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Forth

The Verve

Schlappe elf Jahre nach "Urban Hymns", zur dritten Reunion kommt "Forth". Ein sphärisches Kunstwerk, das sich jeder Erwartungshaltung entgegenstellt.
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Nach der ersten Reunion gab's ein zeitloses Meisterwerk: "Urban Hymns". Selten war ein großkotziger Titel dermaßen Programm. Jetzt, schlappe elf Jahre später, zur dritten Reunion kommt "Forth". Ein sphärisches Kunstwerk, das sich jeder Erwartungshaltung entgegenstellt.

Herbst 2006: Richards drittes Soloalbum ist draußen. Er sitzt leibhaftig vor mir. Wider Erwarten ist er nicht der Ganzkörperbrillenträger mit Christuskomplex, sondern eher der freundlich Bloke aus Wigan, der ein Bier reicht und seine wichtigste Lektion erklärt: "Ich weiß jetzt, wie die Dinge laufen. Ich habe mit einer Platte sieben Millionen Fans verloren. Bloß, weil ich nicht mehr The Verve, sondern Richard Ashcroft war. Aber das fühlt sich super an." Dennoch schwärmt er fast von The Verve, nicht über die Erfolge, sondern über dieses Gefühl, das man zu Großem fähig war. "Bei einigen Songs dachte ich wirklich: That's beyond me." "Lucky Man" sei so einer gewesen. Den Moment, als die Band zum ersten Mal den fertigen Song anhörte, beschreibt er gar als "orgasmic experience". Fast sieht man das Leuchten in seinen Augen, als er das erzählt. Und ich dachte noch, The-Verve-Fragen seien tabu. Ob er da schon diese bekloppte Reunion-Idee im Sinn hatte?

Jetztzeit also: The Verve sind zurück. Elf Jahre nach "Urban Hymns". Und zwar nicht mit Album und ein, zwei popeligen Gigs, sondern umgekehrt: Sie touren, spielen die alten Hymnen, aber auch Neues - teilweise so frisch, dass Ashcroft die Zeilen vom Zettel ablesen muss. Die Reaktionen sind zumindest im UK euphorisch. Die Touren ausverkauft, der größte Gig auf dem Glastonbury ein Siegeszug. Wie ich da in der Menge stand, konnte ich es kaum glauben: Dass es diese Band wieder gibt. Und dass man sie noch einmal in einem Rahmen sieht, der ihnen angemessen erscheint.

Keine Frage, "Forth" wurde nicht nur von mir sehnlichst erwartet - und gibt einem nun erst mal so gar nicht das, was man sich gewünscht hatte. Denn statt wieder einen Haufen Hymnen in die Popwelt zu wuchten, besinnt sich die Band auf ihre Frühphase und klingt betont nach Teamspiel. Alles kommt zu seinem Recht: die sphärische McCabe-Gitarre, der dubbige Simon-Jones-Bass, das jazzinspirierte Drumspiel Peter Salisburys und natürlich Ashcrofts zwischen Erlösung und Verdammung mäandernder Gesang.

Gleich der Opener "Sit And Wonder" ist exemplarisch dafür - er klingt verdrogt, sphärisch nicht ganz greifbar. "Numbness" ist der perfekte Soundtrack für eine Schläfenmassage. "I See Houses" ein einziges Schweben durch die Nachbarschaft. Aber zwischen diesen Tracks findet man immer wieder Komplexes, Überraschendes wie "Noise Epic", das erst in tiefen Sprechgesang verfällt und später zum finalen Gitarreninferno anschwillt, oder das wahrlich großartige "Appalachian Springs". Und dann ist da noch das völlig "unvervige" "Love Is Noise", ein Bastard, der auf halber Strecke zwischen Wigan und Madchester gezeugt wurde. Man braucht seine Zeit für "Forth", aber ich denke, es IST ein großer Wurf - auf seine Weise. Man hört, was die Band wieder kann, und vor allem ahnt und hofft man, dass da vielleicht noch mehr kommt.