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The Mission Is Not Terminated!

Throbbing Gristle

16.05. - London, Astoria Kevlar Pavillion, San Francisco, 29. Mai 1981. Throbbing Gristle spielen ihr Abschiedskonzert, nachzuhören auf ›Mission Of Dead Souls - The Last Live Performance Of TG‹. Die vier Erfinder des Industrial hatten sich heillos zerstritten und überließen das Feld ihren Nach
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16.05. – London, Astoria

Kevlar Pavillion, San Francisco, 29. Mai 1981. Throbbing Gristle spielen ihr Abschiedskonzert, nachzuhören auf ›Mission Of Dead Souls – The Last Live Performance Of TG‹. Die vier Erfinder des Industrial hatten sich heillos zerstritten und überließen das Feld ihren Nachfolgern, denen es mehr um Kommerz und Pose statt um Kunst und Politik ging. »The mission is terminated«, erklärten sie per Postkarte. In letzter Zeit begann es aber plötzlich wieder zu rumoren um Genesis P-Orridge, Cosey Fanni Tutti, Chris Carter und Peter Christopherson. Die 2003 veröffentlichte ›24 Hours Of Throbbing Gristle‹-CD-Box war der Startschuss des überraschenden Revivals. Das monumentale Sammlerstück kostet 300 Euro und enthält 24 einstündige Konzerte der Lärm-Guerilla. Anfang dieses Jahres erschien die ›TG+‹-Box mit zehn weiteren Liveaufnahmen, gefolgt von einem Remix-Album und der unvermeidlichen Best-of-Compilation. Alles »digitally remastered«, wie sich das gehört. Um das Comeback komplett zu machen, fehlte nur noch die Reunion. Am 16. Mai sollte es so weit sein: Nach fast genau 23 Jahren wollten Throbbing Gristle noch ein einziges Mal zusammen spielen.
Der Zeitpunkt hätte kaum passender ausfallen können – Großbritannien führt wieder mal Krieg, den Armen geht es unter Blair noch dreckiger als unter Thatcher, ein Terroranschlag in London ist unvermeidlich. Noch 1976 attackierte ein Parlamentsabgeordneter die Band als »wreckers of civilisation«. Für den Zusammenbruch der Zivilisation sorgt die englische Politik mittlerweile selbst, Throbbing Gristle liefern nur den passenden Soundtrack dazu. ›RE~TG‹ war geplant als eine dreitägige »celebration of industrial music«, gekrönt von der Wiedervereinigung. Das Festival im Küstenort Camber Sands musste jedoch aus organisatorischen Gründen kurzfristig abgesagt werden. Vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr.
Der Auftritt von Throbbing Gristle findet trotzdem statt, nämlich im kurzfristig gebuchten Astoria, einem ziemlich heruntergekommenen Schuppen im West End. Sonntagnachmittags um fünf ist ja nicht gerade eine gängige Zeit für ein Industrial-Konzert. Den knapp zweitausend Fans, teilweise aus Amerika und Japan angereist, ist das jedoch sichtlich egal. Geduldig warten sie in der Frühlingssonne auf Einlass. Fast alle sind so alt wie die Band; die heutige Industrial-Jugend hört ja eher Marilyn Manson oder Rammstein. Verdatterte Touristen bleiben stehen, um die dunklen Gestalten vorm Astoria zu fotografieren: überall Lederjacken, Militäruniformen, Gesichtspiercings, Fetischklamotten. Neben mir stehen zwei schwule Skinheads mit Hakenkreuz-Tätowierungen. Als sich die Türen öffnen, lassen sie mir freundlich lächelnd Vortritt.
Um halb sechs kommen Throbbing Gristle auf die schmucklose Bühne. Die Masse tobt. Genesis entschuldigt sich für die Absage des Festivals und erklärt, dass das Konzert auf DVD aufgenommen wird. Es geht los, endlich! Zuerst gibt’s ein neues Stück: ›Nothing Ever Changes‹ singt Genesis, während er die Gitarre mit einer Bierflasche malträtiert. Na ja, musikalisch stimmt das durchaus, seine Geschlechtsumwandlung allerdings ist schon beachtlich vorangeschritten. (Gattin Jaye Breyer lässt sich übrigens im Gegenzug in einen Mann umoperieren.) Seinen C-Cup-Busen hat Genesis in eine knallrote Lackcorsage gepresst, er trägt einen dazu passenden Minirock plus Netzstrumpfhose. Chris, Cosey und Sleazy begnügen sich mit Jeans und Schlabber-T-Shirt. Das zweite Lied ist ›Persuasion‹. Pandämonium! Throbbing Gristle geben dem Industrial-Volk, wonach es offenkundig verlangt, nämlich alte Hits und neues Material. Der Krach ist infernalisch. ›Hamburger Lady‹ klingt um keinen Deut gefälliger als damals 1977: quälend langsamer Rhythmus, dreckige Synthiesounds und alles ultralaut an der Schmerzgrenze. »Industrial music for industrial people.« Während die anderen eher unbeteiligt an ihren Laptops und Synthesizern sitzen, läuft Genesis wie von Furien gehetzt über die Bühne. Keck lüftet er kurz das Röckchen, um uns seinen roten Slip zu zeigen. Bei einem der neuen Songs stakst Genesis auf den Hacken herum und rudert mit den Armen. Ist das industrieller Ententanz oder schamanistische Ekstase? Egal. Die donnernden Basswellen von ›Zyklon B Zombie‹ schütteln den Staub von der Decke. Hören mit Schmerzen. Für ›Discipline‹ wird zum Abschluss der Lautstärkepegel bis ins Kriminelle hochgeschraubt. Das Astoria vibriert. Genesis windet sich zusammengekrümmt am Bühnenrand und brüllt ins Mikrofon. Wie eine deformierte Schmerzfigur aus einem Gemälde von Francis Bacon. Entertainment through pain. Nach 96 fantastischen Minuten ist alles vorbei. Keine Zugabe. Immerhin war es das überhaupt erst zweite Throbbing-Gristle-Konzert, das länger als eine Stunde dauerte. Und eines ihrer besten sowieso. Die DVD, zweifellos erweitert mit attraktivem Extramaterial, ist bald erhältlich bei einem Industrial-Händler deines Vertrauens. The last live performance by Throbbing Gristle. Wahrscheinlich bis zum nächsten Jahr.