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Über die Angst, gewöhnlich zu sein

The Kills im Gespräch

Viel ist passiert in den Jahren zwischen dem letzten und dem neuen The-Kills-Album: Jamie Hince trennt sich von Kate Moss und verliert fast einen Finger, Alison Mosshart geht musikalisch mit Jack White fremd und veröffentlicht als The Dead Weather drei Alben in sechs Jahren. Wie sich all das auf dem fünften Album von The Kills niederschlägt, erfährt Mihaela Gladovic im Interview mit Hince, während Mosshart mit gebrochenem Fuß Telefoninterviews im Hotelzimmer führt.
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Diese knarzenden, nackten, runtergstrippten, klickernden Drumbeats! Dieses mal perkussive, mal leiernde Gitarrenspiel von Jamie Hince! Und dazu Alison Mossharts ennuigetränktes, laszives Hauchen und rohe Rotzen! Keine Frage, mit dieser Mischung trafen die 2000 gegründeten The Kills den Nerv der Zeit. Ihre 2002er Debüt-EP »Black Rooster« sowie das ein Jahr später folgende Debütalbum »Keep On Your Mean Side« wurden von allen Seiten gefeiert. Mit »No Wow« bewies die Band, dass sie keine Eintagsfliege war oder gar das Produkt eines Managers mit Dollarzeichen in den Augen, der die The-Band-Kuh melken wollte. Und spätestens seit Album No. drei, »Midnight Boom«, durften Alison und Jamie ganz oben mitmischen, ein Status, den sie mit »Blood Pressures« 2011 noch einmal zementierten. 

Seite an Seite mit dieser anderen minimalistischen Mann/Frau-Combo auf dem Indie-Olymp der frühen Zweitausender waren The Kills Projektionsfläche und Katalysator für die Post-90er-Coming-of-age-Generation, die übersättigt war von Cola, Plastik und Britney Spears. Für die Gymnasiasten, denen der Anarcho-Aufnäher auf den löcherigen Hosen irgendwann zu albern wurde, nachdem sie im Internet ein bisschen mehr Rockmusikhistorie konsumiert und Blues für sich entdeckt hatten, die ihre gelangweilte und genervte Fuck-the-system-Attitüde aber trotzdem nicht ablegen wollten. 

Dabei wollten Hince und Mosshart genau das eigentlich nie sein. Sie wollten nicht in die Schublade passen, die sie mit ihren ersten Veröffentlichungen so trefflich bedienten. »Eigentlich wollten wir immer diese mysteriöse Band sein, von der man glaubte, sie sei schon lange tot und irgendjemand habe diese Platten aus den 70ern ausgegraben«, erzählt Hince, während er seinen Keks mit einem Schluck schwarzem Kaffee runterspült. »Ich dachte, das sei cool und innovativ. Ich mochte einfach die Idee, etwas Geheimnisvolles zu sein. Und was passiert? Wir bringen die erste Platte raus, und Boom! Sofort gehören wir zur New Wave of Garage ... White Stripes und der ganze Scheiß. Plötzlich waren wir in allen Magazinen Teil dieses neuen Dings. Das hat mich in den verdammten Wahnsinn getrieben.« Ob es anders ausgegangen wäre, wenn sie auf das »The« im Bandnamen verzichtet hätten? 
Für Hince, den detailverliebten Geräte-Nerd, der stets mit allen Möglichkeiten aktueller Soundgadgets herumspielen muss und der gleichzeitig ein wandelndes Musiklexikon aller möglichen Genres ist, war die Produktion von »Blood Pressures« schließlich ein Wendepunkt. Er kam zu der Erkenntnis, nicht zu diesen Bands gehören zu wollen, die aus ihrer Liebe zu den 60ern und 70ern nicht herauswuchsen. »Ich liebe diese Bands, die sich treu bleiben und eigentlich immer das Gleiche machen. The Cramps, The Bad Seeds ... Man erkennt ihren Sound immer wieder. Aber so wollte ich selbst nie sein. Ich wollte eine Band, die sich immer verändert und neu erfindet. Ich glaube, das liegt an meiner Angst, gewöhnlich zu sein. Der Angst, nicht mithalten zu können in dieser schnelllebigen Welt.« 

Schon immer beteuerten The Kills ihre Aversion gegenüber dem Gleichbleiben ihrer Kunst. Und damit ist nicht nur Musik gemeint. Zwischen Albumproduktion und Tour werden schnell auch mal Fotoausstellungen aus dem Boden gestampft. Hince nimmt seine Kamera überall mit hin. Eine analoge, versteht sich. Und obwohl The Kills stets in verstaubten Kisten vergangener Zeiten graben, haftet ihren Produkten selbst nie dieser Staub an. So solle laut Hince auch jedes ihrer Alben stets neu klingen, man wolle Experimente wagen. 

Mit »Ash & Ice« ist ihnen das bisher am besten gelungen. Was zu großer Wahrscheinlichkeit allerdings auch damit zusammenhängt, dass man sich in seiner Gitarrenlastigkeit gezwungenermaßen einschränken musste, nachdem Hince in einer Londoner Notaufnahme die Diagnose bekommen hatte, dass er seinen entzündeten Finger wahrscheinlich innerhalb der nächsten 24 Stunden verloren hätte. Das war nach dem Abschluss der »Blood Pressures«-Tour. »Ich hatte zuvor eine Spritze wegen etwas ganz anderem bekommen, war dann im Urlaub in Marokko, und meine Hand begann so höllisch zu schmerzen. Es wurde immer schlimmer, und ich konnte nicht schlafen. Das war der schlimmste Schmerz, den ich je hatte. Dann bin ich zurück nach London, und man sagte mir, ich habe eine Knochenentzündung, die schon meine Sehnen angegriffen hatte. Die musste man dann von hier bis hier entfernen«, erzählt Hince und zeigt dabei erst auf seinen Mittelfinger und dann an den unteren Rand seiner Handinnenfläche. Während er diese Geschichte erzählt und sich abwechselnd Kekse und Kaffee reinstellt, hat man nicht einen Moment lang den Eindruck, als habe das irgendwie zu einer depressiven oder existenziell verzweifelten Phase seiner Musikerkarriere geführt. 
»Was ich aus dieser Geschichte vor allem gelernt habe, ist, wie positiv ich eigentlich bin. Klar war das schockierend, und es gab Phasen, wo ich Panik hatte, nie wieder Gitarre spielen zu können. Aber das Erste, was ich nach dieser Diagnose gedacht habe, war: Okay, dann lerne ich jetzt besser, ohne diesen Finger zu spielen.« Automatisch hat das den Sound der Band verändert. Hince begann mehr mit Studio-Equipment zu arbeiten und legte sich letztendlich ein kleines, mobiles Studio zu, das sich leicht in zwei Flightcases verpacken und überallhin mitnehmen ließ. Das erlaubte ihm plötzlich, auch mit anderen Genre-Einflüssen zu spielen und Inspirationen wie jamaikanischen Dancehall oder Dub in den Sound einfließen zu lassen. 

Dennoch ist es ein wenig enttäuschend, dass das dreckige New-Garage-Pärchen zumindest soundmäßig etwas von seinem unzüchtigen Image eingebüßt hat. Während die Vorgängeralben nach kaputtgerockten Hotelzimmern klingen, in denen zerfeierte Musiker zwischen Scherben und Kippenstummeln auskatern und es nach Whisky, kaltem Qualm und Sex stinkt, hat »Ash & Ice« leider ein bisschen was von Champagner an der Theke eines 5-Sterne-Hotels. Typischer Fall von »überproduziertem Album«? Vielleicht ein wenig. Brav geworden? Auch. Vor allem der Opener »Doing It To Death« mutet ebenso wie die Folgetracks trotz elektronischen Gefrickels und einiger Off-Beat-Sets etwas zu poppig an. Wo ist der Sex in Mossharts Stimme? Unverkennbar bleibt der Sound aber nach wie vor. Der geduldige Hörer, der »Ash & Ice« nicht gleich nach den ersten zwei Songs abschreibt, sondern geduldig in seiner Gänze genießt, wird mit der zweiten Hälfte des Albums belohnt. Mit Songs wie »Hum For Your Buzz«, »Siberian Nights« oder »Impossible Tracks« wird es doch wieder düsterer – und auch jeder Zweifler merkt: The Kills sind noch immer alles andere als gewöhnlich. 

The Kills

Ash & Ice

Release: 03.06.2016

℗ 2016 Domino Recording Co Ltd

— The Kills »Ash & Ice« (Domino / GoodToGo / VÖ 03.06.16)