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This Is It: Michael Jackson Superstar

Die Wahrheit

Die bürgerliche Presse basht den Musikjournalismus. Dabei steckt der gesamte Kulturjournalismus in einer Sinnkrise. Schuld ist die Dummheit.
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Die bürgerliche Presse basht den Musikjournalismus. Dabei steckt der gesamte Kulturjournalismus in einer Sinnkrise. Schuld ist die Dummheit.


Wer nach 112 quälenden Minuten immer noch nicht verstanden hat, wie der Hase läuft, erhält einen Hinweis von unfreiwilliger Komik im Abspann: "No animals were harmed in the making of this picture", so lautet der letzte Satz im Abspann von "This Is It", einer menschenverachtenden Pseudo-Dokumentation, die die schönsten Szenen des Sterbens von Michael Jackson zeigt. Gute Nachrichten für alle Tierfreunde also: Bei der Produktion des unlängst angelaufenen Horrorschockers kamen zumindest keine Insekten, Reptilien oder Vögel zu Schaden.

Der aufgeklärte Teil der Weltöffentlichkeit weiß, dass es unseren gefiederten und bepelzten Freunden damit erheblich besser geht als Michael Jackson zum Zeitpunkt der Aufnahmen: wenige Wochen vor seinem Tod. Strafrechtlich ist das Geschehen in den Privaträumlichkeiten am North Carolwood Drive, Los Angeles, California, 90077 am 25. Juni dieses Jahres noch nicht vollständig erschlossen, aber das Böse hat seitdem ein paar neue Namen: Propofol, Demerol, Anschutz Entertainment Group.

Ermittelt wird wegen Mordverdachts, als Tatmotiv kommt Geldgier in Frage. Und nun gibt es also mit "This Is It“ einen Film, der in der ersten Nacht in den USA angeblich 2,2 Millionen Dollar eingespielt hat und sogar noch verlogener ist, als es ohnehin schon zu erwarten gewesen wäre. Michael Jackson: ein prima Künstler, Sänger und Tänzer, bei jeder Beleuchtungsprobe Herr der Lage, nimmt regen Anteil am Tagesgeschehen und plant: eine Show der Superlative! Die filmischen Mittel, die diese vollkommen abwegige Behauptung ermöglichen, sind überraschend einfach: Gezeigt wird Michael Jackson – unüblich für das Kino der großen Gefühle – ausschließlich in der Halbtotalen, der Rest ist Schnitt. So wird die nicht wenig bizarre "Pressekonferenz" in London, die bereits einige Hinweise darauf enthält, dass es mit dem Unterfangen der Comeback-Shows nicht zum Besten bestellt ist, auf die "I love you"-Sequenz verkürzt: "MJ", so nennt man ihn im Film, macht sich auf zu seinem letzten Triumphzug.

Promotet wird der Film als "Dokumentation". In gewisser Weise stimmt das auch – nur dokumentiert er keineswegs die Probearbeiten zu einer Show, sondern stattdessen stark herabgesetzte moralische Standards – die aber in bislang unbekannter Deutlichkeit.

Nicht deutlich genug, wie es scheint. Denn die deutsche Presse ist begeistert. Man weiß nicht, woher beispielsweise die Journalisten von "Welt" ihr Propofol beziehen, um ihr Sensorium so zu depravieren, dass sie den in der Überschrift noch halbwegs richtig wahrgenommen "Ruch der Leichenfledderei" im Textverlauf zugunsten eines gepflegten Sowohl-als-auchs wieder vergessen: "Ein bewegender Film über einen der letzten großen Entertainer", soll das sein, was man da gesehen hat, "das gelungene musikalische Vermächtnis eines am Starruhm gebrochenen Musikers".

Dabei war es ausgerechnet "Die Welt", die unlängst eine zumindest nicht ganz haltlose Kritik am Musikjournalismus formulierte. Die Autoren und Redakteure der Popzeitschriften seien müde, stand da zu lesen, es gebe nirgendwo ein Aufbegehren, Popgeschreibe stelle sich dar als uninteressanter Mainstreamjournalismus. Kurz: "Es herrscht ein gespenstischer Geschmackskonsens." Auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" fand im September mahnende Worte nach einem Blättern durch Spex, Rolling Stone und Intro: "Wo früher idiosynkratische Empfehlungen oder kämpferische Verrisse zum guten Ton gehörten, herrscht heute eine Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie", so stand es geschrieben, und: "Gegen den Informationsvorsprung des Internets und die damit einhergehende Unübersichtlichkeit zu punkten, indem man auf eine Kernkompetenz wie Urteilskraft setzt, scheint den Magazinen nicht in den Sinn zu kommen."

