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Das Privileg der Stille

The Slow Show im Gespräch

Gerade erst ist The Slow Shows zweites Album »Dream Darling« erschienen. Im Rahmen des Dortmunder Festivals Way Back When traf Tobias Tißen Sänger Rob Goodwin und stand später gebannt im Publikum. 
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»Who are we now?«, haucht Rob Goodwin mit seiner tiefen Bariton-Stimme, die man bereits nach einmaligem Hören unter Tausenden wiedererkennen würde. Goodwin ist ganz in die Musik versunken. Das stoische, aber sanfte Piano, die leise Gitarre und die getupften Drums des Songs »Strangers Now«, dem Opener des neuen Albums »Dream Darling«, scheinen ihn immer tiefer in einen tranceartigen Zustand hineinzuziehen. Mit geschlossenen Augen kniet er im Scheinwerferlicht. Zunächst minimalistisch und verträumt, verdichtet sich das Stück immer weiter zu einem allumfassenden Klangteppich aus Piano, Schlagzeug, Gitarre, Streichern und Bläsern. Das Publikum im Saal des Dortmunder domicil steht still und horcht gebannt. In diesem Moment sind alle eins – mit der Band und mit der Musik. Nichts stört dieses Erlebnis, das den gewöhnlichen Rahmen eines Konzerts mit seiner Intensität zu sprengen scheint. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, gibt es einen wunderschönen Moment der Stille. Es scheint, als müsste jeder das Gehörte erst einordnen, seinen Weg aus seinem persönlichen Delirium herausfinden. Erst dann schwillt Applaus an – und will gar nicht mehr aufhören.
Nicht der Jubel, sondern genau diese wertvollen Momente der Ruhe treiben The Slow Show an, wie Sänger Rob Goodwin vor dem Auftritt erklärt: »Die Stille ist ein Privileg. Man kann sich kein besseres Feedback wünschen. Wenn jemand gebannt deiner Musik lauscht, dann ist das ein größeres Kompliment als alle positiven Reviews dieser Welt.« Wir sitzen auf einer Bierbankgarnitur vor dem Dortmunder FZW. Aus dem Inneren ertönt leise Musik. Es dämmert bereits, viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Auftritt im domicil. Dennoch nimmt Rob sich Zeit für unser Gespräch, spricht langsam und ruhig, als sei ihm Lampenfieber ein Fremdwort. Er trägt seine charakteristische Schiebermütze, sein weißes Hemd ist weit aufgeknöpft. Während er immer wieder an seinem Bier nippt, beantwortet er meine Fragen und macht dabei den Anschein eines bodenständigen und bescheidenen Mannes, der es nicht nötig hat, große Töne zu spucken. »Ab und zu kommen wir uns selbst wie die Klassenstreber vor. Wir versuchen derzeit noch, uns an das Umfeld zu gewöhnen«, erzählt Rob und als hätte er Angst, undankbar zu wirken, fügt er hinzu: »Wir sind uns aber auch bewusst, dass das alles andere als selbstverständlich ist – wir genießen jeden Augenblick«.

Wie sehr der charismatische Brite auf dem Boden geblieben ist, wird im weiteren Verlauf des Gespräches klar. Er wird nicht müde zu betonen, wie dankbar er und seine Bandkameraden für die Chancen sind, die ihnen gegeben wurden. Nie hätten sie gedacht, dass ihre Kunst auf solche Beachtung stoßen könnte: »Wir wollten einfach nur Musik machen, die uns selbst gefällt. Sie musste in keine Szene passen und niemandem etwas geben, außer uns«, so Goodwin. Gerade in Deutschland traf der Sound aber auf offene Ohren. Deshalb erlangten sie hier schnell einen Grad der Popularität, der den in ihrer Heimat überstieg. »Man kann schon sagen, dass Deutschland als Zünder für unsere Karriere diente. Ohne die Chancen, die uns hier gegeben wurden, wären wir jetzt nicht dort, wo wir sind. Wir haben mit Haldern Pop Recordings ein deutsches Label und viele deutsche Freunde gefunden. Auch wenn wir sehr stolz auf unsere Heimat sind, wird Deutschland immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben.«  

So bescheiden sich The Slow Show auch geben, für ihren besonderen Charakter ist die Band selbst verantwortlich. Ihre Musik und vor allem die Live-Auftritte wirken hautnah und bauen eine enge Verbindung zum Zuhörer auf. Das liegt zu großen Teilen an der Offenherzigkeit, die sie zu ihrem Publikum pflegen: »Jeder Song ist zutiefst persönlich und basiert auf eigenen Erfahrungen. Es liegt uns sehr am Herzen, dass wir vollkommen ehrlich sind und unsere Hörer das mitbekommen«, berichtet Rob. Für das einnehmende Hörerlebnis sorgt darüber hinaus aber auch die außergewöhnliche Finesse in den musikalischen Arrangements. Das beweist auch das neue Album. Noch stärker als sein Vorgänger erreichen die Songs durch kleine Details eine enorme Tiefe. Sei es das minimalistisch pointierte Piano in »Hurts«, die melodietragenden Streicher in »Ordinary Lives« oder das stets zurückhaltende, aber präzise Schlagzeugspiel – jeder Song verfügt über mehrere Schichten, die man nach und nach abblättern kann, bis darunter immer neue Feinheiten ans Tageslicht kommen. Diese besondere Qualität begründet Rob mit den verschiedenen musikalischen Hintergründen der Musiker: »Chris und Joel haben eine Passion für Jazz, Fred hat eine klassische Ausbildung und liebt Film-Soundtracks, und ich komme aus der Pop-Ecke. Wir treffen uns in der Mitte und kreieren so den Slow-Show-Sound«. 
Und genau dieser Sound ist es, der die Zuschauer im domicil wenig später so sehr fesselt. Die intensive Stimmung ist spätestens bei der Zugabe »Bloodline« kaum mehr auszuhalten. Wehmut macht sich breit, weil nun jeder weiß, dass diese Slow Show bald vorbei sein wird. Ein letztes Mal kann man beobachten, wie sich Augen schließen, Mundwinkel nach oben ziehen, Köpfe hin und her wiegen. Und dann ist sie wieder da: Die Stille nach dem nun wirklich letzten Ton, in der ein jeder zurück in die Realität findet – bis man sich schließlich erinnert, dass ein so gutes Konzert lauten Beifall verdient und man doch so langsam mal klatschen könnte.

The Slow Show

Dream Darling

Release: 30.09.2016

℗ 2016 Haldern Pop Recordings