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Unter Strom

Tilly And The Wall

Mario Lasar sieht Tilly And The Wall mit dem neuen Album "O" mehr denn je von akustischen Folkspielweisen abweichen, um stattdessen das Leben in all seinem emotionalen Facettenreichtum abzubilden.
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Mit dem neuen Album "O" weichen Tilly And The Wall mehr denn je von akustischen, oft mit ihrer Herkunft Omaha, Nebraska assoziierten Folkspielweisen ab, um stattdessen das Leben in all seinem emotionalen Facettenreichtum zwischen aufbrausender Wut, in sich gekehrten Rückzugsgesten oder ungebändigter Lebensfreude abzubilden, findet Mario Lasar.

Nicht nur die Stilvielfalt hat sich erhöht, auch der Sound ist vielschichtiger geworden, seit die Band im Jahre 2004 ihr Debüt "Wild Like Children" auf Conor Obersts Label Team Love veröffentlichte. Sängerin Kianna erklärt diese Entwicklung damit, dass die Aufnahmebedingungen sich stetig verbessert haben: "Das letzte Album wurde in einem großen, brandneuen Studio aufgenommen, während unser Debüt in einem Keller entstand. Je mehr Optionen uns zur Verfügung stehen, desto mehr Spaß haben wir daran, unseren Sound zu erweitern."

Tatsächlich wirkt die Musik höchstgradig verdichtet - allerdings, ohne sich dabei die Luft zum Atmen abzuschnüren, denn verkleisterte Strukturen sind ihre Sache nicht. Eher wird eine gewisse klapprige Qualität aufrechterhalten, die der Musik einen spontanen Straßenmusik-Charakter verleiht. Auch wenn die Band mittlerweile mit richtigem Schlagzeug arbeitet, bleibt Stepptänzerin Jamie, ehemals alleinige Rhythmuslieferantin von Tilly And The Wall, ein wichtiger Bestandteil des Gruppensounds. Oft stellt sich der Eindruck ein, es sei ihr Verdienst, dass die Musik ob all der überdrehten Akustikgitarren, Trompeten und anderem tollen Klimbim nicht die Bodenhaftung verliert. In dieser Hinsicht kommt dem Song "Beat Control" eine signifikante Bedeutung zu. Nicht nur bringt der Titel die rhythmusorientierte Arbeitsweise von Tilly And The Wall auf den Punkt, seine eher elektronische, bassige Ausrichtung scheint auch Ausblick zu gewähren auf das, was man in Zukunft von der Band erwarten darf: "Der Song repräsentiert die Musik, die mich momentan am meisten interessiert", so Kianna. "Ich schrieb ihn vor ca. einem Jahr, als wir uns alle gerade Laptops gekauft hatten. Vorher hatte ich nie einen Computer, also auch keine Programme, die mir beim Songschreiben halfen."

Neben besagtem "Beat Control" tragen auch "Dust Me Off" und "Falling Without Knowing" Spuren der neuen Herangehensweise in sich, welche sich auf dem Vorgängeralbum "Bottoms Of Barrels" von 2006 vorsichtig mit dem Song "The Freest Man" ankündigte. Dabei beeilt sich Kianna, darauf hinzuweisen, dass die Neuorientierung keineswegs das Ende des Steppens bedeute: "Ich finde es gut, alles miteinander zu vermischen."







Die Tendenz zur Fusion spielt eine wichtige Rolle bei Tilly And The Wall. Es gibt im musikalischen Sinne nichts, was ausgeschlossen würde. Dazu passt auch der unbedingte Wille zur Gleichberechtigung aller Bandmitglieder, den die Sängerin im Gespräch darlegt. Der Umstand, dass ihre Band sich sowohl aus Frauen als auch aus Männern zusammensetzt, spiele vornehmlich hinsichtlich des gemischtgeschlechtlichen Gesangs eine Rolle, sei ansonsten aber kein Konzept. Dass außerdem die harmonische Zusammenarbeit in Bezug aufs Songwriting betont wird, verwundert vor diesem Hintergrund kaum noch. Vielleicht sind all das - also die Weichheit, das Streben nach Herrschaftsfreiheit - genau die Faktoren, die einige Leute dazu bringen, Tilly And The Wall Hippiemäßigkeit vorzuwerfen. Dass sie auch das Provokationspotenzial und das Bemühen um Neustrukturierung öffentlichen Raums mit den Hippies teilen, demonstrieren auf ziemlich unterhaltsame Weise ihre Videos.

Hier gibt sich die Band oft als Gang, die, wo immer sie auftaucht, Situationen und Orte an sich reißt, um ihre eigentliche Funktion zu pervertieren und neu zu besetzen. So wird im Clip zu "Sing Songs Along" kurzerhand das klassische Inventar einer Turnhalle (Barren, Reck, Ringe) mit dem klassischen Inventar der Popmusik (Gitarren, Keyboards) konfrontiert - was ein bisschen wie ein egalitärer Befreiungsschlag gegen die ausschließende, entwürdigende Eigenschaft des Geräteturnens wirkt. Das Video zum neuen Song "Pot Kettle Black" zeigt Tilly And The Wall als überdrehte Rasselbande, die unter anderem den vorgesehenen Ablauf einer Blaskapellen-Parade unterwandert. "Ja, man kann seine eigene Situation kreieren, indem man die richtigen Leute auf die Palme bringt und so ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es macht Spaß, so zu agieren, weil man nicht wirklich jemandem wehtut, aber doch größere Freiräume schafft", so Kianna.

Diese an Ken Kesey und seine Merry Pranksters erinnernden Aktionen lassen sich lesen als Ausdruck praktizierter Selbstbestimmung. Der mitunter auf die B-52's verweisende Gestus der Hyperaktivität, der Tilly And The Wall sowohl musikalisch als auch haltungsmäßig beherrscht, mutet in dieser Hinsicht wie die Antithese zu passiver Selbstgenügsamkeit an. Also wird doch die Option auf Ausschluss realisiert? Nicht so ganz, schließlich haben Tilly And The Wall selbst auch eine resignative, passive Seite kultiviert. So heißt es in "Tall Tall Grass", dem ersten, am ehesten auf die Folkeinflüsse des ersten Albums verweisenden Stück von "O": "When I was young I used to sleep out in the garden [...] / Now that I'm older I can't seem to find it [...] / There is no tall, tall grass for me to hide in." Im nächsten Song wird dann allerdings schon wieder auf den Putz gehauen und zu kaputten Rockabilly-Rhythmen im Cramps-Stil über lästernde, tratschende Leute geflucht ("obwohl ja jeder so was macht" - Kianna). Gleichberechtigung bringt eben Vielfalt hervor.