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Interview: Alles Fake

Die Nerven sind nicht immer dagegen

Fürs Intro-Cover bekommen Die Nerven Fake-Eyelashes unter die Augen geklebt. Selbst schuld, warum nennen sie ihr Album auch »Fake«? Im Rahmen des Covershootings erklären Max Rieger (Gitarre und Gesang), Julian Knoth (Bass und Gesang) und Kevin Kuhn (Drums) Senta Best, warum das Thema auf der Hand lag. Außerdem geht es um die Unkontrollierbarkeit des Internets, um Orientierungslosigkeit und die Dämlichkeit der deutschen Sprache.

Geschrieben am

Laut Die Zeit seid ihr die am miesesten gelaunte Rockband des Landes. Aber soooo mies gelaunt kommt ihr mir gar nicht vor. Woher kommt diese Behauptung?
Max Rieger: Für uns war es anfangs ein Kampf, Medien und Journalisten begreifbar zu machen, dass wir, was wir machen, nicht machen, weil es das in den Achtzigern schon gegeben hat. Wir wollten eine Band fürs Jetzt sein und Musik fürs Jetzt machen, mit Schlagzeug, Gitarre und Bass, sind aber immer in so Ecken reingezwängt worden. Und sich diesen Status zu erarbeiten, eine Art Narrenfreiheit in diesem Haifischbecken zu haben, das hat uns diesen Ruf eingebracht. Die Bands, mit denen wir verglichen wurden, hab ich teilweise erst mal googlen müssen, weil ich die gar nicht kannte, so richtig verstaubtes Zeug wie Sonic Youth und so. Die kamen aus einem ganz anderen Kosmos, einer ganz anderen Zeit und mit ganz anderen Begebenheiten. Aber wir leben ja im Jahr 2018 mit Instagram und Facebook, und die Themen sind andere. Und die versuchen wir auf eine Art und Weise zu verarbeiten. Deshalb finden wir es schade, wenn Leute sagen: »Ja, die haben halt zu viel Wipers gehört.« Ich will eher, dass man unsere Alben neben Alben stellt wie ... hm, was ist denn jetzt gerade rausgekommen? Stell unser Album neben eins von Kanye West! Einfach, weil es hoffentlich was für heute ist.

Und wie steht ihr zum Begriff »Rockband«?
Max: Rockband ist okay, wie willst du es denn sonst nennen? Oder sag einfach Popband! Einige haben sich fast schon gescheut und ganz vorsichtig gesagt, dass manche unserer neuen Songs ja schon fast poppig daherkommen. Und ich dachte nur: »Ja, danke! Das war die Intention.« Einfach die Arroganz hinter sich zu lassen, den Zugang zur Musik für manche Leute erschweren zu wollen. Letztendlich ist es doch schön, wenn man Musik macht, die gehört werden will. Ich finde, es macht relativ wenig Sinn, eine Platte zu machen, die dann keiner anhören will.

In eurer Pressemitteilung stand auch, dass euch noch nie eine Platte so viel abverlangt hat.
Kevin Kuhn: Mit der Platte haben wir auch erst angefangen, – ich sag mal – Wert auf Präzision zu legen. Früher ging es immer eher um den Vibe und die Gesamtatmosphäre unseres Zusammenspiels. Ich fand es toll, jetzt beispielsweise mehr Detailarbeit zu machen. Dass wir auch Arrangements präziser gesetzt und eingespielt haben.
Max: Diesmal ging es nur um die Songs, wir wollten einfach gute Songs machen. Und das Album selbst war nur die Hülle dazu.

Aber will man nicht immer gute Songs machen?
Max: Klar, aber zum letzten Album sind wir tatsächlich mit so zehn verwaschenen Demos ins Studio gegangen und haben die in der Aufnahmesituation so gut es geht ausgearbeitet.
Kevin: Nicht alle, wir sind auch gerade von der Tour zurückgekommen, als wir »Out« gemacht haben. Und zu »Fake« haben wir schon sechs Monate nicht mehr gespielt.
Max: Genau, und deshalb hatten wir nicht mehr diese Routine. Und auch nicht dieses Dogma, dass es nach einer Liveband klingen muss. Vorher wollten wir immer eine Eins-zu-eins-Reproduktion einer Liveshow abbilden. Das Livealbum war eine Art Abschluss dieser Ära. Wir waren allerdings auch nie eine Band, die wöchentlich im Proberaum steht und die ganze Zeit miteinander abhängt oder so. Es ist – auch wenn das seltsam klingt – schon auch immer ein Kraftakt, wenn wir alle zusammen sind, weil wir eben alle so unterschiedlich sind. Wir haben auch quasi diametrale Interessen und Vorlieben. Und das ist total gut. Dadurch schaffen wir musikalisch was, das größer ist als wir drei zusammen.

