×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das neue Album »Wie wir leben wollen« Song für Song

Tocotronic Track-by-Track

Der große Umschlag ist zugestellt, die Stereoanlage hat ihr Fach gierig weit offen: Das diese Woche erscheinende neue Tocotronic-Album »Wie wir leben wollen« ist eingegangen. Wir schieben die Alltagsaufgaben beiseite und hören aufmerksam. Song für Song:
Geschrieben am

1.    »Im Keller«: »Hey, hey, ich bin jetzt alt« – an einer gesunden Selbsteinschätzung mangelt es den grauen Panthern von Tocotronic nicht. »Ich habe nichts gewollt, das Glück hat mich verfolgt« reimt Dirk von Lowtzow über ein freundlich-beschwingtes Stück Beat-Pop. Ein sonniger Einstieg.

2.    »Auf dem Pfad der Dämmerung«: Die Gitarren flirren ein wenig, Tocotronic haben von Dream-Pop genascht. »Die Kometen sterben stumm, auf dem Pfad der Dämmerung«. Kosmos und so, das passt ins Bild. Noch bieten die Vier keinen wirklich neuen Sound an.

3.    »Abschaffen«: Der erste große Slogan: »Denn die Revolution werde zuletzt den Tod abschaffen«. Naja, fast der erste große Slogan. Tocotronic bleiben in gemächlichem Tempo und kratzen an keinen Nerven. Stattdessen: Hallende Gesangseffekte, Background-Chor. Fast wie im Himmel in unserer Fantasie.

4.    »Ich will für dich nüchtern bleiben«: Erstmals wird’s ein bisschen rockiger. Wenn v. Lowtzow nicht wie Buddha darüber singen würde. Bei »nüchterner« Betrachtung ist das ein Song über durch Alkoholmissbrauch ausgelöste Beziehungsprobleme.

5.    »Chloroform«: Die erste große Überraschung: Tocotronic eröffnen mit Pedal-Steel-Gitarre. Dann aber wieder dieses in sich selbst ruhende Folk-Klangbild. »Schwäche wird gehuldigt, sie ist unser Glück«. Schaff alles ab.

6.    »Neutrum«: Tocotronic, wie wir sie lieben und so gerne mit ihnen rätseln: »Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung. Doch kein Teil von mir ist echt.« Dazu ein Sixties-Pop-Gewand, das etwas zackiger auch von Superpunk hätte stammen können.

7.    »Vulgäre Verse«: Dirk v. Lowtzow nimmt die erste Rolle des Albums ein: Das Leben auf Tour erinnert ihn an das einer eingeheirateten Adligen in vordemokratischen Zeiten. Ein opulenter Song mit einer Geschichte. Hübsch!

8.    »Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools«: Ein ähnliches Klangbild, Tocotronic haben sich mit Shoegazer-Bands auseinandergesetzt, weiß das beiliegende Presseschreiben. »Eine Krönung aus Glanz und Chlor« ist eine ins Bild passende Umschreibung. Das klingt opulent und vornehm distanziert und erinnert mich an die wortlose Unterwasser-Ästhetik in Bastien Vivès’ empfehlenswerter Graphic Novel »Der Geschmack von Chlor«. Vermutlich, weil ich das kürzlich las.

So fadet Seite 1 warm blubbernd mit einem von Rick McPhails Wohlfühl-Gitarreneffekten nach komfortablen sechseinhalb Minuten aus.

9.    »Die Verbesserung der Erde«: Seite 2 beginnt ungleich dramatischer. Mehr ausufernder Sound, weniger Story. »In Lücken zwischen Welten wirst du meine Pein vergelten«. Subjekt scheint jetzt nicht weniger als Mutter Erde zu sein. Ob das der Umweltschutzbewegung als neues Leitlied reicht?

10.    »Exil«: Noch mehr elegante Sixties, noch mehr leidiges Brit-Revival. »Sieh mich an. Ich bin ein bleicher Mann, der tanzt. Ich bin anders als die Anderen« könnte auch eine Jarvis Cocker-Übersetzung sein. Rockt.

11.    »Die Revolte ist in mir«: Und weiter rocken Tocotronic klassenkämpferisch: »Erfolgreiche Freunde. Pest der Existenz.« Aber natürlich folgt die Wende nur ein paar Zeilen später. Dennoch: Das ist eine Koppelung von Songs, bei der Jan Müller im Konzert moshen können wird.

12.    »Warm und grau«: Jetzt doch wieder Sound und verzagtes Tempo. Das hier wabert vollends durch die Gegend wie ein vertontes Gedicht. Rick McPhail darf mit Gitarre in einen leeren Raum.

13.    »Eine Theorie«: Der Klimax kommt ganz am Ende dieses zunächst leicht poppenden Stücks: Nach »Und wir müssen jetzt bereits in uns die Streiks organisieren« wirft McPhail die kreischende Gitarre zur Umschreibung innerer Konflikte an. Lautmalerei gelernt auf 1000 Vernissagen.

14.    »Höllenfahrt am Nachmittag«: Erstmals fängt v. Lowtzow an zu wettern. Das hat schon ein bisschen was von Wut, wie energisch er hier singt. Der Song zerrt mit zackigem Tempo, grollt, möglichweise wegen Übermüdung: »Schlaf wird mir verweigert sein«. Vielleicht kleine Kinder zuhause?

15.    »Neue Zonen«: Jetzt der Schritt Richtung Psych-Pop und Eurokrise: »Europas Mauern werden fallen«. Schöner Kontrast, denn wir wissen ja: Unser Reichtum ist aufgebaut auf Ausbeutung.

16.    »Wie wir leben wollen«: Ähnlich sanft geht es weiter. V. Lowtzows Stimme im Vordergrund, Schmale E-Gitarren-Figuren im Hintergrund. Ein zentraler Titeltrack im klassischen Sinn ist das sicher nicht. Stattdessen eine sonderbare Erzählerperspektive und eine Ahnung von Lovesong.

17.    »Unter dem Sand«: Zum Ende gibt v. Lowtzow noch mal den sinnlichen Interpreten völlig schräger Gesangsharmonien. Hildegard Knef lässt aus dem Jenseits grüßen. Immerhin findet der Song ein Ende für die ganze, voluminöse und vielseitige Platte: »Hier am Strand, wo ich lange stand, unter dem Sand, bin ich am Ziel angelangt«. Wie das Ziel aussieht, bleibt weitgehend offen. Alles andere wäre auch kurios gewesen.

17 Songs, fast 70 Minuten Spielzeit. Künstliche Verknappung ist Tocotronics Sache 2013 nicht. Ein bunter und zügelloser Reigen an mehrheitlich guten Songs hingegen schon. Überraschungen allerdings auch nicht. Ein weiteres Album der Tocotronic in Oberhemd und Hose. Sie profitieren von viel Zeit und Muße zur Auseinandersetzung und offenbar genügend kreativen Schüben. Uns wird’s sicher einen Gutteil von 2013 begleiten. Wertung braucht schließlich Zeit.

Tocotronic
»Wie wir leben wollen«
Vertigo Berlin / Universal / VÖ: 25.01.2013