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Mein Song und seine Geschichte (extended version)

Tocotronic über die Entstehung von »Kapitulation«

Als wir das Label um ein Interview mit Dirk von Lowtzow zu diesem Lied baten, lautete die Antwort: »Die Idee klingt – dem Elend entsprechend – toll!« Das trifft die Sache doch ganz gut. Tatsächlich mussten wir feststellen, dass es bei unserer Geschichte und der von »Kapitulation« viele Parallelen gibt – und auch ein wenig Trost, denn für Tocotronic entpuppte sich die Kapitulation ja später als Siegeszug. Protokoll: Daniel Koch

Geschrieben am

Umsetzung:
Daniel Koch

Tatsächlich kann ich mich sehr bildlich an die Entstehung des Songs erinnern. Ich habe ihn nachts geschrieben – deutlich angetrunken. Davor war ich auf einem Konzert der US-Band Wolf Eyes, das mich total fasziniert hat. Ich betrank mich danach ein wenig mit Freunden, war so um eins zurück und setzte mich noch an den Schreibtisch. Mir schwirrten vorher schon ein paar Zeilen durch den Kopf: »Wenn du vor dem Scheitern stehst, wenn das passiert, dann das ...« Oder so. Das war aber mehr in Richtung Erlösung gedacht. Vielleicht hat es das Krachfanal des Wolf-Eyes-Konzerts ausgelöst oder auch der Alkohol, aber plötzlich hatte ich dieses unheimlich starke Wort »Kapitulation« vor Augen und eine erste Fassung wie im Rausch runtergeschrieben. Einfluss hatte vielleicht auch ein Konzert, das wir im Mai 2005 auf dem Alexanderplatz gespielt hatten – eine Art deutschlandkritisches Konzert zum Tag der Befreiung. Da fiel das Wort Kapitulation ebenfalls sehr oft.

Mit Blick auf unsere Bandgeschichte muss man wissen, dass wir uns damals an einem Scheideweg befanden. Das Album davor, »Pure Vernunft darf niemals siegen«, wurde noch bei L’Age D’Or veröffentlicht – unserem langjährigen Hauslabel, das natürlich viel mehr war als nur ein Label. Die Leute dort waren Heimathafen und Familie zugleich – und das Label stand vielleicht noch für diese »alte Welt« der Indie-Labels und Fanzines. Dass Lado pleiteging, war für uns eine Zäsur. Ich sehe da deutliche Parallelen zum Ende von Intro. Was man heute in der Medienlandschaft erlebt, war damals in der Musikindustrie akut: Man spürte unmittelbar, wie die Plattenverkäufe deutlich zurückgingen, dass die Musikindustrie kämpfte, dass da ein Umbruch im Gange war. Vielleicht noch nicht so krass wie heute mit der fortschreitenden Digitalisierung, aber es war klar, dass es in Zukunft einen anderen Weg geben wird, Musik wahrzunehmen. Aus dieser Zertrümmerung und diesem Scheitern bei L’Age D’Or mussten wir einen Neuanfang bauen. Das war unser Einstieg beim nicht ganz kleinen Label Universal, der natürlich von Unsicherheit, Ängsten und Zweifeln begleitet wurde. Das war der bandbiografische Hintergrund, warum uns ein Album mit dem Namen »Kapitulation« so passend zur Wahrnehmung dieser Zeit erschien.

Die Platte und der Song wurden sehr politisch aufgenommen. 2006 und 2007 griff ja dieser Sommermärchen-Hurra-Patriotismus um sich. Gleichzeitig gab es viele Künstlerinnen und Künstler, die das musikalisch aufgriffen und das unverkrampfte Deutsch-Sein feierten. Es gab unzählige Zeitschriften-Cover, die was von den »jungen Deutschen« faselten, oder Sampler mit so ekligen Namen wie »Die Deutschen kommen«. Das waren hässliche Auswirkungen, denen wir etwas entgegensetzen wollten. Deshalb hatten wir ziemliches Muffensausen bis zur Veröffentlichung, weil es eben so konträr zum herrschenden Zeitgeist war. Wir fragten uns gar, ob »Kapitulation« unser Ruin wird.

Die breite Diskussion über die Themen der Platte, die darauf folgte, haben wir sicher auch der Musikpresse zu verdanken. Damit sind wir dann wohl wieder beim Ende von Intro, das ich sehr bedaure. Uns gibt es ja fast genauso lange, und ihr wart eines der ersten Magazine, das sich für uns interessierte. Dass es Intro bald nicht mehr gibt, ist für mich eine ähnliche Zäsur wie das Lado-Ende damals. Der Bedarf an klassischem Musikjournalismus scheint zu schwinden, was schade ist, da für mich die Verbindung zwischen Musik und Kritik immer sehr eng und befruchtend war. Das ist natürlich meiner Generation geschuldet: Ich bin vom Über-Musik-Schreiben und -Lesen mindestens genauso geprägt wie vom Musikhören. Ich habe mit 14, 15 Unmengen an Magazinen und Fanzines gelesen, was meine ästhetische Empfindung von Musik sehr beeinflusst hat.

Aber mir passiert gerade das, was der Musikpresse und dem Feuilleton auch manchmal passiert: Die Rezeption verstellt den Blick auf die Musik. Die hat ja im Falle von »Kapitulation« etwas Euphorisches. Was daran liegt, dass der Song eigentlich ein Gospel ist. Das war für uns auch immer ein bisschen der Witz. In Gospel-Liedern geht es formal oft ähnlich zu: Da findet man diese »Wenn du das machst, passiert das«-Konstruktion in den Strophen – mit dem Unterschied, dass bei uns eben nicht Gott kommt und dich erlöst, sondern das Wort »Kapitulation« reinknallt. Es ist also ein invertierter Gospel – mit der Erkenntnis, dass vielleicht manchmal die Niederlage selbst Erlösung bringt.

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