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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Offene Beziehung mit Bono

The Rascals

"Nice dick", sagen sie zur Begrüßung - und meinen natürlich das Aufnahmegerät. Daniel Koch im Gespräch mit den Rascals.
Geschrieben am
Schlawiner, Frechdachse, Schlitzohren, Spitzbuben - oder wie immer man das Wort "Rascals" am besten übersetzt - stellt man sich irgendwie anders vor. Unreifer, unentschlossener. Wenigstens sind Hauptsongwriter, Gitarrist und Sänger Miles Kane und Drummer Greg Mighall vorlaut, weiß Daniel Koch zu berichten.

"Nice dick", sagen sie zur Begrüßung - und meinen natürlich das Aufnahmegerät. Aber ansonsten hat man es mal wieder mit englischen Jungspunden zu tun, die dermaßen genau wissen, was sie wollen, dass man sich fragt, was zum Henker britischen Kids ins Wasser gemischt wird, damit sie mit 21 mal eben die eigene Musikerkarriere so konsequent anschieben. Auch Miles weiß da keine befriedigende Antwort: "Es gibt wirklich Tausende Bands in England. Aber das ist doch normal, wenn die Kids wirklich für ihre Musik brennen und selbst kreativ werden wollen." Ist das wirklich so normal? Kommt einem hierzulande anders vor.

Aber brennen ist ein gutes Stichwort. Denn die drei Rascals aus Wirral brannten zuvor eher auf kleiner Flamme. Im wahrsten Sinne: Alle drei waren Teil der Combo Little Flames. "Wir fühlten uns nicht wirklich wohl dabei", erklärt Miles. "Man durfte zwar Lieder schreiben, aber die wurden höchstens zu B-Seiten." Und Greg ergänzt: "Die Plattenfirma war auch anstrengend. Immer dieselbe Litanei: Ihr braucht Singles! Macht diesen Song glatter, jenen poppiger." Sie fühlten sich also eher als Berufsmucker bzw. Dienstleister - und das wollten sie so gar nicht: "Wir machten Platten, die uns zwar nicht am Arsch, aber am Herzen vorbeigingen." Also die Flucht nach vorne, der kollektive Ausstieg, um das Herz wieder zu entflammen.

"We know exactly where we want to go to / From these tired eyes, we rascalize / and we'll fight out way through!"

So schallt es einem gleich im Opener entgegen. Kein Wunder, dass der NME diesen Track zum "manifesto" machte. Um das Album im Anschluss als "more pragmatic than dramatic" abzustrafen. Das kann man "Rascalize" nun aber so gar nicht vorwerfen. Man hat zwar nach den ersten Hördurchläufen noch das Gefühl, "wieder so ein UK-Rock"-Album auf dem Tisch zu haben, aber das ändert sich schnell. Die düstere Note, die vor allem Joe Edwards Bassspiel und Kanes an die 50s gemahnenden Gitarrensounds geschuldet ist, hebt sie recht deutlich vom britischen Einheitsbrei ab.

Auch Kanes Texte, die von fast schon literarisch zu nennenden Charakterzeichnungen wie in "The Glorified Collector" bis hin zu poetischen Alltagsbeobachtungen ("People Watching") und morbidem Storytelling ("Freakbeat Phantom") reichen, zeigen eine ganz eigene Klasse. Bei der man gleich vermutet: Man hat es mit einer Literatenseele zu tun. "Stimmt aber nicht", gesteht Kane. "Man sagt mir oft, ich solle das Bücherlesen anfangen, aber ich komme einfach nicht dazu." Außerdem ist den Rascals genau das gelungen, was sie sich vorgenommen haben: "Wir waren verdammt schnell mit diesem Album. Wir wollten keine Zeit verlieren", erklärt Miles. "Andere Bands tendeln jahrelang im Proberaum rum, bis sie sich raustrauen. Wir aber wollten ein Album, das den Vibe unseres ersten gemeinsamen Bandjahres einfängt."

Ganz so einfach war es aber trotzdem nicht. Die Sache wird dadurch verkompliziert, dass der Fokus des Interesses nicht unbedingt auf den Rascals liegt, sondern auf "dieser anderen Band". Womit auch Miles selbst manchmal Schwierigkeiten hat. Wenn man ihn fragt, wie der Gig auf dem Glastonbury gewesen sei, muss er erst nachfragen: "Welcher denn?" Der nachmittags auf der Other Stage mit den Rascals oder der abendliche Secret Gig mit seinem Buddy Alex Turner? Es geht hier natürlich um das Projekt Last Of The Shadow Puppets, das dem Rascals-Sound sehr ähnlich ist, darüber hinaus aber noch einen weltbekannten Sänger und das London Metropolitan Orchestra als großes Plus vorweisen kann.

Ist das nicht kompliziert, wenn man das eigentliche Debüt seiner eigenen Band noch vor sich hat? "Ich mache mir keine Gedanken über Timing", hatte er noch im Interview zur Shadow-Puppets-Veröffentlichung gesagt. Jetzt reagiert er eher genervt: "Ist doch eigentlich scheißegal, oder? Man ist in einer Band, man will lange zusammenbleiben, also gönnt man sich das eine oder andere Projekt nebenher." Nur die Reihenfolge sei durch Zufall - und vermutlich auch durch Alex Turners Terminkalender - in diesem Fall mal anders herum. Und schon schaltet sich Greg ein: "Ich habe zwar gerade keine Zweitband, aber wer weiß, was da noch kommt."

Wie in einer funktionierenden Beziehung merkt man, dass sie sich einander sicher sind. Sie planen gemeinsam die Zukunft, und wenn der Weg dahin über eine offene Beziehung führt, dann ist das eben so. Beim Thema Zukunft verfallen sie dann auch wieder in eine vorlaute Begeisterung in bester Schlawiner-, Frechdachs-, Schlitzohr-, Spitzbub-Manier - oder wie immer man es etikettieren will. Miles: "Unser Zweitling wird unser persönliches Green-Day-Album. Damit knacken wir Amerika. Nigel Godrich wird produzieren." Greg: "Und wir brauchen Bono." Miles: "Der darf aber nur Bongo spielen." Greg: "Und muss die Schnauze halten. Bloß keine Vorträge. Da müssen wir sehr hart mit ihm sein." Miles: "Und für das erste Video filmen wir, wie Bono sich selbst auspeitscht."