×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Begemann trifft Skinner: Auf dem Jakobsweg

The Streets

"Von Haus aus bin ich Toningenieur. Ich habe andere HipHop-Künstler aufgenommen. Hat mich genervt, was die gemacht haben. Dachte mir: Das kannst du besser."
Geschrieben am
"Von Haus aus bin ich Toningenieur. Ich habe andere HipHop-Künstler aufgenommen. Hat mich genervt, was die gemacht haben. Dachte mir: Das kannst du besser." So beginnt die Beichte, die Mike Skinner unserem Autor Bernd Begemann anlässlich des neuen Albums "Everything Is Borrowed" diktierte. Fotos: Katja Ruge.

Die Geschichte von Mike Skinner und seinem Projekt The Streets beginnt in Birmingham in den ausgehenden 90er-Jahren. Skinner ist unruhig. Er liebt Rap-Musik, US-amerikanische Kultur lässt ihn aber kalt. Er dreht ein bisschen durch. Bemerkt denn keiner den Widerspruch, stört sich niemand an der Farce? Die Rapper, die er aufnimmt, stinken nach Fish'n'Chips und beschwören East Compton herauf, das beliebte Los Angeliner Crack-Disneyland, welches ihnen persönlich höchstens durch Hörensagen bekannt sein könnte.

Blöder Karneval. Umständlich. Mike kontert mit dem Einfachsten: Er singt über sein Leben. "Ich hatte keine Angst, dass es nicht ankommen könnte. Ich wusste, dass ich die Wahrheit sage", bilanziert er heute und schaut dabei ... treuherzig? Ich persönlich wüsste nicht, warum er flunkern sollte. Ich fühle mich bei seinen Worten erinnert an eine mindestens ebenso entwaffnende Äußerung Johnny Rottens, der sagte: "Die Wahrheit ist sich selbst eine Belohnung."
Heraus kam damals bei Skinner jedenfalls "Original Pirate Material" - irgendwie ein blöder Titel à la "oh, ich bin ja so verboten", aber ein fantastisches Album. Furztrockene Beats, ein Rapper, der nicht angibt, sich aber auch nicht unterbuttern lassen will, und erst die Worte: assoziativ, über den schmutzigen Seitengassen und dem kleinlichen Pärchengezanke schwebend, denen sie entsprangen. Worte, die eher den frühen Beat-Poeten wie Ferlinghetti oder Ginsberg zu gehören scheinen als Easy-E. Skinner war flugs ein gemachter Mann im Vereinten Königreich. Das vorherrschende Gefühl war, dass erst er den Briten den HipHop zugeeignet hatte. Hier auf dem Festland fiel das Feedback weniger spektakulär aus. Aus zwei Gründen:

1) Die Leute verstehen Englisch recht schwer, und Slang schon mal gar nicht, und da ist es auch egal, ob es US-Gettho-Slang oder Birminghamer Proll-Slang ist.

2) Wir Deutschen verstehen und umarmen die Kultur des armen US-Abschaums (Tätowierungen, Chopper, "Jackass", Jessica Simpson), aber die Feinheiten der englischen Arbeiterklasse bleiben uns fremd.

Sein zweites Album war dann ein, schluck, Konzeptalbum mit durchlaufender Erzählung: "A Grand Don't Come For Free". Und die Story geht so: Einem Typen kommen irgendwie tausend Pfund abhanden, hinzu kommen Schwierigkeiten mit dem Dealer und der Freundin. Der Typ lernt dabei aber was über sich und sein Leben. Wow. Ein paar Hitsingles sind auch drauf. Spätestens zu dem Zeitpunkt war klar, dass Mike Skinner sich nicht wiederholen möchte und etwas riskiert. Aber niemand konnte mit dem Brocken rechnen, den er uns danach vor die Füße warf: "The Hardest Way To Make An Easy Living". Von der Anlage her ist das Album ein schonungsloser französischer Gegenwartsroman, der einen bisher unbekannten Einblick in die sich auflösende Psyche eines Mannes erlaubt, der es "geschafft" hat: Entfremdung, Drogenparanoia, Steuerprobleme. Ich habe es geliebt, Riesenspaß. Das zahlende Pop-Publikum wandte sich jedoch lieber der neuen Scooter-Single zu. Na ja, so ist das halt.

Frage blieb: Was macht der Künstler jetzt, wie kommt er da raus? "Beim neuen Album habe ich mir die Vorgabe gesetzt, dass es keinen Bezug zur Gegenwartskultur geben darf." Wie bitte? All das, was die Streets ursprünglich ausgemacht hat, fehlt? Das Hier und Jetzt? Die SMS-Dialoge? Die Bierauswahl der örtlichen Tankstelle? Bitte bitte, keine Panik. Hören wir hin. Es fängt an mit dem Ende: "Everything Is Borrowed", eine Weisheit, die sich auf unsere Sterblichkeit und den Ballast der materiellen Welt bezieht und mich fatal an die Redewendungen gewisser alter Damen aus meiner Verwandtschaft erinnert: "Das letzte Hemd hat keine Taschen", "Es ist alles nur geborgt", "Man kann nichts mitnehmen" etc.

Aber Skinner gewinnt trotz des Sujets, da er sich mit der ehrlichen Mühe eines gelernten Sprechsängers zu einer süßen Melodie aufschwingt: "I came to this world with nothing and I'll leave with nothing but love." Trotzdem ist die Stimmung seltsam entrückt, mystisch, Meister Eckhard trifft Paolo Coelho. Als wollte er unsere Zweifel zerstreuen, als bemerkte er das handfeste Bedürfnis, uns dieses Jenseits erst mal verkaufen zu müssen, versichert er uns im nächsten Lied, dass er nur des Wetters wegen in den Himmel wolle - gesprochen wie ein Engländer! -, ihm die Hölle aber interessanter und spaßiger erscheine. Wir sind beruhigt. Dann gibt es trotz der Ansage wieder ein trauriges Beziehungslied ("I Love You More Than You Like Me"), eine für Grünen-Wähler etwas zu wohlfeile Weltuntergangs-Ökologie ("The Way Of The Dodo"), eine Menge guter Ideen und ziemlich coole Musik, wenn man experimentellen Jazz, Funk und schroffen HipHop mag. "Ich habe alte Aufnahmetechniken studiert", erzählt Skinner. "Beatles, Motown, wie die das gemacht haben. Diese Unmittelbarkeit, das ist jetzt alles mit drin." Ja, es sei wohl irgendwie ein philosophisches Album geworden, das könne er nicht abstreiten. Aber es hat super Beats!

Video: The Streets - "Everything Is Borrowed"




Und was, frage ich ihn, soll nun noch kommen, nachdem er mir bestätigt hat, dass es nur noch ein weiteres Streets-Album geben werde? "Die Zukunft!" sagt er, und seine Augen blitzen auf. Die Zukunft? "Ja, die Zukunft! Mein letztes Album wird von der Zukunft handeln!"