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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Peter Hacks

Time Travel VI

I "Jetzt, wo alles zum Schlechtesten geraten ist, stellen sich die Fragen neu. Manche stellen sich gar nicht mehr, etwa die nach einer ständig sich verschlechternden Zukunft. Den Nordamerikanern gehört der Persische Meerbusen, auf einen räudigeren Hund kann die Welt nicht kommen. Sehen Sie, wenn ma
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I

"Jetzt, wo alles zum Schlechtesten geraten ist, stellen sich die Fragen neu. Manche stellen sich gar nicht mehr, etwa die nach einer ständig sich verschlechternden Zukunft. Den Nordamerikanern gehört der Persische Meerbusen, auf einen räudigeren Hund kann die Welt nicht kommen. Sehen Sie, wenn man einmal unten ist, ist man durch." (Peter Hacks, "Die Schwärze der Welt am Eingang des Tunnels")

II

Die Welt ist aus den Fugen; und meistens schnell zusammengeschusterte Sachbücher, die einem ganz originell alles erklären wollen und sich doch nur im Gestrüpp aus Fakten und Ideologie verheddern, überschwemmen den Markt.

Die Dramen und Stücke von Peter Hacks, seine Gedichte und Kinderromane, seine zahlreichen Essays leisten das Gegenteil: Sie haben die ganze Geschichte im Blick, sie gehen aufs Ganze, nicht auf den Augenblick, das je Aktuelle in der Politik. Aufklärung kommt manchmal aus einer Richtung, in die man eigentlich gar nicht gehen wollte. Seine Literatur spielt da, wo es für den modernen Menschen vordergründig ganz uninteressant ist: in der Antike oder in der Zeit des Absolutismus'. Gegenwartsdramen gibt es kaum - oder sie spielen da, wo für ihn die (vernünftig zu gestaltende) Realität war: in der DDR. Und trotzdem ist er auf fast schon unheimliche Art und Weise gegenwärtig. Hacks ist, wenn man so will, der Geheimagent der Aufklärung. Bekannt wurde er übrigens als bedeutendster Dramenschreiber und Essayist der DDR.

1955 emigriert der Westdeutsche in die DDR, übrigens gegen den Rat von Bertolt Brecht. Schon bald emanzipiert er sich von dem engagierten Theater Brechts und beginnt, eine postrevolutionäre Dramaturgie, besser: eine sozialistische Klassik zu entwerfen. Hacks nimmt dabei den historischen Materialismus beim Wort: Im Sozialismus machen die Menschen ihre Geschichte nicht nur blind, rücksichtslos vergesellschaftet durch die Kapitalgesetze und den freien Markt, sondern entwerfen ihr Dasein und somit ihre Geschichte autonom. Für die Literatur, für Kunst im Allgemeinen hat das dramatische Konsequenzen. Sie ist ihrer bisherigen Zwecke, zur kapitalistischen Ausbeutung entweder den schönen Schein oder die revolutionäre Gegenpropaganda zu liefern, entbunden. Sie hat erstmals die Möglichkeit, sich allein dem Menschen, der nun seinem eigenen Begriff entspricht und nicht dem des freien Marktes, zu widmen. Natürlich gelingt diese Literatur auch in der DDR nicht. Hacks ist sich sehr wohl bewusst, dass der Westen alles daransetzt, dass sich der Sozialismus, von Hacks auf die Formel "Staatsmacht + Produktivität" gebracht, nicht entwickeln kann, im Prinzip eine Entwicklungsdiktatur bleibt - nicht zuletzt begünstigt durch die Dummheit und Spießigkeit der regierenden Kommunisten.

Trotzdem gelingt Hacks Großartiges. Wer etwa seine Gedichte oder seine Essays liest, reibt sich die Augen. So ein pointiertes und klares, von keinerlei Manierismen und Eitelkeiten verfettetes Deutsch hat man in den letzten 50 Jahren nicht gelesen. Es hilft ihm, den Gegner da aufzuspüren, wo man ihn nicht vermutet.

