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Vietnam will be massive

The Lemonheads

2003. Evan Dando, der Indie-Posterboy der späten 80er- und frühen 90er-Jahre, meldet sich nach einigen extrem hedonistisch verbrachten Jahren mit einem Soloalbum zurück: “Baby I’m Bored”. Die Entscheidung, es nicht unter dem sicherlich marktwirksameren Lemonheads-Logo zu veröffentlichen, war dem ges
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2003. Evan Dando, der Indie-Posterboy der späten 80er- und frühen 90er-Jahre, meldet sich nach einigen extrem hedonistisch verbrachten Jahren mit einem Soloalbum zurück: “Baby I’m Bored”. Die Entscheidung, es nicht unter dem sicherlich marktwirksameren Lemonheads-Logo zu veröffentlichen, war dem gesetzteren Songwriting der Stücke (u. a. mit Ben Lee als Partner) geschuldet. Vielleicht aber auch dem Wissen, dass alle doch nur auf drogenbedingte Ausrutscher warteten – und die liefert man immer noch am besten bekennend unter eigenem Namen ab -, welche er dann auch konsequenterweise ab und an auslebte, nicht mehr ganz so wild wie früher, aber markant genug.

Mittlerweile schreiben wir, wie wir alle wissen, das Jahr 2006. Evan Dando hat sich trotz seiner Neigung zum Rumslacken und Geldverplempern mal wieder aufgerafft. Angefixt durch einige Lemonheads-Gigs im Sommer 2005, schien die Zeit reif für ein neues Album unter dem Signet, auch wenn er weiterhin der Einzige aus der Originalbesetzung ist. Ansonsten ist ihm allerdings tatsächlich die höchstmögliche Annäherung an den Sound seiner Jugend gelungen: “The Lemonheads” bietet eingängige, poppige Songs mit großartigen Melodien und schnittigen Riffs – man kann hier die Handschrift seiner neuen Mitmusiker Bill Stevenson (The Descendents, Black Flag) und Karl Alvarez (All, The Descendents) erkennen –, in den entspannteren, tiefsinnigeren Momenten zeigen sich auch Bezüge zu Country und Psychedelic, nicht zuletzt durch die Gitarren-Gastauftritte von J. Mascis.

Ich erinnere mich, dich erstmals 1988 gesehen zu haben, auf der gemeinsamen Tour mit Bullet LaVolta. Die Bullets sind schon lange Geschichte, du bist noch immer around – auch wenn es sehr lange Pausen in deiner Präsenz gab. Aber die Zeiten, die Bands und Orte um dich herum haben sich schon sehr verändert.


Das war 1989. Warst du in Köln im Rose Club? Oh, in Backnang. Ja, da spielten wir auch. Und später in Stuttgart in Läden wie dem Universum und Longhorn. Wir sind damals dann sehr schnell groß geworden in Deutschland, spielten plötzlich vor 2000 Leuten am Abend. Das war verrückt. Wir waren eigentlich nur in England und Deutschland so groß – aber man sagte mir, dass das oft vorkommt, da die beiden Länder sich gegenseitig anfixen. Die Tour mit Bullet LaVolta war noch so eine klassische Jugendhaus-Tour – das waren lustige Tage, noch nicht so businessmäßig wie später. Ich hatte damals gerade meinen Job als Bedienung gekündigt. Wir wollten einfach nur genug Geld machen, um über die Runden zu kommen. Wir haben uns dann – ich weiß, das absolute Klischee – gemeinsam ein Haus gemietet. Dass da viel mehr Geld drin ist, dachte keiner von uns – und dann sind all die Bands plötzlich groß geworden.Wie gehst du denn damit um, dass du heute nicht mehr so eng mit all den anderen Bands verflochten bist wie in den damaligen Aufbruchjahren? Außer den Comeback-Bands spielt ja gerade schon eine neue Generation auf.

