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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Tomboy

Thomas Meinecke

Seien wir ehrlich: Studentinnen, die gerade ihre Magisterarbeit schreiben, werden für sich selbst und ihre Umwelt zum pain in the ass. Sie nerven. Sie sehen die Wirklichkeit mit anderen Augen, ihre Ideen gehen auf zwanghafte Weise der Art voran, wie sie sich der einfachsten Alltagserfahrung nähern:
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Autor: intro.de

Seien wir ehrlich: Studentinnen, die gerade ihre Magisterarbeit schreiben, werden für sich selbst und ihre Umwelt zum pain in the ass. Sie nerven. Sie sehen die Wirklichkeit mit anderen Augen, ihre Ideen gehen auf zwanghafte Weise der Art voran, wie sie sich der einfachsten Alltagserfahrung nähern: Eine (womöglich wissenschaftliche?) Brille ist zwischengeschaltet, und wenn es sich bei dem Thema der Arbeit auch noch um Feministische Kritik handelt, so bröckelt in Windeseile der Boden unter den Füßen, und plötzlich weiß niemand mehr, wo eigentlich oben oder unten ist. Schön, daß es durch Meineckes Roman endlich einer breiten Öffentlichkeit möglich wird, einen Einblick in die grausame und zermürbende Wirklichkeit des studentischen Alltags zu erhalten - denn was letztendlich bleibt, sind Fragen, und Vivian Atkinsons Arbeit ist eine einzige Anhäufung von Fragen. Wer ist eigentlich noch in der Lage, Aussagen zu schreiben, die tatsächlich einfach so stehenbleiben können? Jedenfalls nicht Vivian und auch nicht ihr Freundeskreis: eine schwangere Lesbe, während der zugehörige Kindsvater wegen Drogenhandels einsitzt; der/die Transsexuelle Angela/Angelo, der/die unter dem kurzen Minirock einen Penis erahnen läßt, wie alle Eingeweihten wissen, und in dieser "Exotik" gleichzeitig auch einfach ein traditionsgemäßes Bild des Frauseins transportiert, einen Entwurf, der doch eigentlich abgelehnt wird; Hans Mühlenkamm, der auf ergreifende Weise zum Groupie der Wissenschaftlerin Judith Butler wird usw. Sie alle sind auf der Suche nach irgendeiner Identität, und mit jeder ihrer ungezählten kleinen Äußerungen bringen sie doch wieder zum Ausdruck, daß es diesbezüglich womöglich niemals zum großen Finale kommen wird.
Es wird viel gequatscht in diesem Buch, es tauchen Anekdoten auf, und es wird Musik gehört, weil sich eben Identität in einem immer wieder erstaunlichen Maße über Sprache oder andere Zeichensysteme herstellt, die Ideen transportieren können.
Da wird schon die einfache Zeitungsnotiz zum Forschungsobjekt und Diskussionsgegenstand, wenn z. B. Wolfgang Joop über Claudia Schiffer sagt: "Sieht sie nicht ethnisch aus? Eine weiße Schwarze." Oder: wenn im Hause "Mattel" überlegt wird, eine neue Barbie herauszubringen, brünetter, deren verkleinerte Brüste sie nicht mehr zwangsläufig zum Vornüberkippen bringen. Oder: die Untersuchung der Frauenzeitschrift "Amica", wie frauenfreundlich Großstädte sind, indem z. B. die Zahl von Mode- und Kosmetikgeschäften und des darin befindlichen Verkaufspersonals unter die Lupe genommen wurde. Herrschaftszeiten!
Ein weiteres Hobby der Gang ist es, Nachmittagstalkshows der Privatsender zu kontrollieren (mit Themen wie "Bei mir pinkelt Mann im Sitzen" oder "Und so was nennst du Busen?"). Die gewohnte Alltäglichkeit, in der beunruhigend viele Menschen (vielleicht dann doch alle?) sich so behaglich eingerichtet haben, bekommt einen Riß, und dahinter läßt sich eben etwas anderes lesen. In "Tomboy" wird mit Zeichen jongliert, Frauen fahren in Wagen, deren Chrom im Mondschein blitzt, und Männer werden gerne mal verniedlicht zu "Hänschen Pompadour" oder ähnlichem. Werden also einfach nur die Vorzeichen von "weiblich" und "männlich" ausgetauscht? Das wäre banal: "Tomboy" wäscht der Leserschaft den Kopf. Zunächst sprachlich in Form von Wortstrudeln, die niemals geradlinig auf eine Aussage hinsteuern, sondern sich eindeutig uneindeutig verwursteln und im Chaos verlieren. Sätze fächern sich auf, verschleiern ihre Aussage wie der Nylonstrumpf das weibliche Bein und legen gleichzeitig eine verschwommene und auch sehr konkrete Idee von etwas frei: Der Körper ist ein Text oder ein Bild, er bietet die Möglichkeit, ihn je nach Gusto zu gestalten, und das Spiel mit der Mode als Maskerade gießt ihn in seine jeweilige Übergangsform. Und auch die Gedanken fließen in diesem Buch, treiben von der Gegenwart sachte zur Vergangenheit hinüber, von der Wissenschaft zur Alltäglichkeit, und irgendwann wird klar, wie sehr alles mit allem zusammenhängt, Marilyn Monroe, die RAF, Hermann Göring, Magnus Hirschfeld, House Music, der Bikini, das Judentum usw. Bei so globalen Zusammenhängen ist es ein Leichtes, sich zu verzetteln - das ewige Dilemma der Studentin -, aber Meinecke surft elegant auf der Oberfläche, auch wenn's beim Lesen mitunter stressig wird.
Ist er ein Weichei oder doch der Marlboro-Mann, der jetzt auch noch die Feministische Kritik als letzte Domäne der Frauen unter seine Kontrolle bringen will? Angesichts der Thematik erscheint es als nur konsequent, daß sein biologisches Geschlecht eben gerade männlich ist. Aber allein die Frage danach zu stellen zeigt, daß es dringend notwendig ist, das Buch noch einmal zu lesen. So rotieren in "Tomboy" Gesichter von Männern und Frauen um einen (oder viele?) Mittelpunkt(e), immer schneller, bis sie sich schließlich - wie in jenen ersten mechanischen kinematographischen Apparaten, bei denen bemalte Papierstreifen gedreht werden und auf diese Weise an einem Punkt der Eindruck hervorgerufen wird, es handele sich tatsächlich um ein bewegtes Bild - zu einem einzigen Gesicht zusammenfügen, dem eines fabelhaften Zwischenwesens, das merkwürdig rätselhaft und uneindeutig wird wie das der Mona Lisa. Anything goes.