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Die bürgerliche Presse basht den Musikjournalismus. Dabei steckt der gesamte Kulturjournalismus in einer Sinnkrise. Schuld ist die Dummheit. Von Boris Fust.

Doch, doch: Auf die Idee, die Wahrheit zu sagen, sind die Magazine auch schon gekommen. Aber vielleicht sind wir Musikmagazinjournos einfach nicht gut genug. Schauen wir uns also an, wie das so geht, mit dieser Urteilskraft. Zum Beispiel bei "Spiegel Online", bekanntermaßen der "Meinungsführer": "Konzertfilm 'This is it’ – Fans feiern Michael Jacksons Kino-Auferstehung", so ist ein auf Agenturmaterial basierender Begleittext zu einer von "Sony Pictures" zur Verfügung gestellten Bilderklickstrecke überschrieben. An anderer Stelle nimmt uns die SpOn-Kinoredaktion mit auf eine Reise "in die Event-Ära des Kinos". Textinhalt: Wirbel, Megastars, exklusive Fanveranstaltung. Der Jackson-Film sei "tatsächlich besser als ein Konzert", das, was man mit Michael Jackson vorhatte, "wäre eine perfekte Show geworden (…): die Hits, die Tanzschritte, die Spezialeffekte". Ferner freut man sich in der dortigen Redaktion bereits auf einen Streifen namens "Avatar" – der "beste Film aller Zeiten".

Wie man es noch besser, noch kritischer, noch deeper macht, zeigt die "Zeit" in einem wirklich nicht wenig idiosynkratischen Beitrag: Zur Filmpremiere hat man jemanden aus L.A. berichten lassen, damit der Text ordentlich Atmo hat: "Stahlblau und hart der Himmel, reglos die Palmen, gleißend die Hitze über der Nokia Plaza, wo eine Bühne aufgebaut wird." Es folgen ein paar verschrobene Ansichten zum künstlerischen Schaffen Jacksons ("geharnischte Kulturkritik in großem Stil"), dann unzählige Zeichen bewegtes Nichts. Berichtenswert ist vor allem der Kleidungsstil dieser verrückten Amerikaner: Die tragen "übergroße Shirts", "eine weite adidas-Hose [Marketingschreibweise mit Kleinbuchstaben im Original, B. F.] zum blauen Muskelshirt", "schwarze Baggys, schwarzer Pullover, schwarze Daunenweste". Doch es kommt noch dicker: einen "Trainingsanzug aus Samt" hat man qualitätsjournalistisch herausrecherchiert. Dann irgendwann endlich das meinungsstarke Fazit voller Urteilskraft: Der Film "ist die Auferstehung des Tänzers nach den Regeln des Pop, die man gesehen haben muss."

Andere Zeitungen formulieren etwas klarer (und mit deutlicherer Zuordnung von Relativsätzen), aber mit nicht weniger advertorialhafter Begeisterung: Die NZZ findet, dass "This Is It" den "Menschen und Künstler Michael Jackson in den Mittelpunkt" stellt, die "heute"-Redaktion des ZDF freut sich über einen "Kassenschlager" und hat einen Jackson-Imitator im Rhein-Hunsrück-Kreis aufgetrieben. Der "Focus" hat unterdessen "Angst vorm Flop" und macht sich Sorgen, dass Sony zu wenig verdienen könnte. Und so geht das weiter durch nahezu die gesamte deutsche Presse: Überall herrscht ein gespenstischer Konsens des morbiden Geschmacks.



Was also ist los mit dem Kulturjournalismus? Sind alle einfach nur müde, alle gekauft? Liegt es daran, dass die großen gesellschaftlichen Debatten vorbei sind, Mitmachen als eine Tugend gilt, dass nur derjenige Auflage macht, der gute Laune verbreitet – und das absolut bedingungslos? Wahrscheinlich ist die Antwort sogar noch einfacher: Das Abitur, manchmal noch Einstiegsqualifikation für Journalisten und solche, die es werden wollen, ist zu leicht. Und zwei Dinge sind unendlich: die Dummheit und das All.

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