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Knochenmühle

Tom Waits

Seit dem Film »Down by Law« von Jim Jarmusch ist TOM WAITS mehr der Filmstar aus der Gosse als der Musiker aus der Nachtbar. Sein neues Album »Bone Machine« (Island/BMG) ist mehr Knochen als Fleisch: Die Musik ist abgemagert. Üppig ist nur die Stimmung, mit der jemand aufbricht, um eine Flasche bis
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Seit dem Film »Down by Law« von Jim Jarmusch ist TOM WAITS mehr der Filmstar aus der Gosse als der Musiker aus der Nachtbar. Sein neues Album »Bone Machine« (Island/BMG) ist mehr Knochen als Fleisch: Die Musik ist abgemagert. Üppig ist nur die Stimmung, mit der jemand aufbricht, um eine Flasche bis zum Rest zu leeren.
Der Müll der Wohlstandsgesellschaft ist der ästhetische Rahmen der Armut: Vom normalen Leben und Arbeiten ausgeschlossen, verbleibt nur der Handel (mit Drogen) und Wandel (Konfliktlösung mit Waffen) auf der Straße oder im Hinterhof. Das ist der Stoff, aus dem TOM WAITS' Texte sind.

FLEISCH

Die Beschreibung des anderen Amerikas, fern von Glam und Glitter, begaqnn 1973 mit TOM WAITS' Debüt »Closing Time«. Zwar machte das Stück »Old 55« die EAGLES zu Millionären, änderte aber nichts an der Vorliebe WAITS',die »Underdogs« zum Mittelpunkt seiner Gesangstexte zu machen. Als Chronist der Außenseiter entstand »The Heart of Saturday Night« 1974 mit Songs aus dem Rotlichtmilieu. Die Hinwendung zum Barjazz kontrastierte wunderbar mit der verschrammten Stimme Waits', der sich hörbar um den Gesang bemühte. Stilistisch erweitert wurde nach »Nighthawks at the Diner« 1975, einem kongenialen Live-Doppelalbum; 1976 der Barjazz von »Small Change«: Symphonische Elemente erweiterten die Ausdruckskraft der Songs in ungehörtem Maße. So verband »Foreign Affairs« 1977 mit dem Stück »Potters Field« und »Blue Valentine« 1978 Elemente des Jazz und der Klassik.

Nach einem Schlenker Rhythm & Blues mit »Heartattack and Wine« 1980 wendet sich WAITS auch dem Film zu: Neben dem Soundtrack zu Coppolas »One from the heart« spielt er selbst kleinere Rollen in »Rumble Fish«, »Cotton Club« von Coppola und eine Hauptrolle im inzwischen zum Kultklassiker gewordenen »Down by Law« von Jim Jarmusch.

Seine Musik ändert sich in dieser Zeit mit »Swordfishtrombones« 1983. Plötzlich sind die Jazzelemente den Gully 'runtergespült und der Schrottplatz geöffnet: Die Musik klingt roh, blechern und mit Fundstücken angereichert, die arrivierte Musiker wohl niemals anfassen würden. Den Auftakt zu seiner Trilogie führte er mit »Raindogs« 1985 weiter und mit »Frank's wild Years« zu Ende. In dieser Zeit begegnen wir Gangstern, Dealern, Vietnamveteranen, verrückten Kleinbürgern, kurzum dem gesamten gescheiterten »American Way of Life«. Die Zwischenstationen »Big Time« 1988 und »Night on Earth« 1991 mit In¬strumentalmusik wirkten dagegen wie das Atemholen für den erneuten Gang in den Keller.


KNOCHEN

Das aktuelle Lebenszeichen von TOM WAITS klingt wie die endgültige Abkehr vom Singer/Songwriterklischee. Rechnet man die zwölf Platten des 43 jährigen wie Knochen zusammen, findet sich zwar mehr Fleisch am kreativen Gerippe wieder, aber dafür verwest bei »Bone Machine« nicht viel. WAITS befindet sich in der wunderbaren Position, alles ohne Einschränkung machen zu können, und er nutzt die Situation bis zum Erbrechen: Andere Musiker würden mit dieser Musik keinen Plattenvertrag bekommen. Demobandqualitäten scheppern aus den Lautsprechern, so daß die CD spielend mit der Akustik von Proberäumen verglichen werden kann. Die Stimme klingt wie durch ein Megaphon gesungen, und wenn der Meister nicht schreit oder grunzt wie CPT. BEEFHEART, dann wimmert er.

Wer so mit den Knochen um sich schmeißt, hat keine Zeit mehr für langatmige Geschichten: Die Texte sind kurze,
knappe Wortfetzen, die zum rudimentären Geklapper den passenden Überbau liefern für die Beschreibung von Orten, an denen sich niemand gerne aufhält: »Das sind legitime Orte für Songs. Viele Songs leben dort. An diesen Orten grabe ich seit neuestem.«