×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

mit Felix Klopotek

Time Travel V

I 2002 war das Jahr des Antiamerikanismus. Verschwunden war die ideologische Gesinnung selbst in den Jahren der sogenannten Blockkonfrontation ja nie, aber sie überwinterte in vergleichsweise harmlosen Klischees: die Amis haben das schlechtere Essen, die Amis haben das inhumanere Strafsystem, die A
Geschrieben am

I

2002 war das Jahr des Antiamerikanismus. Verschwunden war die ideologische Gesinnung selbst in den Jahren der sogenannten Blockkonfrontation ja nie, aber sie überwinterte in vergleichsweise harmlosen Klischees: die Amis haben das schlechtere Essen, die Amis haben das inhumanere Strafsystem, die Amis haben keinen Sozialstaat. Und die Amis haben die eine Hälfte Europas von einer größeren Anzahl Nazis befreit und danach dafür gesorgt, dass diese Hälfte nicht von den "falschen" Befreiern, den Sowjets, kassiert wurde. Dieser historische Fakt machte amtliche Kritik in Westdeutschland an der US-amerikanischen Regierungspolitik auf Jahre zum Tabu. Seit einiger Zeit nun ist Deutschland mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine gekommen, und die EU entwickelt sich langsam zu einem ernstzunehmenden ökonomischen Konkurrenten der USA - man "braucht" die USA zunehmend weniger, die Beteiligung am "Krieg gegen den Terror" folgt nicht zuletzt aus eigennützigen Interessen. Die "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA nach dem 11. September blieb (nicht nur) in Deutschland ein Lippenbekenntnis, denn, na klaro, Bush gefährdet den Weltfrieden.

Anstatt dass aber die hiesigen Linken den Antiamerikanismus als das analysieren, was er ist, eine Mischung aus wahnhafter Projektion (als ob man so ein widersprüchliches Land auf ein paar kulturkritische Begriffe bringen könne - selbst ein hier als anti-amerikanisch rezipierter Film wie "Bowling for Columbine" produziert in erster Linie Ambivalenzen, um so viel wie möglich von der widerspruchsvollen Realität einzufangen!) und "progressive" Ummantelung eines konkurrierenden imperialistischen Unternehmens, stimmen sie in den Kanon ein. So verstand sich der erste Anti-Irak-Krieg-Aktionstag am 26. Oktober explizit als Mittel, die rot-grüne Regierung daran zu erinnern, ihre Kriegsabsage auch wirklich zu befolgen. Linke Oppositionspolitik als moralische Regierungsberatung. So tief sind wir gesunken! Was nötig ist, ist, um es mit einem etwas hilflosen Wort auszudrücken: Analyse. Nüchterne Bestandsaufnahme, fundierte Ideologiekritik. Was verbirgt sich denn nun hinter dem US-amerikanischen System? Wie hat es sich in den letzten Jahren entwickelt? Was gibt es darin für Perspektiven einer emanzipativen Politik (an dieser Stelle muss noch mal betont werden, dass in den Staaten eine besonders aktive Friedensbewegung gegen den dritten Golfkrieg existiert)?

II

"Ziel dieses Buch ist es, die Analyse der heutigen Realwirtschaft, das heißt der globalen Produktion und Distribution von Gütern und Dienstleistungen, mit der Untersuchung der Entwicklungstendenzen der US-amerikanischen Gesellschaft, verstanden als Gesamtheit ihrer sozialökonomischen Strukturen und politischen Formen, zu verknüpfen."

So behäbig, aber auch wohltuend nüchtern beginnt Malcolm Sylvers' Untersuchung "Die USA - Anatomie einer Weltmacht" (333 Seiten, Papy Rossa 2002). Malcolm Sylvers ist 61, US-amerikanischer Staatsbürger, Professor, und er unterrichtet "Geschichte und Außenpolitik der Vereinigten Staaten" an der Universität Venedig. "Anatomie einer Weltmacht" ist ein erschöpfendes Buch, nicht zuletzt, weil Sylvers den sympathischen Vorsatz hat, so gut wie nichts als bekannt vorauszusetzen. Selbst seine Methode, es ist eine strikt marxistische, erklärt er ausführlich.

