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Die Korrekturen

The Knife

Für ihr viertes Album »Shaking The Habitual« haben Karin Dreijer Andersson und ihr Bruder Olof Dreijer ihr gemeinsames Projekt The Knife bis ins letzte Detail auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Mit Hanno Stecher ist das Duo die Stationen seines politisch motivierten Relaunchs durchgegangen.
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Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die sich über ihren Erfolg freuen, weil er sie darin bestätigt, etwas zu machen, was das Publikum offensichtlich unterhält. Und es gibt MusikerInnen wie Karin Dreijer Andersson und ihren Bruder Olof Dreijer, die dem Trubel um ihr gemeinsames Projekt The Knife immer skeptisch gegenübergestanden haben. Ihr eigener Weg, mit dem Erfolg umzugehen, war, sich durch unterschiedliche Formen der Maskierung unantastbar zu machen. Das dürfte den Höhenflug von The Knife noch beflügelt haben, waren es doch gerade die Inszenierungen und Brechungen, die das Projekt so spannend und letztlich deswegen erfolgreich werden ließen. Auch heute, gut sechs Jahre nach dem letzten Knife-Album »Silent Shout«, hält dieser Erfolg noch an: Die Karten für die kommende Tour zum neuen Album »Shaking The Habitual« waren bei Verkaufsstart Mitte Januar bereits nach wenigen Minuten komplett ausverkauft. Die großen Festivals reißen sich derzeit um die Band.

Karin und Olof fragten sich allerdings spätestens nach der »Silent Shout«-Tour im Jahr 2006, ob der große Erfolg ihrer Arbeit nicht letztlich ein negatives Zeichen sei. Ein Zeichen dafür, dass man Mechanismen der Popindustrie aufgesessen ist, die man ursprünglich umgehen und kritisieren wollte. Dieses Hadern mit der eigenen künstlerischen Position lässt sich aus vielen von Olofs Formulierungen im Skype-Gespräch lesen, das ich mit den Geschwistern zwischen Berlin (ich), Berlin (Olof) und Stockholm (Karin) führe – Skype, die von ihnen gewählte Kommunikationsform. Als Beispiel für diesen Graben zwischen Selbstanspruch und Außenwirkung führt Olof die als Verfremdungsinstrument verwendete Schnabelmaske ins Feld: »Die Maske ist irgendwann zu einer Eigenmarke geworden. Das war wirklich nie unsere Absicht. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass nur Menschen, die einen ähnlichen Referenzrahmen wie wir haben, das Politische in unserer Arbeit verstehen. Das hat uns dazu bewegt, in Zukunft expliziter politisch zu agieren und Dinge klarer zu benennen.«

Vor der eigenen Tür kehren

Was genau The Knife unter politisch verstehen, wollen sie mit ihrem neuen Album »Shaking The Habitual« also greifbarer machen. Die Themen: Kritik am Kapitalismus im Allgemeinen und der Musikindustrie im Speziellen, Kritik an der heterosexuellen, patriarchaten Gesellschaftsstruktur, Kritik an Rassismus und anderen Formen struktureller Ausgrenzung von Menschen.

Dabei ist die Frage nach dem, was davon bislang beim Publikum angekommen ist, allerdings nur die eine Seite der Medaille. Denn noch viel mehr als mit den Empfängern ihrer Botschaft waren Karin und Olof mit der eigenen Arbeitsweise und der daraus resultierenden Botschaft unzufrieden. So unzufrieden, dass es sie motivierte, das The-Knife-Projekt noch einmal auf den Prüfstand zu stellen und sich zu fragen, ob es wirklich den eigenen Ansprüchen standhält. Als Unterstützung für diese Selbstbefragung holte man sich – motiviert durch Olofs Gender-Studies-Studium an der Universität von Stockholm – eine Reihe zeitgenössischer kritischer TheoretikerInnen an Bord.

OD: Wir haben beschlossen, mehr theoretische Texte zu lesen, die sich mit Themen beschäftigen, die uns interessieren – feministische und queere Theorien zum Beispiel. Außerdem wollten wir mehr über die Geschichte der Kolonialisierung lernen und uns mit anti-rassistischer Theorie auseinandersetzen. Es ging darum, mehr zu lernen und eine gemeinsame theoretische Basis zu schaffen.
KDA: Angefangen haben wir mit der Literatur aus Olofs Seminaren – Büchern wie »Feminism Without Borders« von Chandra Mohanty, aber auch Büchern von Frantz Fanon, Judith Butler, Michel Foucault und Wendy Brown. Dazu kam fiktionale Literatur wie die von Jeanette Winterson. Wir waren schon immer an Feminismus interessiert und haben uns in den Songtexten mit feministischen Fragen beschäftigt, aber uns wurde erst bei der Arbeit am neuen Album klar, dass die Art und Weise, wie wir uns bisher praktisch organisiert haben, eigentlich überhaupt nicht feministisch war.
OD: Wir haben auf der Tour fast ausschließlich mit einem männlichen Technik-Team und auch bei unseren Videos fast ausschließlich mit Männern zusammengearbeitet. Für unsere neue Tour haben wir daher ein eigenes Kollektiv in Stockholm zusammengestellt, das mit uns arbeitet, außerdem haben wir ein fast vollständig weibliches Team für die Technik organisiert. Das ist auf jeden Fall ein großer Unterschied zu dem, was wir vor sieben Jahren gemacht haben.

