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Wie wir leben wollen

Tocotronic

Ja, mein Kind. Tocotronic werden nunmehr der Jahre 20 alt. Dieser Moment der Erweckung, den die Band sich und ihren Fans 1993 schenkte, hat sich ausgedehnt.
Geschrieben am

Autor: intro.de

Von der reinen Situation zum stabilen Zustand. Aus der Explosion wurde Gold. Im reinsten Sinne des Metalls, erreichte doch die letzte Platte, »Schall und Wahn«, sogar erstmals Platz eins der hiesigen Verkaufscharts. Wo andere Bands ihr kleines Fan- und Berechtigungsglück mit Redundanz demütig verteidigen, liegt der Fall bei den vier Post-Hamburger Enten ganz anders.

Tocotronic war und ist die schunkelige Liebe ihrer Anhänger nicht geheuer – im Gegensatz zu den heutigen Trost- und Verständnisarbeitern des Deutschpop lag ihr Ziel nie im Schulterschluss, auch wenn man sich noch so abgeholt und eingeladen fühlen mag. Diese Distanz ehrt die Band und ist in Kombination mit dem Lowtzow’schen Genie und der sympathischen Organik des Arne/Rick/Jan-Torsos sicher auch der Grund dafür, warum eine neue »Toco«-Platte auch im zwanzigsten Jahr noch so ein Ereignis darstellt. Obwohl streng genommen das Ereignis vor allem eine Entwicklung ist. Aus der Unmittelbarkeit des Beginns wurde die Pracht, aus Punk wurde Feierlichkeit, und aus dem von der Band heute besonders verhassten »authentischen« Ansatz wurde ein künstlerischer. (Wobei im jüngsten Interview mit der FAZ die Band bereits ihre eigene Geschichte umdeutet, man hätte schon damals das alles nicht so »echt« gemeint, Faulheit und kaputtes Mikro hätten das alles nur aus Versehen produziert. Aber klar, Jungs!)
Mit den 17 Stücken auf »Wie wir leben wollen« schreitet die Entwicklung nun voran: Die Acht-Spur-Soundästhetik ist wie geleckt (beziehungsweise eben nicht) und vermutlich Moses Schneiders Opus magnum. Aber liebe stets geschmähte, nerdige, schulterschlusswillige Toco-Fans, ganz ehrlich, was interessiert uns Sound? Wenn die Band uns schon auf Distanz lieben will, dann wenigstens her mit guten Songs. Und da fällt auf, dass trotz eben 17 Stücken erstmalig der all die Opulenz relativierende Hit-and-Run-Polterer fehlt. So was wie »Stürmt das Schloss«, »Sag alles ab«. Konsequent, nur eine Absage mehr an die stets rationierte Griffigkeit. New-Toco-Romantic-Stücke wie »Pfad der Dämmerung« erregen aber immer noch genug Aufsehen und Begeisterung. Nur wenn die Entwicklung weiter der von Phantom Ghost (dem Von-Lowtzow-Seitenprojekt) nachgeht und Das-Theater-lobende-Songs wie »Ich bin ein Neutrum von Bedeutung« bald Standard sind, dann verzweifeln wir scheißblöden Normalo-Fans langsam aber wirklich. Tocotronic! Wir sind bildbar und höflich – aber wollen halt auch unser Recht. Auch wenn Ihnen jenes seit jeher immer schon anrüchig war. Fan kommt von Fanatiker, das wissen Sie selbst, also lassen Sie uns zu all Ihrer Pracht doch einfach auch geschehen.

In drei Worten: Pracht / Ereignis / Distanz