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Sing mir den Wasserleichen-Blues

The Lumineers im Gespräch

The Lumineers sind zurück. Nach einem millionenfach verkauften New-Folk-Album singen sie jetzt auf »Cleopatra« über den Erfolg. Lena Ackermann und die drei Musiker verzichteten auf einen warmen Gin-Tonic und sprachen stattdessen über geplatzte Träume, Taxifahrerinnen und die schönste Wasserleiche der Geschichte. 
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Jede gute Geschichte trägt eine gewisse Enttäuschung in sich. In den Wänden der Berliner Kneipe hängt der kalte Rauch von gestern, auf dem Tisch kleben Aschereste an Kreisen aus Schnaps-Limo-Mischungen fest, es riecht nach schalem Bier. Säße man jetzt immer noch miteinander hier, könnte das Treffen unter dem Stichwort »astreiner Rock’n’Roll« laufen. Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil: Kurz vor zehn Uhr morgens gibt es statt warmen Gin-Tonic Kaffee aus Pappbechern. Wesley Schultz und Neyla Pekarek sind frisch geduscht und haben keine Augenringe, ihr Berliner Nachtleben scheint sich vor allem in der blütenreinen Bettwäsche eines Hotels abgespielt zu haben. Rosige Fremdkörper im Kneipenmief. Nur Jeremiah Fraites sieht bleich und übernächtigt aus. Was ist schlimmer, als um zehn Uhr morgens frisch geduscht in einer miefigen Bar zu sitzen? »Krank morgens in einer miefigen Bar zu sitzen«, hustet Fraites. Immerhin wirkt er als Einziger nicht so, als müsse er gleich zu einem wichtigen Pitch einer Werbeagentur.

»Cleopatra« – das zweite Album der Lumineers – könnte der perfekte Soundtrack zu einer weichgezeichneten Fernsehwerbung aus den 80ern sein. Ein Album über Freiheit und Familie, Glück, Liebe und ein bisschen Sehnsucht. Gemeinsam sitzen der Marlboro-Mann und die Malzkaffee-Familie auf einer rot-weiß-karierten Picknick-Decke. Sie schauen über wogende Korn- und Marihuanafelder. Zum Sonnenuntergang holen Papa und Mama die Rasseln und das Tamburin raus und singen, zusammen mit dem Cowboy, »Sleep On The Floor«: »Cause if we don’t leave this town, we might never make it out.« Das hat den Melancholie-Faktor, der für Folk unerlässlich ist, der in einer guten Fernsehwerbung aber selbstverständlich nichts zu suchen hat, weil er nicht verkaufen würde.

Das erste Album der Lumineers hatte diesen gewissen unschuldigen, teenieschnulzigen Vibe. »Cleopatra« bringt das Drama, den Wasserleichen-Blues. Die Karriere der Lumineers klingt nach Bilderbuch: 2012 kamen sie mit ihrem gruppendynamischen, eingängig-einfachen Folk quasi aus dem Nichts. Bestechend unkompliziert spielten sie Lieder für knackende Lagerfeuer und laute Kneipen. Rustikaler Sound, geprägt von Fußgestapfe, Klatschen, Akustikgitarre, Cellobegleitung, getragen durch die kratzig-traurige Stimme von Wesley Schultz. Klingt nahezu perfekt. Wenn da nur nicht diese Enttäuschung wäre. »Du hast dir etwas erträumt und kommst an einen Punkt, an dem du genau das erreicht hast«, erklärt Wesley Schultz. 

»Und nichts davon ist so, wie du es dir vorgestellt hast, denn tatsächlich bist du immer noch dieselbe Person wie früher. Mit denselben Problemen. Nur glauben die Welt und deine Freunde jetzt, dass du es geschafft hast. Einige der neuen Songs beklagen den Verlust dieses Traums. Ich muss immer noch mein Glück finden. Es definiert sich nicht darin, erfolgreicher Musiker zu sein, das hat mir bei meinem Selbstfindungsprozess jedenfalls nicht geholfen.« Deshalb lässt Schultz seine Protagonistinnen und sich auf die Suche gehen: Titelheldin Cleopatra fährt Taxi, um sich von vertanen Chancen abzulenken. »Angela« symbolisiert ein Ziel, das vielleicht kurz greifbar, aber niemals zu erreichen ist. Und dann gibt es noch die verlorenen Träume von »Ophelia«, die aber rein gar nichts mit der tragischen Hamlet-Figur gemein hat. Wesley Schultz ist nämlich kein großer Shakespeare-Fan. »Ich habe mal reingeschaut in ›Hamlet‹, es dann aber aufgegeben. Wir hatten jahrelang diesen Refrain in den Köpfen: Oh-Oh-Ophelia. Und es hat für mich keinen Sinn ergeben, rückwärts zu recherchieren. So kann man keinen Song schreiben, der einem etwas bedeuten soll.« 


Musikvideo zu »Ophelia«
Cellistin Neyla Pekarek schaut an die Decke und aus dem Fenster. Sie hat nicht viel zu sagen, auch weil Wesley immerzu redet. »Ich wollte eine Band, die aus drei Leuten besteht«, erklärt er und beschreibt seine frühe Faszination für Celli. Auch die Frage, warum es keinen Song über Männer gäbe, beantwortet Schultz: »Cleopatra ist aus der Perspektive einer Frau geschrieben.« Von ihm. Ob er sich dafür Einfühl-Input von Pekarek geholt hat? Wahrscheinlich nicht.

Die Vergangenheit der Band heißt »Ho Hey«. Wer jetzt glaubt, er kenne die Nummer nicht, liegt höchstwahrscheinlich falsch. Einfache Akustikgitarre, stampfiger Beat, Tamburinschläge und folgender eingängiger Refrain: »I belong to you, you belong to me, you’re my sweet heart.« Für die Lumineers war »Ho Hey« das Ticket zu den Grammys, die Band hat den Song schon viele Tausend Male gespielt. Sie werden ihn noch millionenfach spielen. Hat sich die Band mit dem zweiten Album so lange Zeit gelassen, aus Angst, dem Erfolgsdruck nicht gerecht zu werden? »Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine ruhige, relaxte Person gewesen zu sein«, sagt Jeremiah Fraites und putzt sich die Nase. »Auch vor ›Ho Hey‹ war ich das nicht. Natürlich gab es Druck von außen, nach diesem Überhit, oder wie man ihn auch immer nennen will. Aber auch ohne diesen Song im Rücken würde ich mir Sorgen machen.« Die Zukunft offeriert kein zweites »Ho Hey«, aber genügend Songs gespickt mit purer Emotion. Eingängig genug zum Mitsummen und -singen, neue Ohrwürmer für die Massen. Man muss die Band nicht verstehen, sondern fühlen.

In »Hamlet« besiegelt Ophelia ihr Schicksal, indem sie sich in einem See ertränkt. In »Cleopatra« besingen die Lumineers ihre verlorenen Träume und schlagen das Tamburin dazu. Der Erfolg ist vielleicht nicht so, wie sie sich ihn vorgestellt haben. Ophelia-enttäuschend ist er aber auch nicht. 

The Lumineers

Cleopatra (Deluxe Version)

Release: 08.04.2016

℗ 2016 The Lumineers, under exclusive licence to Decca a division of Universal Music Operations Ltd.

– The Lumineers »Cleopatra« (Decca / Universal / VÖ 08.04.16)