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»Ganz geheilt ist man nie«

The War On Drugs im Gespräch

Mit seinem neuen Album »A Deeper Understanding« hat Adam Granduciel eine tiefe Lebenskrise überwunden. Annette Walter traf den The-War-On-Drugs-Frontmann nach einer Livesession in den Berliner Hansa Studios und führte ein Interview, das an manchen Stellen einem Therapiegespräch gleichkam.
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Es passt gut, dass sich Adam Granduciel für das Fotoshooting auf einem der Ledersofas drapiert und nachdenklich in den Raum blickt. Schon beim Gespräch zuvor habe ich mich bisweilen wie eine Therapeutin statt wie eine Musikjournalistin gefühlt. Mit seinem ausgeleierten T-Shirt und den ungekämmten langen Locken wirkt Granduciel wie ein Überlebender der Grunge-Zeit. Inszenierung sucht man bei ihm vergeblich. Die Interviews finden in den historischen Räumen der Hansa Studios statt. Am Vortag hat Granduciel einige der neuen Songs in einer Live-Session vorgestellt. Das Publikum reagierte angetan, obwohl dort in erster Linie die versammelte Musikpresse saß, die bekanntlich eher schwer vom Hocker zu reißen ist.

Für den Frontmann von The War On Drugs ist deren viertes Album keineswegs nur eine weitere Platte. Nein, sie ist ein Zeugnis der Bewältigung einer düsteren Zeit seines Lebens. Granduciel litt unter Panikattacken und Depressionen, verschanzte sich lange Zeit in seinem Haus in Philadelphia und schaffte es nicht mehr, vor die Tür zu gehen. »Es war wie ein Teufelskreis«, sagt er rückblickend. Was ihm half, diese schwere Phase zu überwinden und wieder neuen Lebensmut zu schöpfen? »Ich habe eine Therapie und Musik gemacht, mit Freunden darüber gesprochen und viel über meine Krankheit gelesen.« Aber erst, als er wieder auf Tour ging, besserte sich sein Zustand gravierend. Granduciel versumpfte nicht mehr allein daheim, sondern hatte eine feste Tagesstruktur – da blieb wenig Zeit für negative Gedanken: »Unterwegs war ich eben jeden Tag beschäftigt.«
Im Interview erscheint Granduciel immer noch nicht völlig optimistisch, wenn er von seiner Vergangenheit spricht. Auch jetzt, nachdem die ärgste Zeit überstanden sei, wolle er nicht den Eindruck erwecken, als habe er die Krise komplett überstanden. »Du musst akzeptieren, dass es Teil deines Lebens ist und es auf eine Art zurückkommen kann, die man zunächst nicht bemerkt. Man ist offensichtlich nie ganz geheilt, sondern muss Wege finden, es in den Griff zu kriegen«, gesteht er. Er will keine zu große Sache aus seiner Erfahrung machen, doch er habe gemerkt, dass er anderen Menschen helfen könne, wenn er sie hinter die Fassade blicken lasse: »Als ich offen über meinen Zustand sprach, hatte ich auf einmal den Eindruck, als würden sich viele Menschen in derselben Situation deshalb weniger allein fühlen.«

Ein wichtiger Schritt für ihn war auch, seinen Wohnort zu ändern. Weg aus Philadelphia, wo er lange Jahre gelebt hatte: »Ich musste raus aus meiner Komfortzone.« Er zog nach Los Angeles, wo er nun seit eineinhalb Jahren mit seiner Freundin, der Schauspielerin Krysten Ritter, ein neues Zuhause hat. Der Lebensstil der beiden ist aber trotz ihres Erfolgs und der Nähe zu Hollywood sehr entspannt. »Es ist nicht so, dass wir abends sagen: ›Komm, lass uns auf eine Gala gehen!‹« Wenn man neben Granduciel sitzt, kann man sich auch nicht vorstellen, dass er gern im Anzug über den roten Teppich läuft. Die zurückhaltende Art, mit der er im Interview über seine Probleme spricht, passt dazu, dass er selbst lange gebraucht hat, um seinen Weg zu finden. Musiker zu werden war keineswegs vorbestimmt, erst über Umwege gelangte er zur Musik. Zunächst absolvierte er ein Kunststudium. Doch als Künstler klappte es nicht so recht. Stattdessen schlug er sich mit verschiedenen Aushilfsjobs durch. »Ich habe gekellnert, handgemachte türkische Teppiche verkauft und im Laden des Kunstmuseums von Philadelphia gearbeitet. Auch wenn ich diese Jobs gehasst habe, blieb mir nichts anderes übrig, denn ich brauchte eben Geld.«
Im Nachhinein klingt es lustig, wenn er von der damaligen Zeit erzählt. »Ich erinnere mich an eine Degas-Ausstellung mit dessen berühmten Bildern von Tänzerinnen. Für mich bedeutete es, dass ich vier Monate lang jeden Tag von 8 bis 16 Uhr den ganzen Merchandise-Kram verkaufen musste: Ballerina-Kleider, -Stifte und -Kronen.« Tatsächlich war es für ihn aber eine Phase, in der er Angst hatte, sein Leben laufe in eine komplett falsche Richtung. Doch weil er zu dieser Zeit auch viel in der Musikszene Philadelphias unterwegs war, traf er irgendwann auf Kurt Vile und gründete mit ihm 2005 The War On Drugs. Vile verließ die Band nach dem zweiten Album. Im Interview möchte Granduciel heute nicht mehr über seinen ehemaligen Bandpartner sprechen. Dem Erfolg der Band tat der Weggang Viles keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Das dritte Album »Lost In The Dream« wurde zu ihrem erfolgreichsten. »A Deeper Understanding« orientiert sich stilistisch sehr an »Lost In The Dream«, hat Granduciel doch, wie er selbst erzählt, eigentlich immer noch dieselben Einflüsse: Bruce Springsteen, Bob Dylan, Velvet Underground und Fleetwood Mac, aber auch Krautrock dienten als Inspiration. »Eigentlich alles, was ich in den letzten 30 Jahren meines Lebens gehört habe.« Gleichzeitig habe er doch etwas Neues machen wollen und versucht, sich nicht zu sehr vom Erfolg des Vorgängers einschüchtern zu lassen. »A Deeper Understanding« ist aber in jedem Fall mehr als ein gelungenes Album, symbolisiert doch bereits der Titel Granduciels mühsam erkämpfte tiefgründige Erkenntnis des Lebens: »Er drückt aus, was ich in den letzten Jahren empfunden habe: Ich musste mit der Vergangenheit abrechnen, mich weiterentwickeln, mich selbst besser verstehen. All das beinhaltet aber auch, immer ein bisschen Angst davor zu haben, was noch passieren kann.«

The War on Drugs

A Deeper Understanding

Release: 25.08.2017

℗ 2017 Atlantic Recording Corporation for the United States and WEA International Inc. for the world outside of the United States.

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