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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der späte Vogel fängt den Wurm

The Wrens

Einer alten Fabel zufolge kamen eines Tages die Vögel der Erde zusammen, um denjenigen zu ihrem König zu krönen, der am höchsten fliegen könnte. Doch als sie erschöpft zu Boden sanken und schon den Adler als Sieger glaubten, da schlüpfte urplötzlich ein kleiner Vogel aus dessen Gefieder und stieg no
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Einer alten Fabel zufolge kamen eines Tages die Vögel der Erde zusammen, um denjenigen zu ihrem König zu krönen, der am höchsten fliegen könnte. Doch als sie erschöpft zu Boden sanken und schon den Adler als Sieger glaubten, da schlüpfte urplötzlich ein kleiner Vogel aus dessen Gefieder und stieg noch höher in die Lüfte empor. Der listige Kerl hieß fortan Zaunkönig, zu Englisch wren.

In der Biografie der gleichnamigen Band aus New Jersey hört der Adler auf den Namen Alan Melzter, und auch hier sah er lange Zeit wie der sichere Sieger aus. Im Jahr 1996 hatte der Millionär mit Grass Records das Label gekauft, auf dem soeben das zweite Album der Wrens erschienen war. Nun legte er Charles Bissell, Jerry MacDonnell und den beiden Whelan-Brüdern Greg und Kevin einen millionenschweren, neuen Vertrag vor, der allerdings an eine Bedingung geknüpft war: Die Band sollte ihre künstlerische Integrität an die Radiotauglichkeit verkaufen. Doch The Wrens lehnten ab und Melzter schwor, dass er die nächste Band, die durch seine Tür käme, um jeden Preis berühmt machen würde. Aus Grass Records wurde Wind-up Records. Und die Band, die durch seine Tür kam, nannte sich Creed.

Als Ende 2005 „The Meadowlands“ endlich auch in Deutschland veröffentlicht wird, haben sich Creed längst aufgelöst. The Wrens haben den Adler schließlich besiegt. Jahrelang war von ihnen nichts zu sehen, um dann mit einem Album aufzutauchen, das berechtigten Anspruch auf den Indie-Rock-Thron erhebt. Doch es gibt auch Unterschiede zum Zaunkönig aus der Fabel. Nicht nur, dass Melzter versuchte, ihnen Steine in den Weg zu legen, sie machten es sich auch selbst so schwer wie möglich. Dass Bands während den Aufnahmen fast zerbrechen, hört man immer wieder; The Wrens jedoch waren kurz davor, wahnsinnig zu werden.

Als ihr die Band gegründet habt, lautete eines eurer Ziele, bei einem Label zu unterschreiben, das auch eure Eltern kennen würden. Wie wichtig ist euch die Anerkennung anderer?
Greg: Als wir die Band gegründet haben, war uns das extrem wichtig. Aber mittlerweile geht es uns am Arsch vorbei.
Charles: Von anderen gemocht zu werden, ist einer der Hauptgründe, in einer Band zu sein, wenn man jung ist. Bei uns war das nicht anders. Wir wollten natürlich vor allem von den Mädels gemocht werden.
Kevin: Heute wissen wir, dass das mit den Mädels nicht klappt. Und Geld werden wir auch keines verdienen. Deswegen machen wir es inzwischen – bescheiden wie wir sind - endlich um der Musik Willen.
Jerry: Du wirst es wahrscheinlich nicht gemerkt haben, aber wir sind nicht mehr in unseren Zwanzigern.
Charles: Die Mitglieder dieser Band sind insgesamt mehr als 150 Jahre alt. Wir haben das kürzlich ausgerechnet, um angeben zu können.

Euer Alter sieht man euch natürlich nicht an, trotzdem dürfte die Entscheidung, den Vertrag mit Grass Records nicht unterschrieben zu haben, für die eine oder andere Sorgenfalte verantwortlich gewesen sein, oder?