Ich kenne da auch einige mittlerweile. Ich würde nicht sagen, dass ich mich heute anders fühle oder gar benehme. Du musst wissen, ich habe mich nie allzu sehr mit der Musik der anderen Leute auseinander gesetzt, außer wenn ich sie live sah. Die Touren haben mich upgedated. Zuletzt haben mir Beachwood Sparks gut gefallen, eine kalifornische Band, die mit ihrer Mischung aus Country und Psychedelic Syd Barrett und Flying Burrito Brothers zusammenbringt. Sie haben im Studio von J. Mascis ein Album namens “Once We Were Tree” aufgenommen. Und da ist noch eine neue Band namens Vietnam, die ich sehr mag.

Guter Name. Seltsam, dass darauf nicht schon früher jemand gekommen ist.


Ja, das haben sie auch gesagt: “Fuck, we can’t believe we got it.” Ich will mit ihnen touren, sie sind eine fantastische Liveband. I think they will be massive, Vietnam.

Auf deiner 88er-Platte “Lick” war die Coverversion von
Suzanne Vegas Hit “Luka”, der erste Song, mit dem du auch Leute abseits der Jugendhaus-Szene erreicht hast. Wenn du heute den Text adaptieren und mit eigenen Worten füllen müsstest, wie würde sich das anhören? Wie sieht deine Welt aus?

Oh, das ist eine sehr konzeptionelle Frage. Ich lebe im 15. Stock in New York ... Uh, ich bin schlecht in solchen Dingen ...

Auf deiner Homepage empfängst du die Leute mit folgendem Statement: “I was acting like a bad, selfish person. It was really fucked up and I just made the decision to get myself together.” Von wann stammt dieses Zitat? Und war das denn so einfach?


Das muss so 1997 gewesen sein, als wir für “Car Button Cloth” auf Tour waren. Es ist so leicht, egozentrisch zu werden, wenn man etwas Erfolg mit seiner Band hat. Heute agiere ich mit mehr Stolz für das, was ich tue: Die Leute zahlen ja immerhin Geld dafür, dich zu sehen. Wir dachten eine Zeit lang, dass es genügt, high zu sein, um den Ansprüchen der Leute gerecht zu werden – dem war aber nicht so. [lacht] Ich klinge jetzt wie ein CEO.Aber ist das Bedürfnis nach all dem Positiven, das einem hedonistischen Lebensstil ja auch anhaftet, nicht doch noch eine stetige Verlockung? Es ist ja auch wichtiger Bestandteil des gegenkulturellen Entwurfs, mit dem auch bei dir einst alles anfing. Eigentlich muss ich die Frage auch nicht stellen, da ich ja weiß, dass du sympathischerweise nicht wie so viele andere in Schwarz-Weiß-Kategorien denkst, sondern letztlich für dich nach einem okayen Zwischenweg gesucht hast. Was ja auch glaubwürdiger rüberkommt.

Ich lerne ständig hinzu. Es ist ein stetiger Prozess. Klar, die Reize sind da – und warum auch nicht, manchmal ist es ja auch das Richtige. Und wenn man auf der anderen Seite sieht, was kulturell gerade passiert, dass die Leute, statt in Bars auszugehen, zu Hause am Computer rumsitzen, dann fragt man sich schon, wo das hinführen soll. Ich bin ein Skeptiker, was das Internet angeht, ich glaube nicht, dass es die Leute zusammenbringt, wie man so oft hört.

Letztes Jahr habe ich dich beim FIB-Festival in Spanien gesehen. Du hast vor Dinosaur Jr. gespielt und bist danach gleich auf der Bühne geblieben, um dir die ganze Show anzuschauen. Das wirkte so unglaublich fanhaft ...


Oh ja. Ich liebe alle Bands aus dieser Ära, die noch da sind. Es sind ja nicht so viele. Ich hole da auch einiges nach. Zum Beispiel habe ich Mission Of Burma nun endlich mal gesehen – 1982 habe ich sie verpasst, da ich damals eine Klassik-Phase durchlebte und nicht auf Rock-Konzerte ging. Sie sind eine meiner absoluten Lieblingsbands. [nimmt die Gitarre und spielt einen Song an] Momente wie dieser auf der FIB-Bühne haben mich erst zum Musikmachen gebracht. Ich erinnere mich, wie ich die Replacements Mitte der 80er mal gesehen habe: Sie flüsterten während der Show miteinander, machten Witze. Das weckte in mir das Gefühl, auch in einer Band sein zu wollen, diese Freude zu spüren, vor so vielen Leuten spielen zu dürfen. J. hat mir an diesem Abend beim FIB übrigens ein Effektgerät in die Hand gedrückt, sodass ich ab und an meinen Teil beisteuern konnte.