Andere Geschichten, andere Sounds

Der Vorsatz, radikaler politisch zu arbeiten und die eigene Arbeit stärker mit Inhalten und Statements aufzuladen, wird im Video zur ersten Single »Full Of Fire« greifbar. Regie führte die zwischen Berlin und Stockholm pendelnde queer-feministische Regisseurin Marit Östberg, die Kamera übernahm die ebenfalls in der queeren Community in Berlin beheimatete Filmemacherin Liz Rosenfeld. Das Video zeigt Stockholm aus einer ungewohnt rauen Perspektive – der Perspektive von Menschen, die nicht Teil der schwedischen Mehrheitsgesellschaft sind: einem transsexuellen Mann, der für seinen Lebensunterhalt Wohnungen putzt, zwei lesbischen Frauen in Lederkluft, die in einem Industriegebiet mit Bondage Sex experimentieren, einer Gruppe von Demonstranten, die vor dem Stockholmer Schloss gegen die schwedische Monarchie protestieren. Die Regisseurin macht Geschichten und individuelle Sehnsüchte sichtbar, die sonst unterhalb des Radars der weißen Mittelschicht ablaufen, und verknüpft diese mit dem beinharten Beat des Songs zu einem wilden Bilderstrom. Sie verzichtet auf den bisher für The Knife typischen Pomp, auf Neonlicht und stilisierte Bilder, alles ist roh und ungefiltert. Dazu passt, dass Olof und Karin selbst ohne jegliche Maskierung oder Verzerrung im Video zu sehen sind. Sie spielen ein spießiges, privilegiertes Mittelschicht-Ehepaar mit Kind und kommentieren so ironisch ihre eigene Position als KünstlerInnen.

Diese Vermischung von Pop und Identitätspolitik zieht sich durch das Album »Shaking The Habitual«. Es bricht, ganz seinem Namen folgend, mit allem, was Popmusik berechenbar und leicht konsumierbar macht: Viele der neuen Songs sind über zehn Minuten lang und völlig unüberschaubar. Wummernde Percussion-Beat-Tracks wechseln sich mit blechern klingenden flächigen Stücken ab. Es gewittert dumpfe, oft schwer verortbare Sounds. Das Album ist ein düster funkelndes, schepperndes Meisterwerk, das sich in seinen besten Momenten auch von einer unheimlich aktivierenden und sogar tanzbaren Seite zeigt – vorausgesetzt, man bringt das entsprechende Nervenkostüm mit. Dabei ist der (fremdartiger denn je klingende) Gesang von Karin das vielleicht am klarsten wiedererkennbare The-Knife-Element, sieht man mal von ein paar tropisch anmutenden Trommelsounds ab.

Im Kern sind die eigenwilligen Sounds und Songstrukturen auf »Shaking The Habitual« das Produkt langer Jam-Sessions, die Karin und Olof als Vorbereitung für das neue Album eingeführt haben. Auch das war eine Art Befreiungsschlag, da sie zuvor nur stumpf vor dem Computer vor sich hin komponiert hätten, wie sie es ausdrücken. Die neue Arbeitsmethode hätte aufgrund der damit verbundenen drastischen Veränderungen beinahe dazu geführt, dass das neue Album unter einem ganz anderen Namen veröffentlicht worden wäre. »Man hört der Musik an, dass wir viel mit Ideen von Authentizität und mit Vorstellungen von guter oder qualitativ hochwertiger Musik gespielt haben«, führt Olof aus. »Wir wollten ein Gegenstatement setzen, zum Beispiel eigene Sounds kreieren, die man nicht klar zuordnen kann. Zuerst haben wir uns noch gefragt, ob wir die neuen Sachen überhaupt als The Knife veröffentlichen sollen. Wir hätten uns auch einen anderen Namen vorstellen können dafür, aber als dann alles fertig war, fanden wir es gerade spannend, beim alten zu bleiben.« Eine gute Entscheidung, betont sie doch das stete Potenzial zur Veränderung, das in The Knife angelegt ist.

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