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Tocotronic live in Karlsruhe

Ob politische Parolen, innere Brüche oder Liebeslieder – Tocotronic verstehen es nach mittlerweile 20 Jahren Bandgeschichte noch immer, sich ständig neu zu erfinden und ihr Live-Publikum zu fesseln. Auf dem Karlsruher Zeltival verzücken sie mit Charisma, Handküssen und einem Hauch von Revolte.
Geschrieben am
Samstag, 01.08.2015, Karlsruhe, Zeltival im Tollhaus

Songtitel wie »Pure Vernunft darf niemals siegen«, »Aber hier leben, nein danke« oder »Wir kommen um uns zu beschweren« eignen sich schon seit jeher als politische Parolen, die man wahlweise auf Wände sprühen oder T-Shirts drucken kann. Tocotronic sind mit ihren mittlerweile 20 Jahren Bandgeschichte eine echte Institution im deutschen Indie-Pop-Geschäft und auch das Feuilleton hat sie mittlerweile lieb. Die »Süddeutsche Zeitung« attestiert ihnen, »dem deutschen Indie-Pop das Denken beigebracht« zu haben, »Die Zeit« bezeichnet sie als »deutscheste Band der Welt« und der Spiegel ernennt sie gleich zu »Staatsdichtern«. In diesen Zuschreibungen zeigt sich die Sehnsucht nach einer Renaissance des »Volkes der Dichter und Denker.« Dass Tocotronic immer wieder ihr recht gebrochenes Verhältnis zu Deutschland thematisieren und auf antinationalistischen Veranstaltungen auftreten, fällt dabei unter den Tisch. 20 Jahre lang haben sie sich um Revolte, Kämpfe und innere Brüche gekümmert. 

Auf dem aktuellen »Roten Album« ist die Band mittlerweile konstruktiver geworden und widmet sich ganz der Liebe, während sie früher noch programmatische Inhalte und eine Menge Neins zelebrierte, zum Beispiel in »Aber hier leben, nein danke«. An diesem Abend auf dem Zeltival in Karlsruhe vermag eben jener Song Band und Publikum besonders zusammenzuschweißen. Die anfänglich schluffige Stimmung ist spätestens nach »This Boy Is Tocotronic« verschwunden. Bei ihrer nächsten geschrammelten Weltformel »Sag alles ab« wird deutlich, dass Tocotronic heute schneller, wütender und härter klingen als auf ihren Tonträgern. Und doch rettet sich die Band zwischen den Zeilen ins Ungefähre, allein die musikalischen Gesten stammen eindeutig aus der Post-Punk- und Grunge-Ära. Die instrumentalen Qualitäten beschränken sich größtenteils auf das gekonnte Schrubben von meist verzerrten bis verstimmten Gitarren, bis deren Feedback am Ende ganz allein im Raum stehenbleibt. Sänger und Chef-Lyriker Dirk von Lowtzow gibt den charismatischen Charmeur, verteilt Handküsse und bewahrt Contenance. In diesen Mann kann man sich bei jedem Konzert getrost neu verlieben. Es schwer zu glauben, dass Lowtzow die Vierzig überschritten hat, so jugendlich aufrührerisch funkelt der Glanz in seinen Augen. »Aber hier leben?«, schreit er mit erhobener Faust ins Publikum und erntet mit »Nein danke!« solidarische Grüße. Das »Tollhaus« verwandelt sich zwischenzeitlich zu einer Demonstration mit dem Motto »Dagegen«. Ganz können Tocotronic die Revolte nicht abschütteln, wie sie bei »Die Revolte ist in mir« beweisen. Besonders die Songs des neuen Albums legen innere Kämpfe und Wunden frei, zeigen das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft. Wer bei »Jungfernfahrt«, das Loztow dem kürzlich verstorben Bert Neumann widmete, keine Träne verdrücken musste, der besteht in seinem Inneren vermutlich aus Marmor.  
Mit »Ich möchte irgendetwas für dich sein« des 1996er-Albums »Wir kommen um uns zu beschweren« zeigt die Band, dass ihre alten Songs nicht an Aktualität eingebüßt haben und spielt eine absolut emotionale Version, die auch musikalisch aus dem punkigen Dreiakkordschema ausbricht und sich im Rausch der Lautstärke verliert.

Zurzeit gibt es in Deutschland wohl keine andere Band, die es besser versteht, die Angst des Bildungsbürgers vor dem animalischen Rock-Gestus mit Intellektualität und Schöngeist zu lindern – und gleichzeitig der narzisstischen Nabelschau ihres Publikums immer einen Schritt voraus ist. Dabei geht es nie um die Beschaffenheit der Welt, sondern vielmehr um die Positionierung zu  dieser und das Gefühl dabei. Echte Fan-Liebe beweist die Band, indem sie sich nicht zu schade ist, fünf Titel als Zugabe zu spielen. Echte Dienstleister eben.

Tocotronic

Tocotronic (Das rote Album)

Release: 01.05.2015

℗ 2015 Tocotronic Neu Gbr, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH