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Leben und sterben lassen

The Killers

Brandon Flowers – das unbekannte Wesen. Auch das eine mögliche Überschrift für diesen Text. Denn der The-Killers-Sänger hat viel Staub aufgewirbelt in den vergangenen zwei Jahren. “Hot Fuss” eben. In Gestalt des gleichnamigen Debüts seiner Band wie in konkreter Bedeutung des Wortes “fuss” (großes Au
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Brandon Flowers – das unbekannte Wesen. Auch das eine mögliche Überschrift für diesen Text. Denn der The-Killers-Sänger hat viel Staub aufgewirbelt in den vergangenen zwei Jahren. “Hot Fuss” eben. In Gestalt des gleichnamigen Debüts seiner Band wie in konkreter Bedeutung des Wortes “fuss” (großes Aufheben). Letzteres zumindest kolportieren seit längerem unablässig Indie-Tabloids, wenn sie von angeblichen Streitigkeiten Flowers’ mit zahlreichen Kollegen berichten. Ein Treffen mit der Band anlässlich des neuen Albums gerinnt da stellenweise zu einem eigentlich unbeabsichtigten Stochern im Nebel aus Tabloid-Fiktion und Wirklichkeit. Erst recht, wenn einem ein ausschließlich grundsympathischer Mr. Hyde entgegenlächelt, der so gar nichts Wütendes an sich hat.

Rewind

“Hot Fuss” von The Killers war in vielerlei Hinsicht ein erstaunliches Debüt. Außergewöhnlich gut und außergewöhnlich erfolgreich – die Zahlen schwanken übrigens je nach Plattenfirmenvertreter, mit dem man darüber spricht, zwischen vier und fünf Millionen verkauften Alben weltweit. Aber das alleine wären noch keine Gründe für Intro, dem Quartett aus Las Vegas, einem fast weißen Fleck auf der Indie-Landkarte, hier so viel Platz einzuräumen. Der zweite Punkt ohnehin nicht. Das Faszinierende an The Killers ist nicht nur die Hit-Qualität ihrer Songs, vielmehr gelang ihnen etwas anderes so gut wie nur ganz wenigen Bands vor ihnen: Sie nisteten sich innerhalb weniger Songs so umfassend in der Pop-Geschichte ein, bis sich durch die massive Überaffirmation des Stilmittels Zitieren alle vorhandenen Einflüsse – also Duran Duran, U2, New Order, David Bowie und so weiter – in gewisser Hinsicht selbst neutralisierten. Um damit distinktiv nur nach sich selbst zu klingen. Was anderswo nicht zu mehr als dem Stigma des Ewiggestrigen und Plagiators reichen würde – hier wird es zu einer wahren Kunst, der man sich nicht entziehen kann und will. Brandon Flowers hat da eine ganz einfache Formel: “Es gibt 50 Jahre Rock’n’Roll, von denen es zu lernen heißt. Und wenn man sich nur darum kümmert, was jetzt gerade los ist, verpasst man vieles.”

Der Erfolg von “Hot Fuss”, das lässt sich wohl im Nachhinein konstatieren, beruhte in erster Linie aber auf seiner Eigenschaft als “Song-Album”. Als Vehikel für Hits wie “Jenny Was A Friend Of Mine”, “Mr. Brightside”, “Smile Like You Mean It”, “All These Things That I’ve Done” oder natürlich “Somebody Told Me”. Was zum einzigen leisen Kritikpunkt führt: Gegen Ende franste das Album an ein paar Stellen aus und verlor an Konsistenz.London, Assault & Battery Studio, 19.06.06

