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On 45

The Red Krayola

Man könnte Mayo Thompson ohne Zögern eine legendäre Type nennen. Er selbst würde das von sich weisen: »Historizismus stinkt.« Vielleicht passt das Prinzip der Selbst-Retrospektion auch besser als Beschreibung für seine Arbeit. »Ich hab die Welt ja nicht selbst fragmentiert, mir ist nur aufgefallen
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Man könnte Mayo Thompson ohne Zögern eine legendäre Type nennen. Er selbst würde das von sich weisen: »Historizismus stinkt.« Vielleicht passt das Prinzip der Selbst-Retrospektion auch besser als Beschreibung für seine Arbeit. »Ich hab die Welt ja nicht selbst fragmentiert, mir ist nur aufgefallen, dass sie fragmentiert ist.« Nun lassen sich Fragmente der gut 35-jährigen Bandgeschichte von Thompsons The Red Krayola als Compilation aller je veröffentlichten Singles in neuem Zusammenhang hören: ›Singles‹ (Drag City) ist zwar Anthologie, aber nicht nostalgisch. Der Versuch, etwas wieder zu beleben. Und ein Dossier über die Kunstform des Songs an sich. Alle Motive, die zur Entstehung der Songs beigetragen haben, sind bei Red Krayola in ihren Strukturen offen gelegt. In der Art, wie Musik und Text aufeinander abgestimmt, wie Texte vorgetragen sind, wie sie sich auf Gesellschaftliches und Kulturelles beziehen. Obwohl Thompson aus dem Innern von Pop spricht, liefert er nüchterne Analysen und vorausschauende Kritik: »Raffinierten Trotz« unterstellt ihm Thomas Groetz in den Linernotes. Thompson stellt sich auch mal selbst ein Bein oder verstummt, wenn’s ihm zu blöd wird. Mayo Thompson gehört weder in Mainstream-Zusammenhänge, noch ist er Teil des internationalen Undergrounds, auch wenn er einst bei Rough Trade arbeitete und Bands produzierte. Dafür versteht er sich auf exakt getimetes Auf- und Abtauchen: Texas 67, New York 70, London 77, Düsseldorf 81, München 94 ... Nicht als Pop-Identifikationsfigur, sondern Rocker aus dem Kontext bildende Kunst. Mythen interessieren hier genauso wenig wie das Beharren auf Oberflächen. Mal ist die Strategie diskursiv, mal lustvoll verspielt, und im nächsten Moment knistert eine Haschtüte mit Countryrock. Die Liste der musikalischen Kooperationen erscheint unvollständig: Rocky Erickson, John Fahey, Laura Logic, George Oban, Pere Ubu, Raincoats, Andreas Dorau, David Grubbs, Albert Oehlen, Tom Watson und Stephan Prina.

In den 60ern arbeitete Thompson als Assistent des amerikanischen Pop-Art-Happening-Künstlers Rauschenberg. Im Radioprogramm des BR lief das ultimative Dokument ›Mayo Thompson Records Nature On The Estate Of Robert Rauschenberg‹: Zu hören waren das Zirpen des Rasensprengers, versprengte Mücken und ein gleichmäßig brummendes Aufnahmegerät. In den 70ern war er mit Art&Language assoziiert. Die amerikanisch-englische Künstlergruppe vereint das Interesse für die philosophische Sprachanalyse, was sich auch durch das spätere Werk von Red Krayola zieht, ihre Wurzeln liegen in der britischen Tradition des intellektuellen Skeptizismus. Man war und ist mit den Konventionen der Kunst nicht mehr einverstanden und äußerte in eigenen Arbeiten Fundamentalkritik an der Position des Künstlers zwischen Händler und Kurator. A&L sahen ihre Praxis nicht als »Kunstkritik«, sondern als Erweiterung ihrer materiellen künstlerischen Bandbreite. Dem Sehen wurde das Lesen beigeordnet. Buchstaben ergänzten Farben komplementär. Oder, um es mit Mayo Thompson zu sagen: »Imagination is silly, you go round willy-nilly.«