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Tiefschläge

Kele Okereke

Während Bloc Party pausieren, geht ihr Sänger Kele schon wieder über die volle Distanz: Sein Solodebüt „The Boxer“ dürfte einige erklärte Fans allerdings gehörig vor den Kopf stoßen. Peter Flore ist mit ihm in den Ring gestiegen.
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Während Bloc Party pausieren, geht ihr Sänger Kele schon wieder über die volle Distanz: Sein Solodebüt „The Boxer“ dürfte einige erklärte Fans allerdings gehörig vor den Kopf stoßen. Peter Flore ist mit ihm in den Ring gestiegen.

Nein, so richtig ausspannen und die Füße in den neuerdings eigenen vier Wänden hochlegen, das ist Kele Okerekes Sache nicht. Nicht mal ein Jahr ist es her, dass sich seine Band Bloc Party in eine unbestimmte Pause verabschiedet hat, vielleicht ein Jahr, vielleicht auch länger. In der Zwischenzeit hatte sich der Sänger und Gitarrist in sein bereits vor einiger Zeit erworbenes Häuschen in der englischen Hauptstadt London zurückgezogen, den Kopf vom ganzen Tourstress und zuletzt auch den berühmten Rastazöpfen befreit und sich ein bisschen im Fitnessstudio ausgetobt - mit Kickboxen.

Dass es jetzt mit seinem ersten Soloalbum "The Boxer" bereits wieder neuen Gesprächsstoff gibt, liegt wohl an Keles Unfähigkeit zur Langeweile: "Ich bin wahnsinnig schlecht darin, einfach nur rumzusitzen, fernzusehen und Computerspiele zu spielen", sagt er, und so sei er fast naturgemäß nach kurzer Pause doch wieder in einem New Yorker Studio gelandet.

Statt mit einer Gitarre allerdings mit Sequenzern, Synthies und Drum-Computer bewaffnet, weswegen "The Boxer" nur bedingt nach dem Soloalbum eines Bloc-Party-Mitglieds klingt, bestenfalls wie die logische Weiterführung des letzten Albums der Band, "Intimacy", das aufgrund des deutlich elektronischeren Sounds Fans und Kritiker spaltete. Und auch "The Boxer", das kann man jetzt schon sagen, wird mit ziemlicher Sicherheit nicht nur Applaus aus dem Bloc-Party-Fanblock ernten. "Hätte ich das Album mit Bloc Party gemacht, hätte es definitiv anders geklungen", gibt Okereke unumwunden zu, "aber ich wollte es genau so haben. Ich wollte ein positives, enthusiastisches Dance-Pop-Album machen!"

So klingt das Debüt mit Ausnahme des noch am ehesten an den Sound seiner Hauptband erinnernden "Everything You Wanted" dann tatsächlich auch wie Keles persönlicher Saturday-Night-Partymix und beinhaltet neben Rave- und fast Kirmestechno-affinen Tracks vor allem auch lupenreine Electropop-Songs, denen Produzent und Spank-Rock-Mitglied XXXchange die schicke Ausgehunterwäsche verpasst hat.

"The Boxer", das ist in Keles Augen ein radikaler Befreiungsschlag, und mit dieser Einschätzung lässt er durchblicken, dass zuletzt nicht alles rosig war im Hause Bloc Party: "Ich war einfach fertig, wir alle waren fertig nach fünf Jahren Nonstop-Touren und drei Alben. Die Pause war bitter nötig, wir haben uns auch bewusst kein Ziel gesetzt, außer dem, nach genau einem Jahr wieder in Kontakt zu treten. Ein Jahr lang sollte der Name Bloc Party keine Rolle für uns spielen, und ich kann immer noch nicht sagen, ob es nach dieser Zeit weitergeht oder nicht, es ist völlig offen." Passend dazu vertreibt Kele im Song "Unholy Thoughts" gewissermaßen die Dämonen der Vergangenheit: "I met the devil last night / At an aftershow bandana red / Near ear cap, no more coke Alice, no more cocaine." - "Der Song ist eine Aufarbeitung des ganzen Wahnsinns, den so ein Tourleben mit sich bringt. Du kannst dauerhaft high sein, es geht immer weiter, immer höher hinaus. Du gönnst dir keine Pausen und hältst dich für unbesiegbar.

Auf der nächsten Seite: Fortsetzung des Artikels.

Während Bloc Party pausieren, geht ihr Sänger Kele schon wieder über die volle Distanz: Sein Solodebüt „The Boxer“ dürfte einige erklärte Fans allerdings gehörig vor den Kopf stoßen. Peter Flore ist mit ihm in den Ring gestiegen.

Zwischenzeitlich haben mir gewisse Substanzen doch sehr stark zugesetzt", erzählt er freimütig. Keine Angst, jetzt mit seiner Soloband auf der anstehenden Tour wieder in den alten Trott zu verfallen? "Nein, alles, was ich momentan mache, mache ich für mich und niemanden sonst! Ich fühle keinerlei Druck und freue mich schon wieder drauf, Shows zu spielen und unterwegs zu sein", gibt sich Kele kämpferisch und untermauert damit seine eingangs erklärte Absicht, nicht lange untätig zu bleiben. So ist der Boxer im Albumtitel auch als Sinnbild zu sehen: als ein hochkonzentrierter Einzelkämpfer, der stets fokussiert sein muss. Der sich nicht auf Teamkameraden verlassen kann, sondern einzig auf sich selbst. In der ersten Single "Tenderoni" heißt es: "Been running with the rude boys for much too long." Im Moment will Kele nur noch sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen. "Für mich war die Arbeit an diesem Album wirklich etwas Neues, ich musste mich niemandem erklären, ich habe mich ohne Vorgaben einfach hingesetzt und bei Null begonnen."

Und weil Kele die neue große Freiheit offensichtlich für sich zu nutzen wusste, hat er auch gleich noch ein weiteres Projekt am Start - ein Buch. "Ich arbeite an einer Short-Story-Collection namens 'Midnight On A Bicycle', sie ist fast fertig und wird noch dieses Jahr erscheinen. Nicht, um damit das große Geld zu machen oder als Literat zu glänzen, einfach, weil ich diese Kurzgeschichten veröffentlichen möchte." Er überlegt kurz und verbessert: "Weil ich diese Geschichten erzählen möchte." Man merkt schon: Das Sendungsbewusstsein hat in der Pause nicht gelitten.