The-Killers-Sänger Brandon Flowers sitzt mit dem Schlagzeuger Ronnie Vannucci Jr. auf einer Couch in einem Abhörraum ihres Produzenten Alan Moulder. Jenem Moulder, der zusammen mit seinem Freund Flood schon so manches Album fit für den Weg in den siebten Platin-Himmel getrimmt hat. Flowers, kleiner als erwartet und neuerdings mit schickem Oberlippenbart, liegen Überlegungen wie die oben angestellten fern. Er verhandelt, ganz der Songwriter alter Schule, lieber einzelne Songs statt Alben. Auf die Frage, ob er den kommerziellen Erfolg von “Hot Fuss” so erwartet habe, zögert er einen Moment: “Es wäre natürlich krass, jetzt ‘ja’ zu sagen. Andererseits: Wenn man sich mal zurückerinnert, was bei Erscheinen des Albums sonst für Songs veröffentlicht wurden, dann scheint es, als sei es die perfekte Zeit für diese Platte gewesen. Ich weiß noch, wie wir ‘Somebody Told Me’ nach den Aufnahmen im Studio ganz laut aufdrehten und ich dachte: ‘Ich kann nicht glauben, dass wir das erschaffen haben.’ So war das ganz einfach. Meiner Ansicht nach gab es zu dieser Zeit keine besseren Songs da draußen.”

Es sind Sätze wie der letzte, die Flowers regelmäßig in Bedrängnis bringen, auch wenn sie in dieser Situation – ausgesprochen vom lächelnden, fast zierlichen Twenty-Something mit den viel zu weißen Schneidezähnen – eine ganz andere Konnotation besitzen.

Es scheint überhaupt das Schicksal von Flowers und dem Rest seiner Band zu sein, zu häufig als die Jetset-Hools vom Dienst, die frechen Rockstar-Söhne von Uwe Ochsenknecht erachtet zu werden. Dabei ist die Kluft zwischen den ausladenden Rocksongs mit großer Geste und dem fast kleinbürgerlich zu nennenden Leben der vier riesig: Flowers, jüngstes von sechs Kindern aus einer Familie mit Mormonen-Background, wohnt wie der Rest der Band weiterhin in Las Vegas, ist verheiratet und lebt angeblich mittlerweile wieder abstinent. “Wir sind gewöhnliche Leute und tun manche Dinge ungewöhnlich gut”, lacht Vannucci im Interview, und Flowers schiebt schnell hinterher: “Diesen Satz bitte nicht aus dem Zusammenhang reißen.”

Dass auch “Sam’s Town” zu weiten Teilen daheim in Las Vegas geschrieben und aufgenommen wurde und die Band erst für Overdubs und das Abmischen in das technisch besser ausgestattete Studio von Moulder und Flood in Nord-London überwechselte, verwundert daher nicht. An Inspiration hat es der Band aber offenbar dennoch nicht gemangelt: Die neuen Songs wirken zu fast keinem Zeitpunkt wie “Hot Fuss Version 2” – von der sicherlich aus jenem Grund gewählten ersten Single “When You Were Young” vielleicht einmal abgesehen. “Sam’s Town” klingt wie der zwangsläufige Befreiungsschlag, den “Hot Fuss” durch seine konsequent bis zum Limit ausgeschmückte Produktion schon früh diktiert hat. Die verhallten Rock-Epen von einst sind so verspielten, manchmal kratzbürstigen, zum Teil fast hektischen Rocksongs gewichen. Das oben beschriebene Prinzip der Stilpluralität wurde aber dennoch weiter auf die Spitze getrieben. Meat Loaf, Abba und The Beatles sind nur einige wenige Künstler, die beim Hören aufpoppen. Größter Unterschied zu früher: Für balladeske Mid-Tempo-Songs ist kein Platz mehr. Und: Flowers’ Stimme hat all das ausladende, opereske Pathos verloren. “Das war mir sehr wichtig”, betont er, “ich wollte meine Stimme diesmal möglichst natürlich, fast schon unaffektiert präsentieren.” Ein bewusster Keil also, der in die Rezeption der Band getrieben werden soll. Da gilt es nachzuhaken.Wird man jetzt, da Album zwei im Kasten ist, eigentlich zunehmend selbstkritisch in Bezug auf die einstige produktionstechnische Umsetzung des Debüts?

V: Solche Punkte gibt es immer, manchmal schon fünf Minuten nach den jeweiligen Aufnahmen. Man wird unsicher und denkt, das und das klingt irgendwie doch blöd. Aber man muss sich immer bewusst machen, dass bestimmte Aufnahmen einen eben immer nur zu einer bestimmten Zeit abbilden.

Vor Monaten war häufig zu lesen, wie euphorisiert ihr selbst vom neuen Album seid. Was machte euch im Angesicht der schweren Hürde eines zweiten Albums eigentlich so optimistisch?


