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Die Band bin ich

The Lemonheads live

27.10.06, Köln, Bürgerhaus Stollwerck. The Lemonheads sind in der Stadt, und es ist schrecklich voll im Stollwerck. Schon früh am Abend. Und es ist nur deshalb zu ertragen, weil das Haus glücklicherweise so ein weitläufiges Foyer besitzt. Bemerkenswert: Während der letzte Gig Evan Dandos unter seine
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27.10.06, Köln, Bürgerhaus Stollwerck. The Lemonheads sind in der Stadt, und es ist schrecklich voll im Stollwerck. Schon früh am Abend. Und es ist nur deshalb zu ertragen, weil das Haus glücklicherweise so ein weitläufiges Foyer besitzt. Bemerkenswert: Während der letzte Gig Evan Dandos unter seinem Realnamen in Köln noch vor gemütlich-halbvoller Kulisse im Gebäude 9 stattfand, wollen jetzt, wo er seine alte, glorreiche Band bzw. deren Bandnamen wieder reaktiviert hat, alle kommen. OK, es ist nicht nur der Name. „The Lemonheads“ zu sein, bedeutet für Dando auch, laut und elektrisch verstärkt zu sein. Und das hat er Europa wirklich lang nicht mehr geboten. Wobei die einschneidende Frage zum Abend auch schon angerissen ist: Sind das wirklich The Lemonheads? Oder missbraucht Dando nur den Namen, der ihm allein eigentlich nie wirklich zustand? Die Diskussionen darüber sind hitzig und ergebnislos, wobei diejenigen, die auf die steten Besetzungswechsel der Band schon zu ihrer Hochzeit hinweisen, meistens das letzte Wort behalten. Stimmt schon, die letzten nennenswerten Lemonheads-Bandmitglieder hat Dando schon vor mehr als zehn Jahren über Bord geworfen, danach war nur er. Und warum er vor wenigen Jahren ein Album als Evan Dando veröffentlichte, hat eigentlich schon damals niemand so richtig verstanden.

Jedenfalls verschulden die Gesprächskreise den aufmerksamen Genuss vom britischen Support Nick Ainsworth. Nur dünne Klänge von akustischen Gitarren dringen nach außen, jemand murmelt etwas von einer Band namens Former Bullies, der Ainsworth angehören soll. Wo Dando den Mann aufgegabelt hat, bleibt schlussendlich ungeklärt. Vielleicht ergibt sich demnächst mal die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.

Als ebenso namenlos erweist sich die Band, die Dando als die neuen Lemonheads rekrutiert hat. Die Altrocker wie ich, die wir uns auf Teile der Descendents Angesicht zu Angesicht mindestens ebenso wie auf die Lemonheads gefreut hatten, werden enttäuscht. Dass J Mascis sich vielleicht sogar auf die strapaziöse Reise nach Europa hätte machen können, hatte sowieso niemand so richtig geglaubt. So bleiben die Identitäten der neuen Livemitglieder der Lemonheads mysteriös. Manche Quellen sprechen von den musikalischen Wandervögeln Josh Lattanzi und John Kent, andere sehen ehemalige Mitglieder der Zero Boys auf der Bühne. Mindestens für letztere sind Dandos Sidekicks aber deutlich zu jung. Wie dem auch sei, die Band, also Drummer und Bassist, machen ihren Job tadellos und ohne Sperenzchen. Wichtig ist sowieso allein Dando. Der präsentiert sich auf der Bühne ebenso zugeknöpft, wie er vorher im dicken Mantel durch die Hallen des Stollwerck eilte. Egal. Denn jede Sekunde, die er nicht redet, kann er für seine wundervollen Songs nutzen. Und er redet wirklich nicht viel. Stattdessen hat er ein Set ausgewählt, dass jedem alt gedienten Lemonheads-Fan das Herz wärmt. Die Stücke von seinem aktuellen, selbst betitelten Album und seiner Soloplatte bleiben spärlich. Stattdessen nahezu alle der vielfältigen Hits aus seiner Hochphase Anfang und Mitte der Neunziger. Wie schon früher einmal erwähnt, sind Lemonheads-Shows mittlerweile nostalgische Reisen in die eigene Jugend. Aber es sind schöne, ehrenvolle Reisen. Denn sie beweisen dem gereiften Fan, dass er/sie als Teenager doch nicht nur Scheiße gehört hat. Lemonheads-Songs stehen für sich und stehen für immer, und zwar alle. Natürlich bleibt der eine oder andere persönliche Lieblingssong ungespielt, und die Reihe seiner erfolgreich gecoverten Stücke spart Dando fast vollständig aus. Trotzdem reicht das Material für anderthalb Stunden voller emotionaler Ausbrüche und führt letztendlich bei nicht wenigen zu infantiler Ausgelassenheit. Na ja, wenigstens bei mir. Gut, dass mich dabei nur Wessels gesehen hat.