In euren Texten klingt immer ein latentes »Dagegen« an. Seid ihr gerne dagegen?
Julian Knoth: Nee, wir fühlen uns da manchmal auch missverstanden.
Max: Diesmal haben wir ja sogar ganz konkret darauf Einfluss genommen: »Immer nur dagegen, aber gegen WAS.«
Julian: Ich bin einfach total gerne auch für irgendwas. Unsere Intention war zwar schon ein Dagegen, also gegen viele andere Bands. Aber eher was dagegenzustellen und nicht dagegen zu sein, nur was anderes zu machen. Das ist für mich aber kein Dagegen, sondern das sind halt wir. Aber das wird dann gerne so dargestellt und rutscht immer wieder in die falsche Ecke.

Und habt ihr schon den Anspruch, in euren Texten auf eine Art und Weise politisch zu sein?
Max: Hauptsache, es gibt keine konkrete Aussage. Ich will niemandem vorschreiben, was er politisch zu denken hat. Ich weiß nicht, was die Leute bewegt und wo sie herkommen. Ich weiß, wo ich herkomme, und zwar aus dem Elfenbeinturm, deshalb finde ich nicht, dass es in unserer Macht steht oder unsere Aufgabe ist, Meinungen zu geben. Trotz allem hat Politisches in unserer Musik Platz, aber hoffentlich auf eine abstraktere Art und Weise. Ich kann aber niemandem vorschreiben, was zu tun ist. Und ich will es auch absolut nicht. Ich will auch nicht, dass mir jemand was vorschreibt.
Julian: Eigentlich geht es eher darum, wie das Äußere auf einen selbst einwirkt und wie man sich dabei fühlt. Für mich ist das aber schon immer was ganz Persönliches. Und das transportiere ich mit den Texten und der Musik. Aber dabei geht es immer um ein Gefühl. Wie fühle ich mich, wenn Trump Präsident in den USA wird? Also auf eine abstrakte Art und Weise. Das Ereignis steckt zwar nicht unbedingt im Album, aber ein Gefühl ist vielleicht da. Sehr schwammig, schleierhaft und subtil, aber es ist da.

Ist der Albumtitel »Fake« auch so eine Art Gefühl?
Max: Als wir den Titel ausgewählt haben, ging es eigentlich weniger darum, dass wir irgendwann auf dem Intro-Cover landen und Fake-Lashes tragen. Es ging wie bei fast allen unseren bisherigen Alben darum, ein Wort zu finden, das kurz und schmerzlos mehr sagt, als es Buchstaben beinhaltet. Irgendwann tauchte »Fake« auf, und es war überall. Alles musste daran ausgerichtet werden, was heutzutage noch echt ist.
Julian: »Fake« ist einfach so richtig krass überladen. Das fand ich das Gute daran. Es gab den Titel diesmal vor dem Album, das hat dem Ganzen einen Überbau gegeben, der nicht zu konkret war, und es ist ja auch kein Konzeptalbum, aber als der Titel aufgetaucht ist, hat plötzlich alles Sinn gemacht.

»Fake« liegt ja tatsächlich schon seit einiger Zeit in der Luft. Ist das Internet schuld?
Julian: Die Digitalisierung. Mittlerweile sind ja die technischen Möglichkeiten so weit, dass du selbst Münder von Politikern manipulieren kannst. Das ist echt beängstigend.

Es kann ja auch jeder seine eigene Wahrheit ins Netz stellen, und dann steht die eben da. Und Leute glauben sie.
Julian: Ja, außerdem ist die Datenmasse jetzt schon nicht mehr zu bändigen. Nicht mehr redaktionell zu bewältigen oder richtigzustellen. Das ist vollkommen entglitten.

Superspannendes Thema! Ich lese gerade das neue Buch von Schlecky Silberstein. Der ist der Meinung, dass das Internet theoretisch erst mal weg müsste, weil es nicht mehr zu bändigen ist und wir zuerst den Umgang damit lernen müssen. Aber wie kriegt man das hin? Kriegt man es überhaupt noch hin?
Max: Da ist man, glaub ich, jetzt schon zu spät dran, man müsste wirklich vor allem junge Leute dafür sensibilisieren. Ich hatte noch das Glück, dass ich ohne Internet aufgewachsen bin, aber ich war so an der Schwelle. Als ich angefangen habe, es zu nutzen, war es noch was ganz anderes. Es war etwas Positives, wo man Dinge findet, die einem was geben. Heute hat sich selbst Google massiv verändert, alleine die Suchergebnisse. Wenn etwas heute nicht auf Seite eins der Google-Suche ist, dann existiert es nicht. Ich beobachte schon, dass ein paar Jahre lang komplett verschlafen wurde, was die Digitalisierung auslöst und wie wichtig sie ist, vor allem für junge Leute. Mir gibt es schon zu denken, dass die einfach ins Internet losgelassen werden und gar nicht wissen, wie sie damit umgehen und Dinge beurteilen sollen.
Julian: Ich weiß ja selbst fast manchmal nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Es ist mit so viel Schrott überladen, Verschwörungstheorien und einfach totalem Quatsch ...