F: Ich mag die neuen Songs einfach so sehr. Ich durchlebe mit ihnen die gleichen fast jungfräulichen Emotionen, die man mit seiner Band im Alter von 15 Jahren hat. Ich habe Lust, mir diese Songs immer wieder anzuhören, ich drehe im Auto laut auf und kurbel das Fenster runter.

Ganz ehrlich: kein Druck?


V: Ich habe immer gesagt: Das Gute an dieser Band ist, dass das, was wir tun, nicht gekünstelt ist. Wir probieren als Musiker sehr vieles aus und wissen daher relativ gut, was für uns funktioniert und was nicht. Und der Druck? Klar, da wird es immer Druck geben, wenn man ein Album aufnimmt, weil es eben dem erfolgreichen ersten folgen soll. Aber der meiste Druck entsteht in unserem Inneren und nicht durch äußere Faktoren. Wir sind keine faule Band, die selbstzufrieden auf das zurückblickt, was sie erreicht hat.

Wie muss man sich das Aufwachsen in Las Vegas eigentlich vorstellen? Dem bösen Klischee nach gerät doch durch den Geist der hochkapitalistischen Spielerwelt alles andere in den Hintergrund.


F: Vegas ist im Prinzip eine typische westamerikanische Großstadt. Ich weiß nicht, wie es woanders ist, als Jugendlicher aufzuwachsen, dort siehst du allerdings keine gute Musik, bis du ein Auto hast. Wenn du 16 bist, fängst du an, viele Bands zu sehen, und weißt recht schnell, was dir zusagt. Man ist aber darauf angewiesen, was auf Tour kommt, deshalb ist einem ziemlich egal, welche Vertreter aus welcher Szene man vor sich hat, denn man selbst gehört eigentlich keiner Szene an.

V: Vegas ist nicht L.A., nicht New York, aber es kommen immer noch ausreichend viele gute Bands zu uns, und sei es nur, um in Vegas gespielt zu haben. Das machen die Bands häufig für sich, für eine gute Zeit vor Ort, nicht für die Leute aus Las Vegas.

Ihr seid ja durch euren Erfolg rasend schnell Teil der Indie-Tabloids geworden. Von Beef mit diversen Bands war da zu lesen. Ist so was der zwangsläufige Fluch eines solchen Erfolgs?


F: Was in erster Linie dazu führte: Wir waren, als wir mehr und mehr Interviews gaben, einfach nicht daran gewöhnt, dass sich die Leute für unsere Meinung interessierten – so blöd das jetzt klingt. Als wir noch unerfolgreich in Las Vegas abhingen, hätte sich niemand dafür interessiert, wenn ich gesagt hätte: “Ich hasse die und die Band.” Plötzlich änderte sich das für uns. Und es ist schwer, sein Verhalten zu ändern. Und: Soll ich das wirklich ändern oder vielleicht besser doch nicht, das ist doch die Frage. Vielleicht ja, weil es uns in Schwierigkeiten bringt und die Leute denken, wir hätten eine große Klappe, was eigentlich nicht stimmt. Aber andererseits: Wir sprechen nur Dinge aus, die die andere Partei, wenn man so will, auch aussprechen würde. Nur hören ihr vielleicht nicht so viele Leute zu. Dafür können wir nichts. V: Es fällt uns nach wie vor sehr schwer, uns daran zu gewöhnen. Wir sind ziemlich normale Typen, und jetzt wird alles, was wir sagen oder tun, verstärkt. Man muss mit dieser Dichotomie umzugehen lernen, dass man einerseits nur man selbst bleiben will, sich aber andererseits plötzlich zwingen muss, aufzupassen, was man sagt. Du, Brandon, beklagst dich hin und wieder darüber, wie eingefahren das Musikgeschäft heute ist. Dass man heute nicht wie in den 60er-Jahren drei Alben pro Jahr veröffentlichen könne, dass Firmen heute für vieles einfach länger brauchen.
F: Ja, sie melken eine Platte richtiggehend, wenn sie gut läuft. Der Prozess kann dauern, es ist eine riesige Maschine.

