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Wie frei ist ein Libertine?

The Libertines

»Have we enough to keep it together?« Diese bange Frage stellen sich die Hauptakteure der Libertines bereits in der ersten Single des neuen Albums. Wird ausgerechnet jene Band, vor der Morrissey in Sachen romantischer Haltung den Hut zieht und die das Zeug dazu hätte, das Terror-Regime der Gallagh
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»Have we enough to keep it together?« Diese bange Frage stellen sich die Hauptakteure der Libertines bereits in der ersten Single des neuen Albums. Wird ausgerechnet jene Band, vor der Morrissey in Sachen romantischer Haltung den Hut zieht und die das Zeug dazu hätte, das Terror-Regime der Gallaghers auf dem britischen Pop-Olymp zu beenden, werden ausgerechnet die lebendigsten Protagonisten einer frischen Szene zwischen Drogen und Tabloids zerrieben? Peter Doherty und Carl Bârat stecken mitten in einer Soap-Opera, und es liegt an ihnen zu entscheiden, ob »Libertines Forever« bloß ein blöder Spruch ist oder sie tatsächlich die größte Band ihrer Generation sind.

Auf der Couch sitzt eine Hälfte der Band. Carl Bârat will nichts anderes sein, alles andere wäre Verrat. Old Shatterhand hätte Winnetou auch nicht verarscht, was soll also das Gerede? Doch mit seinem Gegenstück, Pete Doherty, hat er seit Tagen nicht gesprochen, sein Gesicht zuletzt in der Sun gesehen. Doherty, ebenso wie Barât Sänger und Gitarrist der derzeit zügellosesten britischen Rockhavarie, ist zerschossen durch Drogen, Tabloids und ein gerüttelt Maß an Turbulenzfreude. Seine Überreste streifen derweilen durch London, und Analysten geben ihm gemessen an der empirischen Haltbarkeitstabelle für verglühende Rockstars noch drei Jahre, dann ist Pete 27 Jahre alt.

Aus Booker-Kreisen schwitzen derweilen hässliche Gerüchte durch. Man redet von einer bereits aufgelösten Band. Barât zupft ermattet am eigenen T-Shirt und sieht damit die eigene Existenz als bestätigt an. »Das wird wahrscheinlich von Petes zeitweiliger Abwesenheit hergeleitet worden sein, die anhalten wird, bis er eben der Welt der Narkotika voll und ganz abschwört«, meint er lapidar und gähnt wieder. Über die Phase von Wut und Verzweiflung ist er weitestgehend hinaus. Barât lehnt quer über dem Sofa wie ein Dandy, dem das Leben eine erhöhte Dosis Geduld verschrieben hat.

Und das kam so: Ende der 90 rennen in East London zwei enthusiastische Träumer ineinander, Carl und Pete. Ihre Freundschaft scheint mittlerweile legendär, die ›Saga‹ (auch ein Track des neuen Albums) nimmt ihren Anfang. Als die Libertines 2001 schließlich von Rough Trade unter Vertrag genommen werden, haben sie bei dem entscheidenden Gig vor den Label-Vertretern noch nicht einmal einen Bassisten. Doch genau das ist der Geist der Stunde. Im August haben die Strokes ›Is This It‹ herausgebracht, kurz vor Weihnachten haben auch die Libertines ihren Vertrag und werden fortan mit den New Yorkern in Verbindung gebracht, nicht zuletzt eröffnen sie für die Strokes wenige Wochen später zwei Konzerten von deren UK-Tour. Peter hatte schon vor dem Vertrag eine Schwäche für Drogen, doch langsam wird es Lifestyle.

Suedes Bernard Butler nimmt sich ihrer Single an, Mick Jones von The Clash zeigt ihnen als begeisterter Fan ihrer Songs, wie man das Libertines-Gefühl auf Platte bringt. Die Band beeindruckt Morrissey und spielt als Vorband in der Brixton Academy, während ihre Singles immer höher in die Charts vorstoßen. Einladung zu Letterman, neue Single mit Butler – alle sind gemästet vom Erfolg, keiner bemerkt, wie sehr sich die Lage um Pete Doherty, die eigentlich doch so wesentliche Figur im Bandgefüge, zuspitzt. Im Juni 2003 scheint die Freundschaft zum ersten Mal Risse zu bekommen. Pete fühlt sich von Carl verraten, da der ihn bei einem privaten Spontan-Gig hängen lässt, und ruft dem Bandbus zum Start der großen Europa-Tour nur ein »fuck them!« hinterher. Offiziell redet das Management nun von »Petes Krankheit« und der »schweren Entscheidung« der Band, trotzdem weiterzufahren und den Roadie Nick an Petes Stelle zu setzen.

Während sich der NME überschlägt, BBC’s Radio One der Band die Playlists zu Füßen legt und immer größere Spielstätten vor der Band ausrasten, tritt Pete am 25. Juli die Tür zum Apartment seines besten Freundes ein. Noch auf dem Treppenabsatz beginnt der unter Crack stehende Gitarrist den innerlichen Disput mit dem abwesenden Carl, dass er das Geld brauche, um die Musiker zu bezahlen, die bei ihm wohnen würden. Und eh er sich’s versieht, hat er auch schon in Rage geraten die Tür eingetreten. Er klaut Carl eine antike Gitarre, einen Videorecorder, einen Laptop, einen CD-Spieler und eine Mundharmonika. Mittlerweile spielt er in einer neuen Band, Babyshambles. »Das war so ein Name, mit dem mal ein Mädchen ankam«, erzählt mir Carl, und irgendwie scheint es ihm wichtig, dass Pete eben genau diesen Namen um seine rechte Brustwarze tätowieren ließ. »Könnte alles Mögliche heißen. Steht wohl für alles, in das ich nicht involviert bin, denn sonst wären es ja die Libertines, keine Ahnung. Er hat mich sogar ein paarmal gefragt, ob ich nicht mitmachen will bei Babyshambles.« Bei diesem Gedanken weiß er anscheinend nicht, ob er lachen oder weinen soll, und fügt als Erklärung an: »Da ist jede Menge pfffffft dabei.« Und bei »pfffffft« gestikuliert er den Druck in die Armbeuge.

Am 6. September 2003 spielen Babyshambles einen tumultartigen Gig in einem Pub namens Hope And Anchor. Zwei Tage später wird Pete wegen Einbruchs zu sechs Monaten Haft verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Freunde Pete und Carl wieder ausgesprochen. Als Pete am 10. Oktober vorzeitig aus dem Gefängnis kommt, steht Carl vor dem Tor. Beide umarmen sich und geben ein entfesseltes Konzert im Tap N Tin, noch in derselben Nacht.

Kurz darauf wird nun der berühmte Alan McGee, ebenso zuständig für Oasis, ihr Manager. »Er sagte, er sei geübt, habe genug Training für die Libertines«, erläutert Carl dessen Leidensfähigkeit. Im Folgenden gewinnen die Libertines dennoch nicht weiter an Stabilität, es ist eine einzige On/Off-Beziehung. Pete Doherty besucht immer wieder die Wohnzimmer seiner Fans und spielt dort kleine Privatgigs, um an Geld zu kommen. Seit dem Einbruch wissen alle, dass er auf Heroin und Crack ist. »Eine tödliche Kombination«, befürchtet Rough-Trade-Boss Geoff Travis. Band und Management drängen ihn zum Entzug. Dreimal tritt er ihn an, ohne Erfolg. Zuletzt geht er sogar ins berühmte Thamkrabok-Kloster in Thailand, hält es aber kaum einen Tag dort aus. Sobald er seinen Pass wiederbekommen kann, beendet er die »spirituelle Reise, auf die er nicht vorbereitet war« (gegenüber dem NME im Juli 2004), und fährt direkt ins pulsierende Bangkok. Straßenstrich und »Chinese Rocks« (Heroin) per Zimmerservice. Eine Erfahrung zu Lasten der Band, wie mir Carl versichert. »Es [Petes Entzüge] kostet scheiße viel Geld. Es kostet mehr, als wir haben.« Für die Flugtickets hatten sie extra einen Abschiedsgig organisiert. Pete selbst hatte in Thailands Hauptstadt eine Radiostation aufgesucht, um dort für Dollars zu spielen – »unsere Songs zu spielen«, betont ein fassungsloser Carl Bârat – und so den Aufenthalt zu finanzieren.

Ein Libertin ist ein Freidenker, ein Freigeist. Jeder der Libertines würde gern frei sein, und dennoch bewegt sich ihre Geschichte im Kreis. Wer Pessimist ist, mag denken: in einer Spirale nach unten. Songs wie ›Death On The Stairs‹, ›Sheepskin Tearaway‹ oder ›The Ha Ha Wall‹ sind allesamt Berichte aus einer unfreien Welt. »And the truth’s too harsh to comprehend / You just pretend there isn’t a problem« heißt es in ›The Saga‹, und während die Band dies im März 2003 in den Metropolis Recording Studios von West London einspielt, stehen zwei groß gewachsene Männer vom Sicherheitsdienst vor der Tür – für alle Fälle. Sowohl Carl als auch Pete geben zu, dass es dieses bezeichnenderweise schlicht selbst betitelte Album ohne Produzent Mick Jones nicht gegeben hätte. Keiner von beiden hat Zweifel an dem großartigen Album, das »weitestgehend biografisch« (Carl) zu verstehen ist, doch sind beide gefangen in dieser »beschissenen Soap-Opera«, in der keiner enden will. Der eine (Pete) braucht das Geld, das ihm die Tabloids bieten, der andere (Carl) hält sich genau deswegen von ihnen fern. »Weil es so ein beschissenes Drama ist und ich mittendrin stecke, weiß ich eh, was da stehen könnte.«

Was neu ist an dieser Geschichte? Die Verbundenheit. »Ich will keinen Ersatz«, beteuert Carl immer wieder wie ein störrisches Kind. »The Libertines are forever«, klammert auch Pete. Und in ihren Songs heißt es: »A problem, becomes a problem / When you let down your friends.« Und genau deshalb zerbricht diese Band nicht wie ein Haufen voll gefressener Neureicher, sinkt das Schiff nicht durch Überlastung und Druck von außen, sondern muss mit dem Cliffhanger als Lebensprinzip weiterschaukeln. »Ich hab keine Freude an Schmerzen oder so«, meint Carl, der gleichzeitig zugibt, gelegentlich eifersüchtig ob der Aufmerksamkeit und Nachsicht für seinen Freund zu sein. Aber: »Es bringt nichts, wütend zu sein. Ich war schon verdammt wütend. Hab alles in Songs gesteckt, die ich geschrieben habe. Ich bin einfach nur noch verzweifelt, müde und geistig erschöpft von dieser ganzen Geschichte.« Die Fans hingegen lieben das Pendel, das Carl in die Erschöpfung treibt. Der britische NME verkauft sich gleich zweimal, einmal mit Carl und einmal mit Pete auf dem Titel derselben Ausgabe. Über die Messageboards der Internetseiten thelibertines.org und babyshambles.com erfährt jeder, der schnell genug ist, in welchem kleinen Pub der nächste spontane Gig oder eine überraschende Versöhnungsfeier stattfinden oder platzen wird. Über ein solches Board können binnen kürzester Zeit über 5.500 Tickets verkauft werden. Das Impulsive der Libertines ist über das Netz 1:1 übertragbar. Ihre Vorliebe für die Sloganisierung und Romantisierung des eigenen Lebensstils kann hier via Tagebuch oder Download quasi in Echtzeit an die Fans weitergegeben werden. Viele tun es ihnen gleich, eine ganze Szene ist so entstanden. The Paddingtons, The Others, The Unstrung, The Lefthand, Art Brut, The Soho Dolls oder The Cherubs – sie alle haben die Do-It-Yourself-Message wieder entdeckt, scheißen auf eine Karriere über die klassische Plattenindustrie und puzzeln sich in einer Menge verschiedenster Schnipsel ein Bild ihrer selbst im Web zusammen, mit dem sie mit allen in Kontakt treten können, die ihre Musik spannend finden. Das sind Bands, die ihre Songs direkt mit dem ersten Demo ins Netz stellen, anstatt die CD in den Safe zu legen und auf eine professionelle Pressung zu warten. »If you are shy for tomorrow you’ll be shy for 1000 days / Now is your time to shine / Dance and hear your song / Or you may wake up one day in the last chance saloon / To find the last chance has been gone« (The Libertines, ›Don’t Be Shy‹).

Umso größer also die Freude, wenn das Happyend folgen sollte. Im Coverbild des neuen Albums sieht Carl Bârat den »Abend der harten Realität. Aber gleichzeitig mit der Lizenz zum Träumen.« Er selbst nennt sich einen »faulen Träumer«, doch er zeigt immer wieder, dass er sich für seine Träume in Stücke hauen lassen würde. Dafür sind beide, Pete und Carl, in ihrer Generation in Großbritannien so was wie Volkshelden. Wie soll Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe doch gesagt haben: »I wouldn’t mind being Pete but I wouldn’t go to rehab.« Will Peter auch nicht, but: »When the penny drops ... / Trust in me / Take me by the hand« (The Libertines, ›The Saga‹).

»It’s a good ship, but it’s not got it’s captain on board.«

Ein Interview mit Geoff Travis

Geoff, wie ist dein Bild der derzeitigen Situation der Libertines?
Wofür ich wirklich bete, ist, dass Peter endlich ein Einsehen hat und die Dinge ins Reine bringt. Das hoffen wir hier alle, und es ist eigentlich auch so einfach. Aber wer weiß, ob das je passieren wird. Carl verdient großen Respekt, dass er die Verantwortung für die Dinge übernimmt, sie stemmt und weitermacht, aber wir alle – und Carl ganz besonders – wollen, dass unser Freund und musikalischer Partner zurückkehren wird. Ob das je passieren wird, weiß allerdings niemand. Und es ist einfach immer schwieriger geworden. Du weißt nie, was morgen sein wird: Wird Peter aufkreuzen, sitzt er vielleicht im Gefängnis, oder ist er tot?
Umso bewundernswerter, wie Carl mit der Sache umgeht?!
Es gibt viel Mitgefühl für Peter. Denn er ist etwas sehr Besonderes, jeder Mensch ist etwas sehr Besonderes. Aber in Peter wohnt ein Funke, auf den wir alle sehr reagieren. Da ist etwas Magisches in seinem Gesang. Er zeigt uns seine Seele, wenn wir seiner Stimme zuhören, und das bewegt uns sehr. Das ist etwas sehr Seltenes in der Musik.
Hast du selbst Kinder?
Ja, sie sind 13 und 15 Jahre alt, und ich bin daher auch besonders vorsichtig.
Was wäre nun, wenn Peter dein Sohn wäre?
Auf eine Art würde das die Dinge vereinfachen, wenn Peter mein Sohn wäre. Denn dann würde ich ihn suchen, mitnehmen und dafür sorgen, dass er in den Entzug kommt. Aber leider sind seine Eltern Teil des Problems. Wenn ich sein Vater wäre, würde ich nicht ruhen, bis die Sache geklärt wäre, doch leider hat Peter keinen solchen Vater.
Was sagst du denn zu Peters Solo-Tour?
Nun, ich denke, Babyshambles ist dafür ein guter Name. Wofür könnte es stehen? Vielleicht für »Peter braucht Geld für Drogen«? Vielleicht auch, dass Peter einfach Gitarre spielen und singen muss, weil es für ihn lebenswichtig ist. Das könnte das reinere Motiv sein, aber ich fürchte, dass er so in die Sucht verwickelt ist, dass es schwer ist, es so unschuldig zu betrachten.
Kommt einem so vor, als würde er die Geduld der anderen ausnutzen, sie nicht ernst nehmen?
Ja, genau. Ich glaube, dass er immer noch denkt, die Libertines seien seine Band. Das ist schon etwas verwirrt. Aber Peter ist auch ein sehr intelligenter Mann, irgendwas treibt ihn in diese Illusion, und es ist schwer zu sagen, was genau es ist. It’s a good ship being sailed, but it’s not got it’s captain on board.

27 Jahre
Sprichwörtliche Halbwertszeit für Generations-Ikonen. Als Beispiele dafür müssen immer wieder Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain, Brian Jones oder Jimi Hendrix herhalten. Selbst der einflussreiche Blues-Musiker Robert Johnson starb 1938 mit 27 Jahren. Natürlich ist diese Gemeinsamkeit so zufällig wie lächerlich, doch steht die Zahl 27 nun für den klassischen Tod jener Musiker, deren selbstzerstörerische Tendenzen eng mit ihrer Kunst verknüpft sind.

Beeindruckter Morrissey
Der britische Romantiker und Smiths-Sänger wird von den Libertines verehrt, beteuert aber in Interviews, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhe. Morrissey, sonst nicht gerade freizügig mit Komplimenten, gerät beim Erzählen über Libertines-Shows ins absolute Schwärmen und sieht für die Band auf lange Sicht einen festen Platz in der Pop-Geschichte, sollten sie jetzt nicht auseinander brechen.

Geoff Travis
... startete Rough Trade eigentlich 1977 als Plattenladen. Schon damals kam Mick Jones von The Clash vorbei, denn Travis war ausgesuchter Punk-Kenner. Das 1978 gegründete Label war bis 1990 wegweisend. Travis signte The Smiths, The Fall oder Pere Ubu und scheiterte schließlich in einer Vertriebskrise. Zehn Jahre später versuchte er einen Neustart, entdeckte sogleich die Strokes und unterstrich damit die Relevanz des Markennamens Rough Trade.