Seine Kritik der Romantik, er arbeitet sich hingebungsvoll an diesem Sujet ab, ist so gelesen kein Beitrag zu einer alternativen Literaturgeschichte: Er macht in der romantischen Literatur den Ursprung modernen reaktionären Denkens (das sich durchaus fortschrittlicher, ja, ultra-linker Positionen rühmt) aus. In dieser Literatur, die immer mehr war als eine Literatur, nämlich auch eine Stimmung, eine weit verbreitete Haltung, vereinigen sich ästhetische Formzertrümmerung und Vernunftskepsis mit deutschem Patriotismus, einem heftigen Affekt gegen die französische Revolution und einer Idealisierung des feudalen Regimes. In der Absage an die Einsicht der Klassiker, dass die Welt vernünftig einzurichten ist, verzichtet die Romantik auf die Forderung, die Umstände, die die Einrichtung der Welt unvernünftig lassen, abzuschaffen. Es wird einem schlagartig klar, wie viel romantisches Denken heute noch in den gesellschaftspolitischen Diskursen herumwabert.

Fast schon nebenbei liefert Hacks mit seiner Romantik-Kritik auch eine prägnante Darstellung der Frühzeit des deutschen Antisemitismus'. Wie gesagt, er geht aufs Ganze.

III

Und wo bleibt das Schöne? Hier: "Kunst lebt von den Fehlern der Welt. Ob sie uns lachen oder weinen macht, wir belachen oder beweinen Abschaffenswertes. Ob sie die Welt schön abbildet oder hässlich, sie fordert den Vergleich mit der hässlichen Realität. (...) Gerade die allgemeinsten Züge des künstlichen Tuns - das Vermenschlichen des Stoffs, das Erzeugen von Nicht-Gewesenem, das Befolgen selbst gegebener Gesetze, das In-den-Griff-Kriegen des störrischen und stimmig machenden Widerstreitenden - bewirken das Interesse, dass die Menschheit nicht aufhört, an der Kunst zu nehmen: als an dem Vorschlag eines unentfremdeten, produktiven, freien, bewältigten, durch gegenwirkende Interessen nicht mehr entzweiten Labens. Indem Kunst Unbefriedigendes auf zufrieden stellende Weise abbildet, ist sie selbst das entzeitlichte Abbild des Verhältnisses von Aufgabe und Lösung." (Peter Hacks, "Das Poetische")

IV

Im März hat Peter Hacks seinen 75. Geburtstag gefeiert, aus diesem Anlass sind seine "Werke" erschienen. Ein Band Gedichte, sieben Bände Dramen und Stücke, ein Band Erzählungen, drei Bände mit Texten für Kinder, drei Bände Essays. Macht fünfzehn Bände, schön gesetzt auf gutem Papier. Hacks hat die Ausgabe selbst betreut; was wir lesen, ist also der Kanon, das autorisierte Werk in der richtigen Fassung und Reihenfolge. Wäre das Feuilleton, das bekanntlich im Großen und Ganzen keinen Gegenstand braucht, um sich darüber auszulassen, nicht so beleidigt, dass Hacks auf dessen schöne Worte und Betriebsgeklapper nicht angewiesen ist, wäre diese Veröffentlichung die literarische Sensation dieses Jahres. Die literarische Sensation ist ausgefallen, und wir haben die Gelegenheit, in aller gebotenen Ruhe Hacks zu entdecken und wieder zu entdecken und stets neu zu entdecken.

Peter Hacks: "Werke. Erster bis Fünfzehnter Band" (Eulenspiegel Verlag, Berlin, ca. 5344 S., kartoniert, 360 Euro - Für eine kurze Zeit noch sind die Werke zum Subskriptionspreis von 290 Euro zu haben. Jeder Band ist auch einzeln für 24 Euro erhältlich.)