V: Ich will hier nicht schlecht über die Leute reden, die viel für uns getan haben, aber es gibt eben bestimmte Prinzipien, die angewendet werden, wenn eine Platte gut läuft. Man durchläuft standardisierte Arbeits- und Promotionphasen, die wenig Toleranz zulassen. Und ich denke, wir sind eine Band, die gerne mal über diese Prinzipien hinaus denkt.

F: Die Leute, mit denen wir arbeiten, gewöhnen sich aber langsam an uns. Aber das dauert. Zum Beispiel haben wir eine bestimmte visuelle Ästhetik im Kopf, was die Band anbelangt. Wissen, wen wir für die Umsetzung haben wollen. Und das ist den Leuten bei unserer Firma schon zu viel: “Anton Corbijn soll ein Video für euch drehen? Aber der steht gar nicht auf der Liste von Leuten, die für uns Videos machen”, heißt es da schon mal.

Ihr habt euch ja für Alan Moulder als Produzenten entschieden, der auf dem letzten schon abmischte. Wieso? Es stand im Vorfeld häufig zu lesen, ihr wolltet bewusst eine Veränderung im Aufnahmeprozess herbeiführen.

F: Er arbeitet ja manchmal mit Flood zusammen. Sie sind befreundet und haben einst zum Beispiel auch dieses Album gemacht [zeigt auf die an der Wand hängende Platin-Schallplatte zu Smashing Pumpkins’ “Mellon Collie And The Infinite Sadness”]. Wir wollten diesmal gerne mit Flood arbeiten, und da er mit Moulder so gut kann, hat sich eine erneute Arbeit mit ihm dann doch aufgedrängt.

Von was handelt eigentlich der Song “Sam’s Town”, der ja nach langem Zögern auch zum Albumtitel gemacht wurde?

F: Es heißt immer von gestandenen Musikern, man solle das zweite Album dazu nutzen, die Erfahrungen, die man auf der Tour zum ersten Album gemacht habe, zu verarbeiten. Man schreibt also seine erste Platte, und dann flucht man auf der zweiten über das Tourleben – vielleicht ist das ja der Grund, weshalb so viele Bands mit ihren Nachfolge-Alben floppen. Wir haben deshalb auf dem Album davon Abstand genommen, bei dem Song “Sam’s Town” trifft der textliche Aufhänger allerdings ausnahmsweise zu. Da war es mir wichtig, die Höhen und Tiefen der letzten Zeit zu verarbeiten. Die Leute sollten auch die Schattenseiten mitkriegen.Wenn ihr euch vor dem Hintergrund jetzt eure Planungen für die nächsten Monate anschaut, bekommt ihr da Angst?

F: Ja, das ist schon ein wenig Angst einflößend. Hängt natürlich – auch so eine Regel des Musikbusiness – davon ab, wie erfolgreich die Platte werden wird, aber wir glauben an sie. Entsprechend voll erscheint uns der Terminkalender. Es tut weh, draufzuschauen.

Letzte Frage: Wenn ihr jetzt vermehrt wieder Interviews gebt, habt ihr euch vorgenommen, vorsichtiger zu werden mit dem, was ihr sagt?

F: Ich komme bei solchen Punkten im Leben wohl sehr nach meinem Dad. Er befürwortete es früher immer, wenn Menschen – gerade in den Medien – ganz offen und ehrlich ihre Meinung kundtaten. Manchmal kann ich einfach nichts dagegen tun, da bricht das mit mir durch. Aber ich glaube, ich werde jetzt stärker aufpassen. In erster Linie, weil wir so eben nicht sind, wie wir dargestellt werden. Wir sind wirklich nette Menschen, und wir mögen, was viele andere Menschen tun, und ich sollte daher wirklich keine schrecklichen Dinge über sie sagen.
Am Zeitschriftenkiosk deiner Wahl, 01.07.06
The Killers bekommen anlässlich ihres noch lange nicht erschienenen zweiten Albums “Sam’s Town” ihre erste Titelgeschichte im britischen NME. Das Bandfoto auf dem Cover ziert ein kurz zuvor von Brandon Flowers abgegebener O-Ton – wenn auch sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen. Da steht: “Emo is dangerous. I want to beat those bands to death.”

Ja, “Brandon Flowers – das unbekannte Wesen” wäre definitiv auch eine gute Überschrift gewesen.