×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

In weiter Ferne so nah

The Notwist

The Notwist haben sich in den 25 Jahren ihres Bestehens längst von der reinen Lehre des Hardcore gelöst. Die Weilheimer fanden als Rockband einen außergewöhnlichen Zugang zu elektronischer Musik und lieferten die Soundtracks zu Kinohits wie »Absolute Giganten« und »Crazy«. Mit »Close To The Glass« legen die Gebrüder Acher und Martin »Console« Gretschmann ihr erstes gemeinsames Album nach sechs Jahren vor. Mario Lasar traf in Berlin eine reife Band, die noch nicht genug hat von Soundbrüchen und Selbstneuerfindungen.
Geschrieben am

Musikalisch merkt man The Notwist das Alter nicht an. Seit 25 Jahren wandelt und verjüngt sich die Band. Die Urmitglieder Markus Acher, Micha Acher und Mecki Messerschmidt starteten mit einer starken Affinität zu Hardcore in der Tradition des US-Labels SST, nachzuhören auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum von 1990 und den folgenden Frühneunziger-Releases. Im Laufe der Jahre entwickelten sich The Notwist zu einer elektronischen Rockband oder, anders ausgedrückt: zu einer rockigen Elektronikband. Die Alben »Shrink« (1998) und »Neon Golden« (2002) vermittelten den Eindruck, dass The Notwist Musik mit wissenschaftlicher Akribie erforschen wollen, ohne die eigenen Wurzeln und die Leidenschaft aus den Augen zu verlieren, wobei die Fangemeinde beständig wuchs.

Jetzt veröffentlichen The Notwist mit »Close To The Glass« ihr siebtes Album, ihrer unorthodoxen Veröffentlichungsfrequenz bleiben sie somit treu: Seit 2002 erscheinen die Alben im Sechs-Jahres-Rhythmus – nur Perfektionisten wie Scott Walker, der auch schon mal elf Jahre für ein Album brauchte, übertreffen sie in dieser Hinsicht. Im Gespräch reagiert die Band milde pikiert auf das Thema: »Zwei Jahre aufnehmen, zwei Jahre touren, zwei Jahre Pause«, schlüsselt Martin Gretschmann a.k.a. Console a.k.a. Acid Pauli den Sechs-Jahres-Zyklus auf. Die Band ist sich zwar durchaus bewusst, dass sie sich einen ziemlichen Luxus leistet, aber: »Es gab bislang keine Alternative dazu. Wir wollten das Album eigentlich viel schneller fertigstellen, am Ende setzt man sich aber doch immer wieder neue Deadlines«, erklärt Markus Acher. »Teil unserer Arbeitsweise ist, während der Aufnahmen weiterzukomponieren. Improvisation kommt dabei eine große Bedeutung zu. Es geht uns darum, völlig zufrieden zu sein mit dem Ergebnis. Wir wollen alles ausprobiert haben, was ein Stück verbessern könnte, bevor wir ein Album für beendet erklären.«

 

Ein weiterer Grund für die Abstände zwischen den Veröffentlichungen: The Notwist sind in den letzten Jahren zu gefragten Lieferanten von Filmscores und Soundtracks avanciert. Könnte es sein, dass solche Aufträge die Arbeit am jeweils nächsten Notwist-Album beeinflussen? »Bei ›Close To The Glass‹ standen wir noch unter dem Einfluss der Arbeit an einem Hörspiel-Soundtrack, der sehr collagenartig aufgebaut war, weil wir viel mit Samples gearbeitet haben«, führt Markus Acher aus. »Man kann das unter dem Vorzeichen sehen, dass wir die Nase voll hatten von allzu ruhigen und minimalistischen Tendenzen.«

 

Ein neues Konzept, gar ein Konzeptalbum? Auf dem Cover von »Close To The Glass« sieht man vor einem grell-orangefarbenen Hintergrund Kommunikationssymbole – eine Telefonhörermuschel und ein Funkgerät, das von einer Hand gehalten wird. Diese Geräte stellen Nähe her, sind aber durch räumliche Distanz definiert. Die Mischung aus Nähe und Distanz spiegelt sich auch auf dem Album selbst wider, etwa in Form des Songs »7-Hour-Drive«, der von Fernbeziehungen handelt.

