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Grünkohl mit Freunden

The Thermals live

Schlecht gelaunte Menschen meinen, die Thermals aus Portland seien zu einer ordinären Rockband verkommen. Unser Autor Christian Steinbrink schwärmt dagegen vom bestmöglichen Konzert-Jahresabschluss: Breiter, voluminöser, akzentuierter. In echt.
Geschrieben am
19.12.06, Köln, Gebäude 9.

Eine Nachricht eines "Freundes" von vor ein paar Tagen: "Ich so: Heute Score für Sinisterbay, gestern Grünkohl mit Freunden, Sonntag verärgert über die Entwicklung der Thermals zu einer ordinären Rockband. In echt!" Und auch wenn ich nicht weiß, was die ersten beiden Punkte bedeuten - den letzten verstehe ich. Und ich verstehe ihn als eine Frechheit. Wie kann man eine Koryphäe wie die Portland-Punks nur derart entweihen! Gut also, dass die Thermals zum Ende ihrer Deutschland-Tour meine Schatzstadt Köln beehren, um diesen ungeheuren Vorwurf zu entkräften.

Es ist spät, als wir die Deutzer Fabrikhalle erreichen. Weihnachtsverkehr und Unfallstau verhindern ein pünktliches Erscheinen zur angekündigten Vorband The Tellers aus Belgien. Und, ach Schreck, alle Bekannten sind schon zu besoffen, um Vernünftiges über die Band hervorzubringen. Weihnachtsfeierstimmung im Gebäude 9! Nur gut, dass ihnen nun übel ist und sie uns den knapp bemessenen Platz in der Konzerthalle nicht wegnehmen. Denn es ist voll, nahezu ausverkauft, der Portland-Dreizack hat sich also gesund entwickelt, es dürfte der letzte Besuch im bald zu kleinen Gebäude sein.

Aber schon lauert die nächste Überraschung: Die Thermals sind gar nicht mehr zu dritt, sie haben sich neben dem neuen skinny Drummer Lorin Coleman, Ex-Virga, mit Joel Burrows von den Portland-Locals The Kingdom und The Minders einen Tourgitarristen geleistet, der fortan wohl auch Teil der regulären Bandbesetzung ist. Und als die Thermals kurz darauf ihr Set anstandslos beginnen, wird mir klar, wie der oben erwähnte verlauste Asselpunk aus St. Georg zu seinem Urteil gekommen ist.

Denn durch die neue Variabilität dank zweier Gitarren ist der Sound der Thermals breiter, voluminöser, akzentuierter. Das stellt durchaus eine bedeutende Neuerung im Bandsound dar, ist aber als Teil einer Entwicklung absolut gelungen. Denn es nimmt dem rauen Charme der Thermals-Lieder nichts, gibt ihnen vielmehr sogar einiges an zusätzlichem Druck und lässt Sänger Hutch Harris darüber hinaus den Freiraum, um in seinen Strophen ausdauernd und rätselhaft zu gestikulieren, während Kathy Foster gewohnt stoisch herumhüpft und ihre Locken fliegen lässt.Die Meinung des Kölner Publikums ist jedenfalls einhellig. Es kocht und das schon nach kürzester Zeit. Die Kreise des Moshpits ziehen sich immer weiter in den Saal hinein, und bald beginnen die jungen Füchse aus den vorderen Reihen mit ihrem im Gebäude 9 lange nicht mehr gesehenen Stagediving. Das gefällt den jungen Oregonians auf der Bühne und sie steuern zügig den Klimax ihrer Show, 'Here's Your Future' vom aktuellen Album'The Body The Blood The Machine' an. Mittlerweile ist es selbst in der Mitte der Halle unerträglich heiß, und wir verabschieden uns nach hinten. Von dort sehen wir das Ende der regulären, gut einstündigen Show, die intensiv war wie sonst kaum etwas. Die Thermals haben aber noch nicht genug, kommen für zwei Zugaben wieder und erledigen damit die Kölner vollends.

Später, nach dem Konzert, rufen die Leute Worte vom "bestens gelungenen Jahresabschluss" durch das Foyer. Und allen ist klar: The Thermals waren, sind und bleiben eine Punkband, und zwar eine der besten, die man sich live ansehen kann. Ganz egal, ob sie irgendwann mit Oboen auftreten oder anfangen, Kraftwerk-Songs zu covern - die Prägnanz, Melodiösität und Härte ihrer Stücke wird bleiben, und sie werden immer wieder das Äußerste von ihren Zuhören abverlangen. Denn dafür ist Punkrock heute schließlich da. In echt. Lutscher.