×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

These Lips Are Made For Singing

Lana Del Rey

Mit nur zwei Songs und den zugehörigen Videoclip-Verführungen in Technicolor hat Lana Del Rey es geschafft, die Welt in einen erhitzten Herbstzustand zu versetzen. Ebenjene Welt wehrt sich allerdings mit Lästereien über Optik und Zweifeln an der Ernsthaftigkeit hinter der Kunst der schmollmündigen Amerikanerin. Zu Unrecht, erwidert Verena Reygers und bekennt, pro-Lana-Del-Rey zu sein.
Geschrieben am
Lana Del Rey macht es wie James Blake. So wie der Schmuse-Dubstepler, der mit »Limit To Your Love« im Herbst 2010 mit nur einem Stück binnen kürzester Zeit weltweit bekannt wurde, köchelt auch die Amerikanerin den Hype um sich schon vor dem eigentlichen Album erfolgreich hoch. Fünf Monate, bevor die Sektkorken zur Albumveröffentlichung knallen, haute sie »Video Games« raus (passenderweise in der Woche, in der in Köln die Gamescom-Messe stattfand), das Internetforen und Feuilletons in Atem hielt. Gefolgt vom nicht minder betörenden »Blue Jeans« – und schon sprangen auch Frauenzeitschriften und Klatschblätter auf den Zug auf. Begeistert von dem Retropop, der zwischen Torch-Song-Tradition (sentimentale Liebeslieder) und HipHop-Faust pendelt. Erhitzt von einer Sängerin, deren Kunst so offensichtlich auf Verführung angelegt ist, dass neben Kritik und Spott auch die berechtigte Überlegung aufkam, wie ernst man die Frau überhaupt nehmen könne: aufgespritzte Lippen, falsche Wimpern, Rehäuglein und weichgezeichneter Glamour-Look. Elizabeth »Lizzy« Grant, so der bürgerliche Name hinter dem königlichen Pseudonym, als Songschreiberin ernst zu nehmen, das kam in den vergangenen Wochen und Monaten kaum jemandem in den Sinn.

Talk To Me

Jetzt steht die Veröffentlichung ihres Albums »Born To Die« endlich bevor. Da ist es höchste Zeit, sich von Lana Del Rey ein paar Antworten auf den Hype geben zu lassen. Denn der ist groß und anstrengend. So anstrengend, dass die Künstlerin ihre deutschen Interviewtermine im Dezember wegen Krankheit größtenteils absagen musste. Anderthalb Wochen später ruft sie aus einem Hotelzimmer in Kalifornien an. Der erste Eindruck: Sie ist wahnsinnig nett. Am Abend spiele sie im Troubadour in Los Angeles, erzählt sie, und dass sie sich nicht gestresst fühle. Die vielen Termine seien nicht schuld gewesen an den abgesagten Interviews, für die sie sich noch mal ausdrücklich entschuldigt. Ein Virus, den sie sich schon Wochen zuvor in Paris eingefangen hätte, habe sie endgültig flachgelegt. Also ein ganz gewöhnlicher Fall für Doc Intro und nichts, was dem schnellen Berühmtwerden geschuldet ist. Aber ein Star zu sein, das passt ihr schon ganz gut ins Konzept, oder?

Deine Plattenfirma zitiert dich mit den Worten: »Alle wollen sie berühmt sein.«
Das ist ein Satz, der in einem ganz anderen Kontext steht. Es geht darum, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, wahrgenommen zu werden, weil niemand allein sein möchte. Und dass es mir da genauso geht.

Dann machst du deine Musik der Kunst wegen und nicht, um ein Star zu werden?
Genau, meine Ambition war es immer, Songs zu schreiben, und das mache ich auch schon seit Jahren. Auf der Bühne zu stehen und mich zu präsentieren ist dagegen überhaupt nicht mein Ding. Ich bin nicht sonderlich beeindruckend auf der Bühne.

Und warum trittst du dann trotzdem auf und schreibst nicht nur im Kämmerlein Songs? Oder glaubst du, dass dir nur die Erfahrung auf der Bühne fehlt?
Keine Ahnung, ob sich meine Bühnenpräsenz mit der Zeit verbessern wird. Ich mache das jetzt erst mal, und es macht Spaß, weil es den Fans gefällt, und ich merke, dass sie die Musik mögen. Aber für mich ist der wichtigste Teil meiner Musik nach wie vor das Songschreiben.

