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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zimmer 483 & Girlfriend (Single)

Tokio Hotel & Avril Lavigne

Die derb überzeichneten Manga-Alter-Egos der Zwillinge Bill und Tom machen es einem wirklich leicht, Sympathie für das gestresste Pop-Phänomen Tokio Hotel zu entwickeln. Auf Anhieb steht einem die Magdeburger Trinkerjugend mit ihren hochdisziplinierten Tour- und Welteroberungsplänen und den aufwendi
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Die derb überzeichneten Manga-Alter-Egos der Zwillinge Bill und Tom machen es einem wirklich leicht, Sympathie für das gestresste Pop-Phänomen Tokio Hotel zu entwickeln. Auf Anhieb steht einem die Magdeburger Trinkerjugend mit ihren hochdisziplinierten Tour- und Welteroberungsplänen und den aufwendigen Masken näher als ihr schmieriges Schönlings-Pendant US5. Klar. So ist es ja auch gedacht, stammt die verrückt anzusehende Pose der Band letztlich ja doch auch aus dem Glam-Indie-Fundus. Kein Wunder also, dass man selbst als Intro-Spacko das Ergebnis durchaus knuffig finden kann. Aber auf Pop-Blasen wie Tokio Hotel als vornehmlich seriöses Musikmagazin abzugeilen – das ging vielleicht vor 15 Jahren noch als Subversion durch, heute ist Durchwinken aber an allen Fronten derart universell geworden, dass es auch keine Distinktion verspricht, sich für durchgeknallten Teenie-Schock-Rock stark zu machen. Soll heißen: Es gibt nichts zu sehen, zu holen und nichts mehr zu beweisen, geht aber trotzdem jetzt los:

“Wir haben alles ausprobiert / Die Freiheit endet hier / Wir müssen jetzt durch diese Wand / ... / Vor uns bricht der Himmel auf.” Und so weiter und so fort. Das ist die neue Tokio-Hotel-Single “Übers Ende der Welt”. Kenner der Materie und die Nachbarskinder finden es dabei sicher einen Tick zu gut gemeint, den neuen Hit derart als Sequel von “Durch den Monsun” anzulegen. Man muss ja kein Medienprofi sein, um im Planungsstab eines Acts wie Tokio Hotel Gewinnoptimierung und Vampirismus zu spüren. Aber man ist als Kunde, der sich dieses herrliche Ungestümheitsgulasch der Band gern verkaufen lässt, ja eben doch sensibel dafür, wie stark das manipulative Moment in den Vordergrund tritt. Und da knirscht es bei der neuen Single und dem Second-Coming des Monsun-Textes schon gewaltig. Bitte etwas fantasievolleren Service in der Bilderschmiede hinter den Kulissen! Immerhin ist es ein hoch zu schätzendes Gut, wenn man für eine neue Generation die Slogans von Selbsterleben, Bedeutungssehnsucht und Jugendlichkeitskult texten darf. So viel zur Kritik. Auf Strecke ist das Album dann aber weit liebevoller als erwartet. Es gibt Mid-, Up- und Downtempo, Bills Gesang kommt markant und nicht gerade variabel, und viele der Texte (“Ich brech aus”, “Wo sind eure Hände”, “Nach dir kommt nichts”) erinnern an die erste Spillsbury – das musste doch auch mal gesagt werden und soll keiner der beiden Parteien Schande bereiten. “Zimmer 483” quillt über von herbeiventilierten Grenzerfahrungen, die Universalien anrufen und in ihren konkreten Forderungen aber natürlich leer bleiben. Tokio Hotel erzeugen die tollen Gefühle von Einmaligkeit, Zorn, Ausbruch, lassen aber horoskopartig alles für jeden offen. So kann man die eigene Entfesselung aufrufen, während man trotzdem nur beflissen eine Lehrstelle und einen auch nur irgendwie gearteten Platz sonst wo sucht. Damit kommodifizieren Tokio Hotel sicher nicht fahrlässig etwaiges revolutionäres Potenzial einer Generation, sondern liefern lediglich geil ab. Rock’n’Roll und Hysterie haben nie anders funktioniert, und die Rolling Stones sind und waren schon immer genauso staatstragend wie Tokio Hotel. Also gute Demokraten. Fazit in diesem Fall: Schöne androgyne Außerirdische machen einen guten Job in dem limitierten Rahmen, den es immer wieder auszufüllen gilt.

Ein richtiggehend schlechtes Gefühl beschleicht bei der neuen Single von Avril Lavigne. Ihr Sound ist schicker geworden, okay und keine Frage. Denn auch wenn der Bubblegum-MTV-Punk eine nette Nische ist, darf man ihn für eine nachhaltige Solostar-Karriere als hinderlich betrachten. Faustregel: Punk-Roots gern, Punk-Realität besser nicht. Unter diesen Voraussetzungen passend, dass Avril einen Schritt weggeht vom Band- und Casual-Image und mit ganz anderer Produktion schon so einen Anflug von Junior Gwen Stefani auffährt. Alles verstanden, alles dufte. Was aber nicht noch mal zu ertragen ist, ist die beknackte Frauenrolle, die Avril schon wieder anbietet. Bei “Skaterboi” mochte man die Geschichte ja mal durchgehen lassen: Also, dass das tough Girl davon singt, wie sie sich den Bandtypen schnappt und ihn auf der Bühne anhimmeln darf statt ihre einstige Konkurrentin. Dieser Hit eines früheren Albums war so eine Art unsolidarische Version des Ärzte-Hits “Zu spät”. Aber bei “Girlfriend”, der neuen Single, geht es doch schon wieder um so einen Scheiß: Ein Nerd-Mädchen geht mit einem Typen und wird von der cooleren Avril weggemobbt – denn die inszeniert sich ja als dieser alte Jungs-Magnet, ist über Girl-Zicken erhaben und ein bieriger, aber total auf sexy gestylter Pin-up-Kumpel, der sich eben schon immer mehr mit Typen rumgetrieben und seiner Barbie früh den Kopf abgebissen hat. Sorry. Diese anbiedernde Rolle führt doch zu nix Gutem, nervt und funktioniert gerade auch mit dem neuen Styler-Image überhaupt nicht mehr. Na ja, vielleicht klappt es wenigstens mit dem erhofften Ticket fürs “Junge Hollywood” und damit Backstage abhängen mit Ashton Kutcher, Lindsay Lohan u. ä. Zu mehr taugt Avrils Ex-Powerentwurf jedenfalls dieser Tage nicht.