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Neue Hymnen, alte Lügen

Tocotronic live in Köln

  11.11. ist in Köln, Tocotronic auch. Wer nicht in Karnevalslaune ist, findet sich beim Tocotronic-Konzert im E-Werk, nur um festzustellen, dass sich selbst die Band verkleidet hat.
Geschrieben am
11.11.2015, Köln, E-Werk  

Für die meisten der Besucher im Kölner E-Werk scheint es eine einfache Entscheidung zwischen Kostümierung und Konzert gewesen zu sein. Nur vereinzelt sieht man Menschen mit Kapitänshut, bunten Hosen oder Haarreifen im Publikum. Doch wer damit gerechnet haben sollte, dass Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Rick McPhail und Jan Müller die fünfte Jahreszeit hier am Rhein völlig ausblenden würden, wurde überrascht. »Wir gehen heute als Tocotronic. Die können nicht mehr«, ruft Lowtzow jeck in die Menge. Damit kommt das überwiegend ältere Publikum klar, denn die Kostümierung ist wirklich gelungen.  
Dass von Lowtzow vor dem ersten Lied »Wir fangen wie immer mit unserem Prolog an« verkündet, lässt die herbstliche Hallentour der Band dann mehr als routiniert erscheinen. Während sie bei den ersten Konzerten und Festivalauftritten zum neuen Album noch sperrig gewirkt haben, fügen sich die Lieder des selbstbetitelten elften Albums mittlerweile nahtlos in die über 22jährige Bandhistorie ein. Aus dieser wird querbeet rezitiert. Songs des Debütalbums »Digital ist besser« wie »Drüben auf dem Hügel« oder »Samstag ist Selbstmord« schmiegen sich an neue Songs wie »Die Erwachsenen« oder »Zucker«. Die Zeile »Neue Hymnen, alte Lügen« aus »Die Erwachsenen« scheint hier das Credo der Abendgestaltung zu sein. Den penetranten »Freaks« oder »Freiburg«-Forderungen des Publikums geben Tocotronic nicht nach und präsentieren ein ausgeglichenes Set aus neuen und alten Protestliedern. Bis auf einzelne »Alaaf« oder »Viva Colonia«-Ausrufe sorgt das Konzert weder für übermäßige Überraschungen noch für Enttäuschungen. Dass Dirk von Lowtzow den Song »Rebel Boy« als »schwulsten Song vom schwulsten Album« ankündigt, sorgt bei einigen Besuchern für Stirnrunzeln.  

Doch auch nach 22 Jahren Tocotronic zeigt sich das Publikum im E-Werk begeistert. Es wird nicht nur gepogt und gegrölt, am Ende gibt es anerkennende Pfiffe und »Zugabe«-Rufe. Nach einer längeren Kunstpause kommen die vier für »Let There Be Rock» und »Explosion« zurück. Als der hämmernde Bass bei »Explosion« verklingt, folgt noch ein Abgang, danach mit dem finalen »Pure Vernunft darf niemals siegen« eine weitere Zugabe. Für die letzten Karnevalsleichen an diesem Abend scheint dieser Titel Lebensmotto zu sein, für Tocotronic-Besucher ist es zumindest ein passender Abschluss für ein Konzert an diesem ehrwürdigen Datum.