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So war das Eröffnungswochenende

»The NX Scene«-Auftakt in Hamburg

Für die von Samsung präsentierte Ausstellung »The NX Scene« im Hamburger Stilwerk porträtierte Starfotograf Jim Rakete Musiker, Booker, Labelchefs und sonstige Charakterköpfe der Hamburger Musikszene. Die Newcomer Still Parade verzierten das Eröffnungswochenende mit ihren melancholischen Klängen.
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Das Stilwerk in Hamburg heißt nicht umsonst so. Hier reihen sich Geschäfte aneinander, die das stilvolle Leben propagieren, und in allerlei Preisklassen (meist den höheren) die nötigen Accessoires und Klamotten anbieten, die es dafür angeblich braucht. In einem Galerie-Raum im siebten Stock ist das noch bis zum 20. Dezember anders: Hier regiert, zumindest in den gerahmten Fotografien an den weißen Wänden, die Subkultur, die Hamburg für viele – uns zum Beispiel – so interessant gemacht hat.
Fotografiert hat sie Jim Rakete (übrigens, man ahnt es bereits, mit Samsungs NX1-Systemkamera), der mit seinen Portraits schon seit Jahrzehnten Musikgeschichte dokumentiert und sonst eher die Kampfklasse Hendrix, Jagger, Bowie in Szene setzt. Zwar wohnt Rakete nicht in Hamburg, aber er tat es viele Jahre und sagt bei der Vernissage am Freitag: »Hamburg hat mir viel von dem gegeben, was ich immer noch in mir habe.« Die Konzentration auf das Wesentliche zum Beispiel, den unverstellten, ehrlichen Schnack, das Nicht-Lange-Rum-Lamentieren-sondern-einfach-mal-machen. Ein Arbeits-Ethos, das man seinen Bildern nicht ansieht. Man nehme zum Beispiel das Foto von Frank Spilker. Ein Bild wie inszeniert, wie von langer Hand geplant. Spilker steht in seinem Studio, vor einem Drumkit und anderen Instrumenten. Er trägt Jeans, ein schickes Hemd, einen schlichtschwarzen Pollunder darüber, ein Halstuch, hält lässig ein Glas in der Hand. Alles scheint zu allem zu passen: Die Pose zu Spilkers Schaffen, das Bild an der Wand zum Halstuch, die Positionierung der Instrumente zum Sound der Sterne (also der Die Sterne). Und dennoch entstand das Foto in wenigen Minuten. Profi trifft Profi, Foto, fertig.

Andere Bilder haben einen geradezu ironischen Unterton: Lars Lewerenz zum Beispiel, Label-Cheffe des hochgeschätzten Hauses Audiolith und sicher kein Freund des höheren Hamburger Politik- und Kulturgeschachers, steht auf dem Dach des berühmten Bunkers, der das Uebel & Gefährlich und byteFM beherbergt und schaut mit starrem Blick in die Ferne, im Hintergrund der Hamburger Michel und die zwar beeindruckende aber unsägliche Elbphilarmonie, der Sargnagel für viele freie Kulturprojekte in Hamburg und immer noch eines der besten Beispiele was für Unkosten entstehen, wenn groß denkende Kleingeister architektonische Phallussymbole erschaffen wollen und sich an ihnen verheben. Lewerenz Gesichtsausdruck dabei wirkt, als wolle er sagen: »Ich brauch euren Scheiß nicht. Euren Touriebroschüren-Glanz. Euren Hochkultur-Leuchtturm.«
Und dann gibt es da noch jenes Foto, das bei Rakete »einen Déjà-vue-Knopf drückt«, wie er selbst zugibt: Larissa Kerner – Tochter von Nena und damit Tochter jener Frau, mit der Rakete als ehemaliger Manager und Produzent eine Menge verbindet – Arm in Arm mit ihrer Künstlerfreundin im eigenen Atelier.

Während am Freitag Jim Rakete im Mittelpunkt und auf der Bühne steht, überlässt er am Samstag Still Parade eben selbige. Die Band, die vor kurzem »ein Knistern im Blog-Dschungel«, also das moderne Äquivalent zum »Rauschen im Blätterwald«, verursacht hat, begeistert zum Beispiel mit den Songs ihrer grandiosen »Fields«-EP. Ihr Hit »Hunter« war Anfang der Woche in den Top 5 der am meisten in Blogs erwähnten Songs, nur vier Plätze hinter Frank Oceans »Memrise«. Der melancholische, mal handgemacht, mal artifiziell klingende Dream Folk von Still Parade funktioniert auch live formidabel, was bei der ausgefeilten Produktion ihrer Tonträger nicht selbstverständlich ist.

Die Ausstellung gastiert noch bis zum 20. Dezember im Stilwerk in der Großen Elbstraße 68. Und falls ihr noch ein wenig Insider-Wissen braucht, um eine(n) Hübsche(e) zu beeindrucken, die oder der alleine durch die Ausstellung streift, gibt’s hier noch ein Fun-Fact: Jim Rakete heißt natürlich in Wirklichkeit gar nicht so. Er heißt Günther. Rakete.