Für zwei Konzerte war Lana Del Rey Ende des Jahres in Deutschland. In Hamburg und Berlin. Beide Konzerte waren schon ausverkauft, bevor die Tourplakate dafür gedruckt waren, eines davon in nur drei Tagen. Intro-Kollege Linus Volkmann beobachtete vor Ort um den Verstand gebrachte Männer, die mit verbalen Obszönitäten um sich warfen – Zitat: »Ekelhafte vom Fickwunsch zerfurchte Fressen.« Herrje. Im Deutschlandfunk lästerte man über Lana Del Reys Auftritt, sie sei wohl etwas überfordert von der Rolle, die sie sich da ausgesucht habe. Nur Hannah Pilarczyk trat bei Spiegel Online für die Musikerin ein, Hype und Styling unbedingt als Teil ihrer Kunst zu sehen.

Wer sich im Internet Auftritte aus einer Zeit ansieht, in der sich Lizzy Grant auch öffentlich noch so nannte, sieht die gleiche leicht verhuschte Körpersprache, wie sie zu Boden blickt oder sich nervös die Haarsträhnen hinters Ohr schiebt wie jetzt bei Lana Del Rey. Da ist nichts von eifrigen Verkaufstalent-Coaches, angeheuert von der Plattenfirma, antrainiert worden.

Leaving Home

Bevor aus Lizzy Lana wurde, wuchs sie als Tochter eines Internetunternehmers und Domainverwalters in Lake Placid, einem Wintersportort im Bundesstaat New York, auf. Die Gerüchte, ihr Vater, sie nennt ihn einen »scientist of thoughts«, sei Millionär, sie also in äußerst vermögenden Verhältnissen aufgewachsen und der White-Trash-Einschlag bloß kalkuliert, wiegelt Lana Del Rey bestimmt ab: Ihr Vater sei keinesfalls Millionär, und ihre Kindheit sei »ganz normal, fast einfach« gewesen. »Aber ich kann verstehen, dass die Leute daraus solche Glamour-Geschichten machen, schließlich lese ich so etwas selbst gerne über andere.«

Noch als Teenager verlässt Grant ihr Heimatkaff und zieht nach New York, um Songs zu schreiben. So wie es alljährlich Tausende von Kids tun – follow your dreams. Nebenher studiert sie Philosophie, hauptsächlich widmet sie sich aber der Musik. Sie tritt bei Open-Mike-Abenden auf, anfangs noch mit Gitarre, später nur als Sängerin. Schließlich unterschreibt sie einen Plattenvertrag bei einem winzigen Indie-Label. »Ich bin wohl die einzige Künstlerin, die sie je unter Vertrag hatten«, seufzt sie, darauf angesprochen, dass da ja nicht gerade viel gegangen sei. In der Tat: Zweieinhalb Jahre lang liegt ihr Debüt auf Eis; das Label hat nicht genügend Geld, die Platte zu veröffentlichen.

Dann 2010 erscheint sie endlich doch noch unter dem Namen »Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant«, bleibt einige Monate auf dem Markt und wird dann wieder zurückgezogen. Auch das ist Anlass für Verschwörungstheorien: Ihre neue Plattenfirma, immerhin der Major Universal, habe das Album vom Markt nehmen lassen, um das Image des gewinnträchtigen Kükens unbefleckt zu lassen. Eine Unterstellung, der die Künstlerin massiv widerspricht: »Damit das klar ist, ich verstecke meine bisherigen Songs nicht! Es sind meine Songs, an denen ich die Rechte habe und die ich auch noch mal veröffentlichen werde. Vielleicht nach ›Born To Die‹. Aber es sind eben Songs, die ich 2007 geschrieben habe, und seitdem ist viel passiert.«

Tatsächlich kann jeder die Songs im Netz hören und erkennen, dass es zwar ganz passable Singer/Songwriter-Songs sind – »Brite Lites« versucht sich gar als Dancetrack mit stampfendem Technobeat –, sie aber nicht die Stärke von »Video Games« oder »Blue Jeans« besitzen, mit denen Lana Del Rey die Begeisterungsstürme um ihre Person entfesselt hat. Und sie sind weit entfernt von der »Gangsta-Nancy-Sinatra« oder »lost Lolita in the hood«, als die sich die Amerikanerin stilisiert.