Ich frage mich, ob das Internet sukzessive von vorne wieder aufgebaut werden müsste, von Leuten, die Ahnung davon haben und wissen, warum es entglitten ist.
Max: Hoffen wir einfach mal, dass die Algorithmen sich ändern, das ist so meine Prognose. Du kannst nicht die Datenmassen aufhalten, aber du kannst die Sichtbarkeit darauf verändern. Und darum geht es ja bei den Algorithmen. Das sind die Sachen, die Google und Facebook ins Schwitzen bringen. Dass das Internet mit dem ganzen Scheiß noch benutzerfreundlich bleibt. Allerdings führt das zukünftig dazu, dass das Internet nicht mehr dieser freie Raum ist, wo man was entdecken kann, sondern dass es wie eine verschlossene Tür ist, dass man vielleicht nur einen Vorraum begeht und alles dahinter verschlossen bleibt. Ich glaube, das ist auch die einzige Möglichkeit, das Ganze unter Kontrolle zu kriegen.

Noch mal zurück zum Thema »Fake«: Was ist eigentlich auf dem Cover los? Ein Feuer-Fake?
Max: Das Cover ist meine Liebe zu schlecht komprimierten JPG-Dateien. Lange Zeit war das ja gar nicht angesagt. Erst kam die digitale Fotografie, und es ging darum, wer die meisten Megapixel hat und die schärfsten Bilder macht. In den letzten Jahren beobachte ich aber wieder richtig schlechte JPGs im Internet. Das finde ich toll. Es hat seinen Ursprung im Meme-Phänomen. Memes, die man sich per Whatsapp schickt. Jeder speichert den Kram auf seinem Android-Handy, und bei jeder Speicherung wird das JPG wieder komprimiert, und irgendwann sieht es absolut durchfrittiert aus. Ich finde diese Ästhetik toll und kenne sie noch aus den Anfängen des Internets, als man es nicht besser konnte oder die Bandbreite noch nicht gut genug war für hochauflösende Bilder. Man musste auch vorsichtig mit dem Speicherplatz sein.

Max, du hast mal gesagt, dass es dir nicht gefällt, wie Leute mit Texten umgehen.
Max: Ja, mir ist das meistens viel zu konkret. Es werden viel zu scharf gezeichnete Bilder gezeigt. Und da geht’s auch gar nicht mehr um Musik. Deswegen setze ich mich damit auseinander, wie man es schafft, möglichst wenig zu sagen mit wenigen Worten. Um eine Art Gefühl auszulösen und um der Musik nicht im Weg zu stehen. Und um alles ein bisschen vager zu halten. Ich finde, die meisten Leute machen es sich zu leicht mit ihren Texten.

Gerade im Deutschen ist es ja auch echt schwierig.
Max: Im Deutschen ist direkt alles sehr bedeutungsschwanger. Englisch ist ja viel simpler und von Haus aus offener. Du kannst was sagen, und es kann auf zehn verschiedene Arten verstanden werden, und im Deutschen gibt’s für das kleinste ausdifferenzierte Gefühl ein Wort. Damit umzugehen ist nicht leicht.

Julian, angeblich hast du mal in einem Interview gesagt: »Für mich muss bei der Verwendung der deutschen Sprache immer eine Verkrampfung stattfinden.« Was meinst du mit Verkrampfung?
Julian: Ich hatte zu dem Zeitpunkt »Deutschpop halt’s Maul« von Frank Apunkt Schneider gelesen und mich mit dem Thema beschäftigt. Verkrampfung ist für mich ein absolut positiver Begriff, der beinhaltet, dass eine Aussage nicht zu konkret ist. Dass man nicht akzeptiert, dass deutsche Sprache in Songs so albern klingt, sondern vielleicht noch mal um die Ecke denkt oder ein vages Gefühl beschreibt, das man dann aber auch so stehen lässt.
Max: Wir haben uns diesmal aber gar nicht so sehr verkrampft. Man lernt ja immer wieder dazu. Ich kann mir heute auch nicht mehr anhören, wie konkret ich auf den frühen Songs manche Dinge gesagt hab.