Er untersucht in fünf Kapiteln wirtschaftliche, soziale, kulturelle, politische und außenpolitische Strukturen, im abschließenden sechsten Kapitel setzt er sich mit den Perspektiven einer fundamentalen, dennoch aber reformorientierten antikapitalistischen Oppositionsbewegung auseinander.

Er beginnt seine Einzeluntersuchungen mit generellen Überlegungen und geht dann dazu über, diese mit empirischem Material zu belegen. Stets ist er um größtmögliche Klarheit bemüht, ein marxistisch-dogmatischer Jargon lässt sich bei ihm nicht finden. Dafür eine materialistische Unbestechlichkeit. Das zeigt sich, wenn er sich einem (ehemaligen) Steckenpferd der Poplinken resp. der Cultural Left, nämlich der Politik der kulturellen Identität (Multikulturalismus, kultureller Relativismus, Political Correctness etc.) widmet: "Eine multikulturelle (...) Geschichte - wie in den heutigen Schulplänen, in denen man dazu neigt, von allem und allen gut zu sprechen - ist oft eine Täuschung. Denn sie vermeidet die heikle Frage, wer in den Kontrollzentren der politischen Macht die Regeln für das Funktionieren der Gesellschaft festgelegt hat. Es ist nicht falsch zu betonen, dass die Kolonialisten von den Indianern gelernt haben, Mais zu pflanzen und Mokassins zu tragen, aber es wäre fatal zu übersehen, dass in Wirklichkeit weder eine "Begegnung" noch ein "Austausch" stattgefunden hat, sondern eine dramatische Neustrukturierung des Raumes und der materiellen Lebensgrundlagen, natürlich auf Kosten der Ureinwohner. Wem das nicht klar ist, der verliert das Empfinden dafür, was eine herrschende Klasse ist und wie sie ihre Funktion in der Entwicklung eines Landes ausübt."

III

Sylvers' These ist kurzgefasst die, dass die USA und ihre weltpolitische Hegemonie längst nicht so monolithisch und gefestigt sind, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Das klingt banal - tatsächlich gehen aber die meisten Kritiker von einer monolithischen Weltmacht aus.

Sylvers analysiert die Schwachpunkte der Innenpolitik, dass z.B. die zunehmende Verarmung der Lohnarbeiter und die immer offensichtlichere Spaltung des Landes in Arm und Reich, die Stabilität des Landes zu untergraben droht. Andererseits, und das ist die fatale Dialektik daran, versteht es die liberal-konservative Hegemonie, diesen Verarmungsprozess so zu steuern, dass er zu keiner einheitlichen Bewegung der Ausgebeuteten führt. Der verarmende weiße Industriearbeiter etwa entdeckt in sich seine vermeintlich italienische/irische/deutsche Identität und wählt republikanisch. Die ganze Innenpolitik erscheint wie ein dramatisches Pokerspiel - alles spricht eigentlich gegen die ruinöse politische Ökonomie, die politische Klasse hat aber noch ein paar entscheidende Trümpfe in der Hand und setzt dabei auf eine historisch gewachsene, wohl mittlerweile systemimmanente Resignation der Erniedrigten und Beleidigten. Noch mal Sylvers: "Die Resignation beruht zum großen Teil auf der Art und Weise, wie die Lohnabhängigen die Ideologie des Marktes und die Legitimität der Konkurrenz bei den Löhnen akzeptieren: Wenn durch eine Tätigkeit keine auf dem Weltmarkt absetzbare Ware produziert werden kann, so erscheint dieser Arbeitsplatz in den Augen fast aller als nicht existenzberechtigt. Außerdem sind viele der Ärmeren und Armen (...) mit dem täglichen Existenzkampf so beschäftigt, dass sie nicht glauben, auch noch Zeit und Kraft für Proteste aufwenden zu können."