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Funkstille

The Moldy Peaches

Es war Liebe auf den ersten Blick bzw. beim ersten Hören. Das Debütalbum der Moldy Peaches hatte es mir gleich angetan - siehe auch die ausufernde Review in der Septemberausgabe. Das Runterschreiben der Begeisterung in Form einer Plattenbesprechung reichte nicht, ich musste es ihnen via eMail persön
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Es war Liebe auf den ersten Blick bzw. beim ersten Hören. Das Debütalbum der Moldy Peaches hatte es mir gleich angetan - siehe auch die ausufernde Review in der Septemberausgabe. Das Runterschreiben der Begeisterung in Form einer Plattenbesprechung reichte nicht, ich musste es ihnen via eMail persönlich mitteilen. Und sie schrieben zurück. Ja, eine Beziehung bahnte sich an. Doch just, als sie in etwas Seriöses übergeführt werden sollte, als es um mehr als oberflächliche Nettig- und Belanglosigkeiten gehen sollte, brach die Kommunikation ab. Schuld: der Himmel über New York und Washington. Ihr wisst, wovon ich spreche. Statt mich mit dem exzentrischen Duo Adam Green und Kimya Dawson und ihrem Album des Jahres zu beschäftigen, mache ich mir so meinen Kopf zu dem, was (scheinbar) alle so sehr mitnimmt. Der Spagat, der sich durch diese Umstände auftut, ist groß - vielleicht zu groß für eine Story wie diese, aber: ignoriert werden können sie so oder so nicht.

Inszenierungen Und Verdrängungsprozesse

Ich will hier gar nicht von den Attentaten an sich sprechen, sondern von dem, was sich danach abspielte. Einer Kettenreaktion gleich meinte plötzlich jeder, sich und seiner Betroffenheit freien Lauf lassen zu müssen. Doch das Eis ist dünn - oder, um es direkt zu sagen: Der Zynismus des Alltags sagt viel über die performten Lügen und die beschränkte Wahrnehmung der Leute. Was das heißen soll? Zum einen, dass Betroffenheit in diesen Tagen oft als affirmative Strategie eingesetzt wird bzw. so wirkt. Und, weniger scharf in der Kritik, aber nicht weniger schlimm in der Konsequenz: Die Leute brauchen wohl einen kollektiven Schrecken wie diesen, um endlich zu zeigen, dass sie am Leben sind - was letztlich aber auch nichts anderes mit sich bringt als eine Konzentration des Mitleids bzw. des Handlungsbedürfnisses auf diesen einen Ort, dieses ganz spezielle Elend zweiter Kategorie.

Diese Betroffenheit ist ein Schlag in die Fresse von Krisenorten erster Kategorie. Und, was mich auch ärgert: Keiner fragt nach dem übergeordneten Warum der Geschehnisse. Die Suche nach dem Schuldigen für die Anschläge dient als Schutzmechanismus vor der dringend notwendigen Reflexion. Vielleicht muss die Kluft zwischen denen, die teilhaben am Zirkus aus Globalisierung und Neuem Markt, und denen, die nicht mehr mitkommen, noch größer werden, müssen die lokalen und internationalen Pulverfässer überkochen, muss die Krise vor der Tür stattfinden, damit mehr Leuten klar wird, auf was unsere Gesellschaftsentwürfe zusteuern - aber dann ist sie wohl schon am Ziel angelangt.

Der Nächste Spieltag

Es ist schwer, den Weg zurückzufinden, sich wieder auf die Moldy Peaches einzulassen, ihnen zuzuhören und aus ihrer Webpage, ihren eMails ein Bild zu formen - aber auch das gehört hierher, den nächsten Spieltag nicht auslassen, da eine Woche des Bewusstseins ausgegeben wurde - dieses muss schließlich immer vorhanden sein. Für Haltung muss man eine solche Allgemeingültigkeit einfordern, für die künstlerische Befindlichkeit nicht, auch wenn es schöner ist, nicht erleben zu müssen, wie sich scheinbar tolle Künstler abseits ihrer Artefakte im Alltag dekonstruieren. Bei den Moldy Peaches ist das anders. Sie leben 24 Stunden am Tag das, was sich auf ihrem Album widerspiegelt. Yep, hier sind zwei am Werke, die sich nicht groß verbiegen müssen für ihre Storys und Worte. Ihre zwischen naiv-charmant und dreckig-geil angesiedelten Schoten kommen so leicht und flockig rüber, dass es ihnen auf die Stirn tätowiert ist: Diese zwei sind von Gott geküsst. Die reden immer so wie das beste Zitat deines miesen kleinen Lebens. - Und so hat Gott den Weg des Buben (19) und des Mädchens (28) trotz Alterskluft kreuzen lassen - nachzulesen in der Plattenbesprechung.