Charles: Damals haben wir ja alle im selben Haus gelebt. Jeder hat einmal an der Entscheidung gezweifelt, aber niemals alle vier gleichzeitig.
Jerry: Es waren immer drei Leute da, die denjenigen, der gezweifelt hat, zusammenschlagen konnten.
Kevin: Aber es war natürlich schon unheimlich, weil Melzter seine Drohung tatsächlich wahr gemacht hat. Wo man auch hinkam, überall war plötzlich diese Band.
Jerry: Und wir waren zu der Zeit total am Ende. Wir konnten uns gerade einmal so über Wasser halten.

Es ist ja so schon schlimm genug, Creed hören zu müssen, aber für euch muss es in der Tat die Hölle gewesen sein.

Jerry: Lass es mich so sagen: Ich habe drei kleine Kinder, die sich über Creed lustig machen. Sogar die kapieren es schon.

Verletzt es eigentlich nicht den Musiker in euch, von manchen Leuten zu einer Indie-Ikone hochstilisiert zu werden, nur weil ihr damals diesen Vertrag nicht unterschrieben habt?

Charles: Nein, nicht wirklich. Es ist eben die bessere Geschichte, als von den Strapazen der Aufnahmen zu erzählen. Vier Jahre herumzusitzen und dabei langsam verrückt zu werden, ist im Grunde auch nicht besonders aufregend.

Ihr seht diese Geschichte aber nicht als Möglichkeit, eure Band besser zu vermarkten? Immerhin nimmt sie ziemlich viel Platz in eurer Biografie ein.
Charles: Nicht doch. Im selben Jahr sind noch eine Menge anderer Dinge vorgefallen, aber die ergeben eben keine so gute Geschichte. Erinnert ihr euch zum Beispiel noch an die Sache mit den Anwälten?
Jerry: Also ich schon (grinst).
Charles: Stell dir vor, Jerry sitzt im Büro von einigen der wichtigsten Anwälte der Musikindustrie. Das waren dieselben Leute, die auch Springsteen und Madonna vertreten.
Jerry: Ich saß also auf dieser riesigen Ledercouch, war so angezogen wie jetzt und habe sie gefeuert. Es war absurd.

Was dann folgte, habt ihr selbst einmal als ein heiteres Balzritual mit verschiedenen Plattenfirmen beschrieben. 1998 hättet ihr zum Beispiel fast bei Interscope unterschrieben. Aber die Schwierigkeit, ein Label zu finden, kann doch nicht der einzige Grund gewesen sein, weshalb sich die Veröffentlichung von „The Meadowlands“ so lange hingezogen hat, oder?

Greg: Es war sicher nicht der einzige Grund, aber wahrscheinlich der Auslöser für alles, was auf uns zukommen sollte. Wir haben damals unzählige Demos aufgenommen, ständig kamen irgendwelche Typen in unser Haus, und nie haben sie richtig gemocht, was wir gemacht hatten. Die haben uns richtig verrückt gemacht. Bis wir uns schließlich von unserem eigentlichen Sound entfernt haben, nur um denen zu gefallen. Es hat Jahre gedauert, bis wir wieder so weit waren, das machen zu können, was wir wirklich wollten.
Jerry: Der Typ von Interscope hat wenig später übrigens die Strokes unter Vertrag genommen.
Greg: Die Leute kommen in Kontakt mit uns, und was immer sie auch als nächstes anfassen, es wird zu Gold.
Charles: Am Anfang haben wir einfach das geschrieben und aufgenommen, was wir wollten. Doch ganz langsam und für uns kaum wahrnehmbar, haben wir uns verändert. Denn als es plötzlich so aussah, als würden wir kein Label bekommen, haben wir angefangen, darüber nachzudenken, ob wir nicht doch den einen Song schreiben sollten, der uns einen Vertrag einbringen würde. Und auf einmal haben wir begonnen, alle Songs leicht zu verändern. Plötzlich waren zwei Jahre vergangen, wir hatten Dutzende Songs aufgenommen und waren einfach nur unglaublich müde. Wir hätten damals wirklich eine Auszeit nehmen sollen, anstatt mit den Aufnahmen zu beginnen. Aber das haben wir nicht. Und so haben wir die Perspektive verloren.