Am meisten hab ich mich beim Song »Niemals« über die Zeile »Finde niemals zu dir selbst« gefreut. Mir geht dieses ganze Selbstfindungs- und Optimierungsgedöns gehörig auf den Zeiger.
Julian: Ich nehme diesen Trend auch wahr, und ich hab das Gefühl, die Leute haben vergessen, dass die Suche nach sich selbst und die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt und der Reflexion und die Dinge, die man in die Welt hinauslässt, und die Resonanz, die zurückkommt, dass dieser Prozess eben das Tolle ist am Leben. Heute geht es vielen immer nur darum, ein Ziel zu haben und das unbedingt zu erreichen. Das scheint mir fast schon kapitalistisch. Du willst das Ziel einfach nur haben oder sogar erkaufen.
Kevin: Aber was macht man denn dann, wenn man zu sich selbst gefunden hat?Julian: Das ist genau die Frage, dann setzt man sich in den Schaukelstuhl und ...

... stirbt.
Julian: Ja, dann ist das Leben eben vorbei. Selbst wenn man das Ziel gefunden hat, ist man unzufrieden. Was ist denn danach das Ziel?

Bild: Frederike Wetzels

Eine Art Orientierungslosigkeit ist sowieso oft Thema bei euch. Oder kommt mir das nur so vor?
Max: Ich glaube, es ist kein Überthema. Es ist eher so ein Julian-Thema. Ich mag manchmal meine alten Texte gar nicht mehr.
Julian: Vielleicht beschäftigt es mich einfach. Ich bin oft orientierungslos. Oder immer wieder. Und nicht immer gerne. Aber manchmal muss man sich eingestehen, dass es auch gut ist, damit man sich in der Orientierungslosigkeit nicht verliert. Und ich finde es wichtig, dass man nicht immer alles erklären muss. Es ist eben nicht alles zu erklären.
Kevin zu Max: Du bist nur cranky, weil du zu dir selbst gefunden hast. Deswegen distanzierst du dich von deinen alten Texten. So läuft der Hase.

Wie, du hast zu dir selbst gefunden???
Max: Neee, ich hab nicht zu mir selbst gefunden, aber ich bin definitiv weniger orientierungslos als noch vor einiger Zeit.

Wie hast du das hinbekommen?
Max: Ich wollte mein ganzes Leben nur Musik machen. Bisher habe ich mich immer gefragt, ob das ohne Kompromisse geht. Gerade hab ich das Gefühl, als könnte das hinhauen. Und ich bin auch bereit, was dafür zu tun – alles dafür zu tun!

Dir zum Beispiel auch Fake-Lashes unter die Augen kleben zu lassen?
Max: Auch das. Und ich scheue mich nicht vor Arbeit. Hab aber meine ganze Jugend lang gedacht, dass ich nicht wie alle anderen sinnlos im Büro sitzen will. Ich verstehe nicht, warum. Mittlerweile erwische ich mich allerdings selbst dabei, wie ich jeden Tag zwölf Stunden arbeite. Aber eben an dem, was ich liebe, und das funktioniert für mich. Das kann ich machen, bis ich tot umfalle.

Es gibt ja auch immer mehr, die »sinnlose Arbeit« hinterfragen und keinen Bock haben, etwas zu tun, wo sie nicht drinstecken. Ob es da wohl irgendwann einen Wandel gibt – sei es durch das bedingungslose Grundeinkommen oder durch was weiß ich?
Max: Oh Gott, das ist mir zu öko mit dem Grundeinkommen. Es geht am Ende des Tages ja einfach um eine ganz plumpe Finanzierung.
Kevin: Ich widerspreche: Her mit dem Grundeinkommen! Da schwingt jetzt vielleicht ein bisschen viel zu viel mit, aber ich fänd’s toll, wenn einfach die Welt irgendwann keine Money-World mehr wäre.

In unserer Elterngeneration hat doch jeder einfach nur einen doofen Job gemacht und auf seine Rente gewartet.
Kevin: Deswegen ist es auch gut, dass wir jetzt auf dem Cover von Intro sind. Dann denkt meine Familie, dass das keine Zeitverschwendung ist, was der Kevin mit seinen fast 30 immer noch macht.
Max: Deine Familie fragt sich aber sicher: »Warum hat der Typ eigentlich Fake-Eyelashes?« Blame it on the lashes!

Die Nerven

Fake

Release: 20.04.2018

℗ 2018 Glitterhouse Records

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