×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Stille nach dem Schuss

Thunderbirds Are Now! Live

Trotz einer famosen und kurzweiligen Liveshow der Band aus Michigan wollte das Dortmunder Publikum wohl nicht so richtig. Die Band blieb artig, musste sich aber letztlich unter Niveau geschlagen geben.
Geschrieben am
19.02.07, Dortmund, FZW.

Mal wieder ein Konzert in der Peripherie. Mal wieder nach Dortmund. Diese Stadt beherbergt zwar den weltschönsten Fußballverein und eine Handvoll lesenswerte Hardrockmagazine, ist aber clubtechnisch eher Ödland. Mit einigen wenigen Ausnahmen natürlich. Eine Ausnahme: Das FZW. Ein übrig gebliebenes Exemplar klassisch sozialdemokratischer kultureller Stadtteilpflege, nicht besonders stimmungsvoll also, aber immer noch besser als das Geifern nach medienwirksamen Events heutzutage. Jedenfalls herrscht hier noch ein proletarisches Selbstverständnis, hier dürfen längst totgesagte Subkulturen wie Metal oder Punk noch gedeihen, und hier steht man zu seinen Leuten, zu den Leuten aus der Gegend. Dementsprechend kühl ist die Begrüßung des Stiernackens an der Kasse, sie fühlt sich nach Verachtung für die Leute vom Schwuchtelmagazin aus Köln an, naja, in unserem Fall ist das ja gar nicht so falsch. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Unzufriedenheit über die ausbleibenden Besuchermassen. Letztendlich sind es nur ca. 40 Leute, die sich zum Glück gleichmäßig und Platz greifend im Konzertraum verteilen.

Den Anfang macht eine Band namens Rain Doesn't Matter. Aus Soest. Die vier Bandmitglieder haben alle mindestens ein Teil in knallrot an, sehr effektvoll sieht das aus. Ihre Musik zwischen Placebo und Silbermond spielen sie gekonnt, und mitsamt der sehr bühnensicheren Sängerin, die offensichtlich dieselbe Haarfarbe wie die Silbermondfrau benutzt, riecht das schon stark nach Majordeal noch pünktlich zum gerade laufenden Rocktrend. Hoffentlich fordert dann kein potenzielles Label von ihnen, den Bassisten, der zwischen der ganzen jugendlichen Schönheit nicht so recht ins Bild passen will, auszutauschen. Denn mit Bart, Bauch und blondem Zopf ist er der einzige, der so wie wir aussieht, der einzige, der auch uns die Möglichkeit zur Identifikation gibt.

Als die vier jungen Michigan-Studis von Thunderbirds Are Now! dann endlich auf die Bühne kommen, ist das FZW leider immer noch nicht voller geworden. Vorne drücken sich ein paar dünne Mädchen herum, der Rest steht oder sitzt verkniffen irgendwo. Das ist schade, gerade weil die Band sehr enthusiastisch, erwartungsfroh und um Stimmung bemüht in ihr Set startet. Die Vier springen wild herum, schleudern ihre Gitarren um ihre Körper, werfen ihre Tambourine in die Luft, schreien übergeschnappt. So wie sonst nur Bands wie die Blood Brothers oder die famosen Oxes. Vor allem aber spielen sie die Form von hartem, schnellem und vertrackten Postpunk, die für so eine Show genau richtig ist. Sie sind gut, sehr gut sogar, genau wie ihre beiden Alben, das eher zerhackt-jazzige 'Justamustache' und das aktuelle, eingängige und poppige 'Make History'. Sie versuchen wirklich alles, um die Zuschauer zu Stimmung zu animieren, als Reaktion erhalten sie aber nur zurückhaltenden Applaus.

Schließlich fangen sie an, Konversation zu treiben, sie bedanken sich und sagen, dass sie ihr Publikum mögen. Zurück kommt bloß ein selbst freundliche Floskeln nicht tolerierendes "But you don't know us". Es ist beklemmend. Selten habe ich die Diskrepanz zwischen den Bemühungen einer Band und den Reaktionen des Publikums so krass erlebt. Letztendlich geben Thunderbirds Are Now! es auf, sie schließen nach einer wirklich tollen Dreiviertelstunde, wirken aber, als ob sie noch einmal dieselbe Zeit hätten spielen können. Ich wünsche mir, dass die Band es woanders besser trifft, nicht nur, weil sie nett zu sein scheint. Denn wer auch noch so gut ist und sich die Strapazen eines Europa-Trips antut, sollte nicht vor leeren Rängen spielen müssen, sondern anderen mit seiner Kunst Wonne spenden können.