Die anschließende Suche danach spiegelt sich ja im Aufnahmeprozess wider. Ihr habt die einmal aufgenommenen Songs schrittweise immer weiter verändert, bis zum Teil nur noch die Schlagzeugspur übrig war. Diese Technik habt ihr einmal als „Abschaben“ der Lieder bezeichnet. Kommt das dabei raus, wenn man zu Hause aufnimmt und keinen Produzenten bezahlen muss?

Greg: (lacht) Wir können diese Vorgehensweise nicht unbedingt weiterempfehlen. Auch wir selbst werden das nie wieder so machen. Im Grunde konnten wir aber ja nur zu Hause aufnehmen, ein Studio hätten wir uns gar nicht leisten können. Es ist aber natürlich schon ein zweischneidiges Schwert, weil man eben dazu neigt, immer wieder alles zu verändern. Man findet einfach kein Ende. Ich weiß ja nicht einmal, ob „The Meadowlands“ inzwischen ganz fertig ist.
Jerry: Es ist wie mit Software: Veröffentlicht, aber niemals wirklich fertig. Es gibt kaum einen Song, den wir heute noch so spielen wie auf dem Album.
Charles: Wir hätten in einem Studio ja genauso lange gebraucht, hätten wir es uns leisten können. Was da wirklich dahinter steckte, war doch die Tatsache, dass wir nicht genau wussten, wonach wir suchten.

Im Juli 2002 war „The Meadowlands“ dann endlich fertig. Ihr habt zu diesem Anlass eine Party gegeben, in deren Verlauf ihr alle Master Tapes gelöscht habt. Das klingt nach einer Selbstschutzmaßnahme.

Jerry: Das war es auch.
Kevin: Es wurde einfach zu unheimlich.

Habt ihr das denn niemals bereut?

Jerry: Nein.
Kevin: Nein.
Greg: Nein.
Charles: Doch, ein paar Mal schon. Denn wir haben ja trotzdem noch Sachen verändert. Wir mussten dann eben nur noch einmal ganz von vorne anfangen.

Fallen euch im täglichen Leben Entscheidungen eigentlich auch so schwer? Zum Beispiel wenn ihr beim Einkaufen seid?

Kevin: Charles? Möchtest du nicht darauf antworten?
Charles: Wir löschen ganz einfach so lange die Produkte aus den Regalen, bis nur noch eines übrig ist. Das ist nicht ganz billig, wie du dir vorstellen kannst.

Wie haben eigentlich eure Partygäste auf das Löschen der Master Tapes reagiert?

Greg: Das war gar nicht so glamourös, wie sich das jetzt anhört.
Charles: Da die meisten unserer Freunde nicht in Bands spielen, fanden sie das alles nicht sonderlich spektakulär. Für mich war das ein so bedeutender Moment in meinem Leben, mein Herz schlug mir bis zum Hals, und unsere Freunde zuckten nur mit den Schultern.
Kevin: Zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand das Album gehört. Niemand hat sich für uns interessiert. Damals wollte uns keiner interviewen. Wir hatten gar nichts. Wir hatten uns sechs Jahre in unserem Haus eingesperrt und dann machen wir so etwas.
Jerry: Das ist so kaputt.
Kevin: Das ist verdammt großartig, so bescheuert.

Ist es heute einfacher, ein Teil der Wrens zu sein, weil andere Dinge wichtiger geworden sind? Die meisten von euch haben inzwischen eine eigene Familie, ihr habt alle richtige Jobs …

Greg: Bis auf Charles. Man hat ihn rausgeworfen. Er ist der einzige Vollzeit-Wren.
Kevin: Er ist sehr arm.
Greg: Natürlich würden wir alle am liebsten ausschließlich von der Band leben, aber man kann auch beides machen. Man muss nicht die gequälte Künstlerseele sein und seine Miete nicht bezahlen können, um Musik zu machen. Man muss nicht immer alles auf eine Karte setzen.
Charles: Wir haben das ja selbst lange Zeit so gemacht, aber es ist einfach nicht sehr produktiv. Diese Alles-oder-nichts-Mentalität ist sehr schädlich für eine Band.
Greg: Die Band ist noch immer das Wichtigste in unserem Leben. Aber wenn man eine Familie hat, dann betrachtet man alles andere etwas nüchterner.