Lass uns über das neue Lemonheads-Album reden, das erste seit “
Car Button Cloth” von 1996: Es ist sicherlich nicht ohne Grund einfach “The Lemonheads” betitelt. Es erscheint auf dem Indie Vagrant, wirkt unheimlich frisch und fährt ja mit Bill Stevenson, Karl Alvarez und J. Mascis auch einige Characters aus den Gründungstagen auf – hat diese Konstellation etwas damit zu tun, sich ein Lebensgefühl aus früheren Tagen zurückholen zu wollen, etwas von der Unschuld, mit der alles mal anfing?

Wir haben uns gesagt, dass, wenn wir ein Lemonheads-Album machen würden, es wie die Lemonheads von damals sein müsste – nur besser. [lacht] Wir haben also versucht, den Vibe von damals wieder herzustellen, nur dass wir keine aufputschenden Drogen genommen haben. [lacht] Ohne die Gäste hätte ich den Namen auch nicht benutzt. Mit ihnen war eine andere, energetischere Soundausrichtung als bei der letzten Soloplatte möglich, bei der ja Leute wie Calexico mitgespielt haben.

Der Name Lemonheads hat ja fast zehn Jahre auf Eis gelegen. Hast du eigentlich den Eindruck, dass er den jüngeren Leuten trotzdem noch präsent ist?


Ich hoffe nein. Sie sollen denken, dass es eine neue Band ist. [lacht] Ich will nur, dass wir auf Tour gehen können und etwas Geld für die Miete reinkommt. Am wichtigsten für mich ist immer die Aufnahme.

Ich entnehme deinen Worten, dass du also gerade Geld gebrauchen kannst. Es gibt ja von dir das Zitat, dass du nicht wirklich kreativ sein kannst, solange du Geld auf dem Konto hast – und dass du deswegen Ende der 90er alles für Reisen, Drogen, Models und Alkohol ausgegeben hast.


Genauso ist es. [lacht] Ich habe wirklich sehr viel Geld ausgegeben. Wenn du wenig hast, dann hilft dir das in der Tat, treibt dich an.Wie Marx schon sagte: Besitz macht unfrei. Aber da du noch immer in Manhattan lebst, scheinst du zurechtzukommen.

Meine Frau ist Model – sie kriegt dort mehr Geld. Und dieses Mehr an Geld geben wir dann in dieser verrückt teuren Stadt gleich wieder aus.

Lass uns noch mal kurz auf deine Bekanntheit bei den Kids zurückkommen. Das kann man ja vielleicht auch am Backkatalog festmachen – läuft der gut?


Ich bin da nicht immer auf dem aktuellsten Stand, aber dadurch, dass wir im Gegensatz zu den meisten anderen Bands von damals unsere Alben alle recouped haben, bekomme ich regelmäßig Schecks von Atlantic. Es scheint also Interesse zu geben, warum auch immer.

Hegst du Gedanken wie “Lange kann ich diesen Sound doch nicht mehr machen”? Oder anders gefragt: Denkst du über dein Alter nach?


Nicht wirklich. Mein Idol war immer Neil Young – schon der Name sagt alles. Es fühlt sich nicht anders an, 39 zu sein, ich kann noch immer alles machen – es macht heute sogar mehr Spaß, da ich es eher zu schätzen weiß.

Denkst du manchmal darüber nach, was alles drin gewesen wäre, wenn du alles etwas straighter angegangen wärst?


Manchmal frage ich mich schon, was passiert wäre, wenn ich nicht sieben Jahre mit Koksen und Erste-Klasse-Fliegen verbracht hätte, aber das war auch eine Erfahrung und machte Sinn. Ich bedaure das kein bisschen. Klar könnte ich sagen, dass es sinnvoll gewesen wäre, 1998 ein Album zu veröffentlichen, aber es fühlte sich damals nicht danach an, es waren nicht die richtigen Songs da.