Ihren Künstlernamen hat sich Elizabeth Grant nicht von der Mütze eines Pizzabuden-Kundens abgekupfert, wie Chan Marshall ihr Cat Power, Lana bezieht sich auf die Schauspielerin Lana Turner, einen Hollywoodstar aus den 40er-Jahren, und den 80er-Jahre-Mittelklassewagen Ford del Rey. Die Mischung aus angekratztem Hollywood-Glamour und degenerierter Mittelschicht verfolgt sie konsequent in ihrer Kunst. Dahinter steckt das Bild des amerikanischen Traums auf seinem Totenbett. Angesichts der globalen Dauerschuldenkrise ein vermeintlich politisches Statement, nicht zuletzt, da Del Rey in ihren Videos gerne die amerikanische Flagge wehen lässt. Die Künstlerin selbst will das große Fass aber nicht aufmachen und spricht von ihrer individuellen Gefühlswelt.

Der Clip zur Single »Born To Die«, der erste, den sie nicht selbst aus Super-8-Filmchen und Schwarz-Weiß-Aufnahmen zusammengeschnitten hat, ist jedenfalls auch von dieser speziellen Atmosphäre geprägt. Hierfür hat sie den französischen Fotografen und Regisseur Yoann Lemoine engagiert, nicht aber, ohne ihn mit einem eigenen Treatment anzuweisen. Für Lana Del Rey vervollständigt der Clip die mit »Video Games« und »Blues Jeans« begonnene Trilogie – insofern musste sie auch den ästhetischen Anschluss sicherstellen.

Es sind vor allem die Bilder deiner Musikvideos, die dein in den 50ern und 60ern verankertes nostalgisches Image geprägt haben. Teile der Öffentlichkeit assoziierten damit aber auch ein reaktionäres Frauenbild.
Ich habe keine Ahnung, woher die Idee mit dem nostalgischen Frauenbild kommt. Ich style mich nicht zwingend wie eine Frau aus den 60er-Jahren oder trage ein Kostüm, sondern ganz normale Klamotten, die du in jedem Laden kaufen kannst. Und die Bilder für die Clips habe ich zusammengestellt, weil sie mir gefielen, und nicht, weil ich damit eine Aussage treffen wollte. Ich mag den Look von Super-8-Filmen – aber auch wenn diese Bilder zu einer bestimmten Ära gehören, die Clips sind nicht nur retro, es gibt auch zeitgemäße Elemente in ihnen.

Wie die Paparazzi-Bilder von dem betrunkenen B-Promi-Starlet Paz de la Huerta. Aber vermutlich ist das der »Mad Men«-Effekt, in jedem Glockenrock eine Sechzigerjahre-Hausfrau zu sehen. Dann kannst du für deinen nächsten Clip direkt Jon Hamm engagieren.
Unbedingt, den nehme ich sofort! Aber was ich trotzdem noch sagen will: Ich sehe mich durchaus als moderne Frau!

Das dürfte jetzt viele überraschen. Schließlich pokert Lana Del Rey mit dem Männerbonus, setzt auf die klassischen Verführungsposen, wirft mit verschämt-naiver Geste schmachtende Blicke um sich, streift kokett die aufgedrehten Locken über die Schulter und legt unvermittelt den Kopf in den Nacken. Auch, weil sie weiß, dass sie mit Perfektion niemanden um den Verstand bringen wird. Deshalb lieber ein bisschen zu viel Bling-bling-Schmuck anlegen und die Fingernägel zu künstlich glitzernden Krallen stylen. Und ewig lockt das Weib. Soll es doch. Und sollen sich die Männer doch sabbernd vor ihr winden. So wie ein Gast der französischen Talkshow »Le Grand Journal«, in der Lana Del Rey mit »Blue Jeans« aufgetreten ist – dem bereits stark ergrauten Monsieur stand dermaßen das Entzücken ins Gesicht geschrieben, dass man dankbar sein musste, nicht seine Gedanken lesen zu können. Sie selbst betont derweil, dass sie sich nicht als Objekt der Begierde betrachte. Sie könne sich auch nicht daran erinnern, wie sie welcher Mann angesehen habe. Sie weiß nur, dass sie Männer mag und, wenn sie auf der Bühne steht, vor allem das Gefühl hat, dass die Leute ihre Musik mögen.