Doch was für grandiose Geschichten erzählen sie uns in ihren Lo-fi-igen Indierocksongs mit Folksongwriter-Ahnengalerie? In Musik und Texten der Moldy Peaches spiegelt sich eine Ambivalenz aus kindlicher Naivität und pubertären Abgründen wider. Da sind auf der einen Seite liebe Geschichten wie "Nothing Came Out" (in der sie einfach nur Cartoons mit ihm schauen will) oder "Jorge Regula" (eine Ode an die ganz normale Liebe - nein, an den Wahnsinn, der Spazierengehen, Kino, Segeln und Essen zu etwas Besonderem macht).

Aber da gibt es auch kranke, perverse und lustige Songs wie "Who's Got The Crack" (mit der tollen Textzeile "I wanna be a hippie - but I forgot how to love"), "New York City's Like A Graveyard" (ein Song über die Kompromisse, die man machen muss, um nach oben zu kommen) und "Downloading Porn With Davo" (Textproben: "sucking dick for ecstasy", "my girl's got a dick hangin out of her shorts" und "I used to be dead but now I'm gay") - das klingt oft nur absurd, ist aber nicht ohne Tiefgang. In "Steak For Chicken" schimmert beispielsweise so etwas wie die dunkle Seite von Slacker-Hedonismus durch: Adam: "How am I gonna pay the rent sitting on your face" - Kimya: "How am I gonna pay the rent sitting on my ass."Obwohl hier ganz groß Superstars drauf steht, interessierte sich lange niemand für die beiden. Und so brannte Adam CDs und brachte sie in Hunderter-Auflage auf dem bandeigenen Label Average Cabbage unters Volk - wo auch die Soloalben der beiden erschienen. Nebenher fristete Adam sein Dasein als natural born jobloser - wer will es ihm verdenken: Tellerwäscher ist nicht gerade das geile neue Ding aus Übersee. Da war Kimyas Job in einer sozialen Betreuungseinrichtung für Kids schon besser. Immerhin konnte sie an denen immer neue Songs (in zensierten Versionen) testen.

Dass ihr Debütalbum im Mai beim Rough-Trade-Label veröffentlicht wurde, haben sie den Strokes zu verdanken. Deren Albert kam durch Zufall in den Thrift Store, in dem sich Adam mal wieder am Arbeiten versuchte. Beide fanden den Anzug des jeweils anderen geil - und flugs hatten die Moldy Peaches einen Support-Auftritt in der Mercury Lounge gebucht. Rough-Trade-Betreiber Jeff Travis nahm dabei Notiz von ihnen - nicht allzu schwer, wenn da plötzlich zwei cute Wesen in Häschen- (Kimya) und Robin-Hood-Outfit (Adam) auf der Bühne stehen. Wie auch immer. Sie sind dankbar. Und sie zeigen es. Der englischen Sleaze-nation sprachen die Moldy Peaches ein wunderschönes Zitat über die Strokes ins Mikro: "Ihre Musik ist so, als ob du auf Heroin masturbierst."

Ähnlich toll sind die Tagebucheinträge von Kimya auf der ganz großartigen Homepage der Band: www.moldypeaches.com. Kleine Kostprobe: "So, uh ... yeah, thanks everyone who was at our shows last weekend. AMAZING FUN STUFF!!! I still have that good feeling like when you have a friend that looks like a cross between peewee herman and ed grimley and you call him peewee grimley behind his back for 2 years because you don't wanna hurt his feelings. and then one night you take your talking peewee herman doll and the talking ed grimley doll, that jeff sent you, to the open mic at the raven and your friend is there and he says: 'I CAN'T BELIEVE YOU HAVE THOSE DOLLS! I HAVE THEM TOO! I LOVE THEM! DON'T THEY LOOK LIKE ME??!!' and you hug him and he hugs you and he is sooo cute and you say: 'ARE YOU SURE YOU DON'T LIKE GIRLS?' and he says: 'YEAH I'M SURE' and thank goodness, because if he did like girls he'd break your heart and you hug him again and can't stop grinning. you know -- THAT feeling."

Muss man so jemanden nicht lieben? Man muss. Ich bleibe dran.