×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die rohe Botschaft: Wild und Faul

The Lazy feat. Glen Meadmore live

Er ist der schwule "boy from the farm", eine fragwürdige Rampensau mit Provo-Gläubigkeit. Felix Knoke sah Glen Meadmore in München.
Geschrieben am
19.02.08, München, Rote Sonne.

Er ist der schwule boy from the farm, die dreckige Drama Queen aus Los Angeles und eine - das geht nicht anders ausgedrückt -  fragwürdige Rampensau mit Provo-Gläubigkeit: Ein queer christian countrypunk, der nicht 100 Prozent, sondern alle Prozent gibt. Freund von Becks Mutter, Genesis P-Orridge, ehemaliger Weggefährte von Berlins größter Drag Queen Vaginal Davis und verantwortlich für den himmelschreienden Steptanz der Krüppel-Drag-Queen Goddess Bunny. Schauspieler unter Bruce LaBruce, Kraftwerk-Fan und der einzige Mensch der Weltgeschichte, der sich erst einen Hähnchenkopf auf der Bühne in den Arsch schob, um ihn dann "with a mudslide" ins Publikum zu scheißen. Aus Spaß und nicht aus Kunst.

Es geht also um Glen Meadmore, die schweinegroße trash queen der nordamerikanischen Queercore-Szene, Hollywood-Chauffeur der Reichen und Schönen, der schwulste Cowboy, den sich ein Wildhengst nur wünschen kann: 'Hot, Horny & Born Again'.

Und Glen Meadmore - ja, dieser Glen Meadore - kam im Februar endlich nach Europa, um seine rohe Botschaft der entblößten Körper und geschmierten Maiskolbendildos zu verbreiten. Glen Meadmore spielt punkige Countrydillies mit exaltiert gebrochener Stimme, warnt vor Strichern, heiligt das glory hole, setzt der slurp ramp im Schwulenclub ein Denkmal, zieht dazu eine unheilige Show der Schwänze und gewienerten Ärsche ab und - zum stillen Entsetzen des Publikums - führt sich dann und wann noch einen Maiskkolben ein. Obgleich, das betont Glen immer wieder, nur  "jesus' cock" dieses klaffende Loch in ihm zu füllen vermag. Glen proviziert ganz naiv, keine weitere Geste dahinter, kein Queer-Diskurs, keine Gender-Hirnmaloche. Glen macht den dreckigen Sex und das war's. Dass das Ganze dann auch noch unerhört rockt, macht die Schose nur noch tanzbar.

So weit, so gut. Eine Konzertreise, ein Performancekünstler, ein unvorbereitetes Publikum der Voyeure und Indieclub-Vorsteher. Sonderlich wahrscheinlich war das aber trotzdem alles nicht. Vom einstigen Glanz kann der sanfte Riese (203 cm) kaum mehr zehren, für eine Band reicht eigentlich die Kohle nicht und wenn Glen länger als zwei Wochen keine Promis (Madonna, David Bowie, John Travolta) durch die Gegend karrt, hat es sich auschauffeurt.

Dann aber trotzdem dieses Konzert in der Roten Sonne in München. Mit Band, mit ordentlich Publikum, mit Maiskolben. Der thronte bedrohlich auf dem Bassverstärker, gemahnte mit seiner schlichten Gelb- und Plastikheit an vergangene Konzerte. Gemahnt auch Glens Backingband daran, dass mit Glen, diesem Ausrufezeichen eines Menschen, auf der Bühne fast alles möglich ist. Glen ist die Rampensau. Die Band sein Prophet. Die Band heißt The Lazy und spielten sich 2007 mit ihrem Album 'Lazy In Red' in die Zündfunk- und m94,5-Playlists und die Herzen der Münchner Konzertbesucher.

Ein Label in Japan, eine Zukunft in Deutschland. Vielleicht auch mit dieser Anschubfinanzierung: Als Glen letztes Jahr auf Deutschlandbesuch war, traf er in der Lazy Now!, dem Lazy-Domizil im Münchner Stadtteil Lerchenau auf die drei Jungs. Eine Woche später der Anruf: Wollt ihr mich auf einer Tour in Deutschland, Österreich und Italien begleiten? Tilli Idle, Simon Dieu und Tom Wu wollten, ahnten noch wenig. Die Alben probten sie alleine im Übungsraum, harrten sonst der Dinge, die da kommen. Und dann kam er, Glen. Im Rhiz in Wien das erste Konzert, Fritz Ostermayer (FM4) als Support. Glen und The Lazy rockten das Publikum. So viel Herz und so viel Penis auf einer Bühne. Eine Konzertwoche später dann der Auftritt in München, auf den sich jeder gefreut hat. Heimstatt der Lazy, ganz nah der Lazy Now!-Kommune, die Eltern mit dabei. Das freute Glen, davor fürchteten sich The Lazy.

Aber alles ging gut: Das Konzert stolperte sich in Rage, das Publikum zog langsam mit, die Eltern versteckten sich hinter dem Mischer. Glen derweil tanzt sich in Verzückung, zappelt und hüpft, tanzt den debilsten chicken dance, den die Sonne jemals nicht sah, rast durchs Publikum, teast und flirtetet und stoßt ab, greift sich und andere ab - die Band beackert die viel, viel zu schnellen repetitiven Stücke zum Punk, setzt die Zylinder ab, lacht heiser, wenn Glen sich mal wieder jemanden ausgesucht hat, dessen Schwanz besingt ("Come on baby, do me! Do me, baby! Come on, baby!" fünzigmal) oder den Jesus spielt ("Nooo, I'm not Jesus."). Die Faulen ackern, der Wilde baggert.

Den Maiskolben zückt Glen dann aber auch nur, zur Enttäuschung und Belehrung des Publikums, nur zur Illustration von 'Corn Hole' anstatt ihn seiner wahren Bestimmung zuzu-, ja, einzuführen. "I don't want to look to gratuitious." Und nach drei Zugaben, eineinviertel Stunden Spielzeit und zwanzig Liedern (alles Kracher!) war dann auch endlich Schluss. Die Rote Sonne leerte sich, The Lazy leerten die Flaschen und Glen beleerte eine Zuhörerin mit seiner überzeugenden Einfachheit über die Chancen des Lebens: "You know, just do it. You're a springchicken, you have all the time in the world." Stunden später dann schauten sich die beiden dicke Schwänze im Gaychat an, bevor die Diva sich schlafen legen musste. Konzerte in Italien folgen und Glen und The Lazy fragen sich: Werden fundamentalistische Katholiken mit Mistgabel und Fackel den schwulen boy from the farm samt Band aus der Stadt treiben? The Lazy zeigen sich besorgt, Glen Meadmore zuversichtlich. Auf einem Konzert wurde er bereits mit einem Messer bedroht. Anstatt aber das Weite zu suchen, flirtete er den Rowdy weiter an, näherte sich ihm, starrte ihn an - bis er aufgab und wegrannte. An Glen kommt eben niemand ran!