It’s Bigger Than Hip Hop

Dass Lana del Rey durchaus eindeutig mit ihrem Publikum kommunizieren kann, zeigte sie Mitte Dezember bei ihrem Auftritt im New Yorker Bowery Ballroom, wo sie sich nicht scheute, die Empfehlung für ihren neuen Song »Summertime Sadness« mit einem »you’re gonna fucking like it« auszusprechen. So etwas gehört eben auch zu ihr, genauso wie der HipHop-Anklang in ihren emotionsgeladenen Balladen.

Du singst in »Blue Jeans« die Zeile »... I grew up on hip hop«, aber die HipHop-Referenzen in deiner Musik werden kaum wahrgenommen.
Das stimmt, danach haben bisher die wenigsten gefragt. Ich habe mich erst spät mit populärer Musik beschäftigt. Aber meine erste große Liebe war Eminem, da war ich 14. In der Kleinstadt, in der ich lebte, war er überhaupt der einzige Künstler, auf den sich alle einigen konnten. Erst später habe ich angefangen, mich mehr mit HipHop und seinen Hintergründen zu beschäftigen und das Genre aktiv zu verfolgen. The Notorious B.I.G. war ein anderer früher Held von mir.

In New York warst du auch mit Princess Superstar befreundet.
Sie zu treffen war sehr wichtig für mich. Ich habe zu dem Zeitpunkt ziemlich mein eigenes Ding gemacht, und es war gut, eine Partnerin in crime zu haben. Wir haben uns anfangs jeweils mit unseren Freunden getroffen, aber weil wir uns sehr gut verstanden haben und weil sie auch Produzentin ist, haben wir ein paar Songs zusammen aufgenommen.

Ist sie nicht kürzlich Mutter geworden?
Ja.

Das weiß ich auch nur, weil sie bei Facebook neben ihren DJ-Gigs immer Familienfotos postet.
Ich bin auch ihr Fan bei Facebook und weiß genau, welche Bilder du meinst.

Hast du vor, eure gemeinsamen Songs zu veröffentlichen?
Das müssen wir sehen, vielleicht, oder ich schicke sie dir einfach so.

Der Einfluss von Princess Superstar ist in Lana Del Reys Musik genauso zu hören wie ihre Vorliebe für Nancy Sinatra, Nina Simone oder besagte Rapper. »Hey Lolita Hey« oder »Put The Radio On« kauen ihren Girlsgroup-Bubblegum vor den Ghettoblasterboxen einer modernen Version von »West Side Story«.
Ganz allein hat sie jedoch nicht an »Born To Die« gearbeitet: David Kahne, der schon bei dem inoffiziellen Debüt die Finger mit im Spiel hatte, half bei den Aufnahmen ebenso wie die Top-Produzenten und -Songschreiber Eg White und Guy Chambers. Alles in allem große Namen: Kahne hat schon für The Strokes, Stevie Nicks und Regina Spektor gearbeitet, White für Adele und Duffy; Chambers ist als Haus-und-Hof-Schreiber von Robbie Williams bekannt geworden. Dieses Staraufgebot an Produzenten und Songschreibern interpretieren viele als Mangel an Lana Del Reys eigenen kreativen Fähigkeiten. Aber warum sollte sich eine Künstlerin keine professionelle Verstärkung holen, wenn sie die Möglichkeit dazu hat? Genauso, wie Adele, The Strokes und viele andere Bands es tun. Auf solche Mutmaßungen hat Lana Del Rey dem britischen Observer die passend sarkastische Antwort gegeben, dass, wenn du als Frau einen Song schreibst, während noch ein Mann mit im Raum ist, der Mann immer 50 Prozent der Credits bekommt.

Mit »Born To Die« legt Lana Del Rey ein gutes Album vor. Es ist nicht das Album geworden, aber es ist ein guter Start ins neue Musikjahr. Mit einer Portion Swing in »Diet Mountain Dew«, schmachtendem Jazz in »One Million Dollar Man« oder dem ihr schon eigen gewordenen Drama-Pop in »China Doll« – das alles verziert von einer bröckelnden Zuckergusskruste, unter der sich mehr verbirgt, als man ihrem Gummipuppenmund zugetraut hätte.