 

»Die Vorgabe an Brian Roettinger für die Covergestaltung war, dass jenes die Collagenhaftigkeit der Platte reproduzieren sollte«, so Markus Acher. »Ich wollte etwas, das an die Arbeit des amerikanischen Künstlers Wallace Berman erinnert, der in den 1960er- und 70er-Jahren Fotocollagen gemacht hat. Dabei war sein Markenzeichen eine Hand, die unterschiedliche Gegenstände hält. Ein Motiv, das jetzt bei uns auftaucht. Ich finde es gut, wenn der Eindruck von Nähe und Distanz entsteht, weil dieses Verhältnis beim Titel des Albums – ›Close To The Glass‹ – eine große Rolle spielt. Einerseits ist Glas hart, was die harten Schnitte illustriert, die das Album musikalisch bestimmen. Andererseits suggeriert die Transparenz von Glas Nähe, die aber aufgrund der trennenden Scheibe wieder Distanz schafft.«

 

Schnitte und Collagen sind Begriffe, die während des Interviews regelmäßig fallen. Markus Acher vergleicht die Wirkung der Herangehensweise mit Brüchen, die beim Zappen von einem Sender zum nächsten entstehen. Es gehe The Notwist nicht mehr darum, dass ein Song zu einem Ende hinführt. Stattdessen wurden Anfang und Ende von Stücken bewusst weggeschnitten – zugunsten von Momenten, die für sich stehen. Eine Idee, die am deutlichsten in dem Song »Run, Run, Run« herauszuhören ist. Ein ähnliches Prinzip gilt für »Into Another Tune«, das wie ein analoges Elektronikstück anfängt, dann in eine Roy-Orbison-Ballade umschlägt und schließlich in Bläsersätze à la Steve Reich übergeht.

 

Ein Grund für die Betonung von Schnittstellen und Scharnieren sei laut Markus Acher der Wunsch, die »fließenden Strukturen und die lineare Ausrichtung« des letzten Albums »The Devil, You + Me« zu verabschieden. Angestrebt wurde eine größere Unmittelbarkeit: »Der Sound ist nicht zentriert, sondern scheint hin und her zu wandern. Ich finde die Idee interessant, Popsongs zu machen, bei denen alles ineinander übergeht, mit einem 45 Minuten lang konstant durchlaufenden Beat.«

 

Das Gespräch in Berlin bestätigt im Übrigen den Eindruck der umherschweifenden Ambient-Musik: Die Mitglieder von The Notwist bleiben sympathische Musiknerds, die sich den Kopf zerbrechen über den ideal realisierten Song. Als Personen verschwinden sie weiterhin hinter der Musik, ganz nach dem Credo, dass nur beim Verschwinden des Künstlers die Kunst selbst im Fokus stehen kann. Diese Lust am Experiment wird durch die Studiotechnik begünstigt. Die Musik von The Notwist erscheint mittlerweile produzierter und weniger live eingespielt. Die Arbeit am Computer ermöglicht es der Band, »vieles hörbar zu machen, was in den Stücken drinsteckt«, erzählt Martin Gretschmann. »Früher fehlten uns dafür sowohl die technischen als auch die finanziellen Mittel. Da wir heute unser eigenes Studio in Weilheim betreiben, können wir viel mehr ausprobieren.«

 

Trotz dieser prozesshaften Arbeitsweise, die die gleichzeitige Anwesenheit aller Kernmitglieder der Band – neben Martin Gretschmann und Markus Acher gehören dessen Bruder Micha sowie die Livemusiker Andi Haberl und Max Punktezahl dazu – nicht unbedingt erforderlich machen würde, betont Gretschmann, dass Gruppendynamik für The Notwist wichtig sei: »Es hat bei der Entstehung eines neues Albums absolute Priorität, dass wir alle ständig anwesend sind. Selbst durch nur kleine Impulse, die jemand aus dem Off gibt, der vielleicht gerade nur physisch anwesend erscheint, kann ein Stück den entscheidenden Schritt nach vorn gebracht werden.«

 

Angesichts der verspielten Computertechnologie, die die Musik der Band heute zu weiten Teilen bestimmt, stellt sich die Frage, ob die eigene musikalische Vergangenheit noch eine Rolle spielt. Markus Acher spricht von einer »sehr lebendigen Erinnerung«. Und fügt gleich hinzu: »Ich freue mich, wenn ich in diesem Bereich etwas Neues entdecke, und gehe immer noch gern ins Café Kult in München, wo wir zu spielen angefangen haben und wo auch heute noch Hardcore-Konzerte stattfinden. Was mich an Hardcore gestört hat, war, dass es so eine Männermusik ist. Ein Aspekt, den ich mir nicht zurückwünsche. Ich bin froh, dass wir jetzt vor einem gemischten Publikum spielen. Früher war es doch sehr homogen.«

 

– The Notwist »Close To The Glass« (City Slang / Universal / VÖ 21.02.14)

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr