×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bildergalerie: My Drug Buddy

The Lemonheads live

Zwar nicht weltklasse, aber eins scheint sicher: Eine müde Show von Rockopas wird man von Evan Dando und Co. wohl nie sehen müssen.
Geschrieben am


Zwar nicht weltklasse, aber eins scheint sicher: Eine müde Show von Rockopas wird man von Evan Dando und Co. wohl nie sehen müssen.
Christian Steinbrink war für uns in Köln dabei.

03.10.08, Köln, Gebäude 9.

Die Tourbegleiterin steht am Durchgang zum Konzertsaal des Gebäude 9, schaut auf die Bühne und grinst erleichtert. "Er ist gut drauf, das sieht man" meint sie zu den Mitarbeitern des Deutzer Rockclubs. Sie haben sich besorgt danach erkundigt, im Falle von Evan Dando, Ex-Junkie und Mastermind von The Lemonheads, sicher nicht unbegründet. Schließlich sind Dandos Eskapaden legendär und trotz erfolgreichen Entzugs noch lange nicht abgeschlossene Vergangenheit. Aber hier, auf dieser Tour, scheint alles gut zu gehen.

Das ist für alle Beteiligten äußerst erfreulich, schließlich ist das, auch und gerade im Fall der Lemonheads, Grundlage für eine geglückte Show. Das war bei Lemonheads-Shows in den letzten Jahren alles andere als die Regel, ganz im Gegenteil, in einer Spannbreite von katastrophal (Haldern Festival 2003) bis weltklasse (Bürgerhaus Stollwerck 2006) fiel die Bewertung von Dando-Gigs immer unterschiedlich und komplett unvorhersehbar aus. Hier und heute ist es also gut. Bei jeder anderen Band, die 22 Jahre auf dem Buckel hat, klänge das nach leicht langweiliger Kontinuität. Aber es geht ja um die Lemonheads.
Bei dieser Band sind die Anzeichen für Kontinuität rar, schon immer gewesen. Da ist es ein schönes und beruhigendes Zeichen, dass Dando schon seit einiger Zeit auf ein ähnliches Line-up zurückgreift. In Köln sind die Lemonheads zu dritt, Bassist Vess Ruhtenberg ist jetzt schon eine ganze Zeit ohne Unterbrechung dabei, Ex-Extra Blue Kind-Frontmann P. David Hazel scheint sich den Schlagzeugjob mit Devon Ashley zu teilen. Alle zusammen sollen an einem neuen Album arbeiten, es sollte ursprünglichen Verlautbarungen nach schon dieses Jahr erscheinen, das ist lange nicht mehr aktuell, aber man kennt das ja von dieser Band und akzeptiert es.

Es ist ja schon schön, die Band in solch hoher Frequenz live sehen zu können, da verzeiht man auch, dass die Wiederveröffentlichung des alten Megasellers "It's A Shame About Ray" als Sammleredition ein ziemlich schlaffer Grund für eine Tour ist. Dementsprechend findet sich im Set der Band auch kein einziger neuer Song, weder von der anberaumten Cover-Compilation noch einem möglichen neuen Album. Aber - es sind ja die Lemonheads.

Immer, wenn man die Lemonheads sieht, werden die Folgen jahrelangen Drogenmissbrauchs bei Dando deutlich. Er ist fahrig, er wirkt hilflos und jähzornig. Im besten Fall wirkt er wie benebelt. Trotzdem schafft er über die Monate ein beeindruckendes Konzertpensum. Sein Spiel ist live selten so gut wie früher oder wie auf den Platten, zudem ist sein aktuelles Line-up aus relativen No Names lang nicht so tight wie die beiden Descendents Bill Stevenson und Karl Alvarez auf dem letzten, selbstbetitelten Album. Aber wer den Weg der Lemonheads verfolgt, hat damit zu leben gelernt. Es bleibt ja die Stimme Dandos, es bleiben seine Songs, deren Entstehung und Liveinterpretation eigentlich nur noch mit Antizipation und Intuition zu erklären sind, vielleicht noch mit Charisma und Talent.

Video: The Lemonheads - "Drug Buddy"



So auch an diesem Abend: Dando wirkt fertig, sogar fertiger als sonst, er bewältigt das Konzert nur unfallfrei, weil ihn seine Band mit Engelsgeduld stützt, und doch: Sein Set ist keine sinnentleerte Evergreenshow, seine Songs sind so unmittelbar und bedeutungsschwanger wie eh und je. Dando ist unser Drug Buddy, man kann ihn nur lieben, er ist Steve's Boy, es war sicher nicht leicht zu überleben. Wenn ihn die verstrahlten Typen vom Melt-Sleeplessfloor hören könnten, sie würden ihn lieben und in ihm einen Gleichgesinnten erkennen. Er ist ihr Großvater, er hat ihr Leben gelebt, seine bürgerlichen und gebildeten Indierock-Fans nicht, und darüber kann nur jeder von ihnen froh sein.

In stolzer Pflichterfüllung spielt Dando einen Gutteil des wiederveröffentlichten Albums in korrekter Reihenfolge, danach Songs der diversen anderen Alben, danach ein paar Stücke allein, dann kommt die Band auf die Bühne zurück. Das sei der Indikator für eine "gute" Show, hört man später, andernfalls hätte er sie nach dem Soloteil abgebrochen. Trotzdem reicht es am Ende nicht für eine Zugabe. Auch während des Sets verliert Dando kaum ein Wort, sondern bemüht sich, schnell und ohne Umschweife den jeweils nächsten Song folgen zu lassen, sofern er nicht vergessen hat, welcher an der Reihe ist. Das anfangs postulierte Fotoverbot wird im Laufe des Konzerts von immer mehr Fans geflissentlich ignoriert, Dando sagt dazu nichts, vielleicht hat er vergessen, dass er sich das am Anfang des Tages kategorisch verbeten hatte.

Nach dem letzten Stück verlässt er fast fluchtartig die Bühne, ein Techniker richtet noch mal Mikros und Gitarren, trotzdem setzt sofort Musik über die Lautsprecher ein. Nochmal wird klar, dass hier nichts endgültig geplant werden kann. Trotzdem - es ist Dando, es sind die Lemonheads. Und deren pure Songs haben gereicht, um wieder ein Konzert vollauf gelingen zu lassen. Zwar nicht weltklasse, aber eins scheint sicher: Eine müde Show von Rockopas wird man von ihnen wohl nie sehen müssen.


Du warst auch auf dem Konzert oder hast The Lemonheads zuletzt live gesehen? Poste Deine Eindrücke unter diesen Artikel!