiß, heute Nacht geht jemand mit zu dir". Das hat was von den verträumt-melancholischen Berichten aus den Hamburger Kneipen, wie sie uns einst Tilman Rossmy geschenkt hat, nur eben nicht aus der Sicht des Indie-Playboys protokolliert, sondern als väterlicher Zuspruch. Wenn er da textlich dranbleibt, wird es spannend.

Was bleibt? "Heureka" ist ein Album mit vielen großen Momenten. Ein Album mit einer unglaublich guten ersten Hälfte, in der sich mit dem Titelstück, "Wie ein Planet", "Der letzte große Wal", dem besagten Hamburg-Stück, "Voran voran" und dem extrem ambitionierten "Küss mich wach, Gloria" gleich sechs Songs aneinanderreihen, die zum Besten der Band zu rechnen sind. Leider hat das Album aber auch eine eher schwache zweite Hälfte. Nun ja, wann haben beispielsweise Oasis, die Band, die Thees Uhlmann so liebt, so ein Quote zuletzt hinbekommen? Wie heißt es in "Wie sieht's aus in Hamburg" ebenfalls leicht missverständlich? "Halte durch" - einerseits die Ansprache an den anderen, der noch mittendrin steckt, gesprochen von jemandem, der es rausgeschafft hat, aber zugleich gesprochen von jemandem, der noch sehr gut weiß, wie sich das anfühlt und sich bewusst ist, dass man sich nie sicher sein kann, dass die Dinge linear weiterlaufen. In diesem Sinne: Tomte haben schon so viel länger durchgehalten als die meisten Bands ihrer Generation; und ich bin mir sicher, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. Da ist noch einiges an Songs und Texten drin.