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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die englische Underage-Szene

The Kids are alright

Die sogenannte Underage-Szene ist (zumindest) im UK das größte Medienthema seit Manchester Rave, Britpop und vielleicht gar Punk.
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Eigentlich sind die Zeiten, in denen ich wegen meines Alters nicht in Konzerte reingekommen bin, seit zehn Jahren vorbei. Doch jetzt scheinen sie wieder von vorne zu beginnen: Im Mutterland des Pop werden schon eifrig Personalausweise gefälscht und Geburtsdaten rückdatiert. Der Grund: Die strikte Türpolitik der Underage-Szene, des exklusivsten Members Only Clubs, den die Insel je zu bieten hatte. Intro hat sich das Treiben vor Ort angeschaut.

Es ist Samstagnachmittag, vorm Schaufenster des Londoner Pure-Groove-Plattenladens schüttet es aus Kübeln, und ich stöbere im Metallaufsteller mit den Festivalflyern. "Underage Festival, Victoria Park", steht in neonpinken Buchstaben auf einem. Es spielen Patrick Wolf, Mystery Jets, Pigeon Detectives und Blood Red Shoes. Doch damit nicht genug: In ebenso großer Typo sind die Namen der Newcomer-Bands abgedruckt, die hier im Laden im "New Releases"-Regal stehen: Poppy And The Jezebels, Tiny Masters Of Today, Pull In Emergency. Und dann steht da noch: "14s to under 19s only". Das muss man sich mal vorstellen: In England wird radikalisiert: Die Alten sollen von der Jugend nicht mehr nur angepöbelt werden, wie es ja die gute und richtige Tradition von Popmusik ist, sondern müssen gleich draußen bleiben.

Teenage Dreams so hard to beat


Und das ist erst die Spitze des popkulturellen Eisbergs, der gerade die britische Musikszene rammt: Die sogenannte Underage-Szene ist (zumindest) im UK das größte Medienthema seit Manchester Rave, Britpop und vielleicht gar Punk. Nicht nur die Fachmagazine NME und Artrocker Magazine widmen sich dieser Tage ausführlich dem neu entdeckten Teenage-Fame, selbst die Sonntagszeitung Observer stellt das Phänomen mit einer von Teenagern gestalteten Sonderbeilage vor. Untertitel: "Meet the bands and the fans kickstarting a revolution".

Losgetreten hat den ganzen Hype um die Szene der Minderjährigen ein fünfzehnjähriger Teenager aus dem Londoner Süden. Sam Kilcoyne startete im Sommer 2006 mit ein bisschen Hilfe seines Dads Barry 7, einem ehemaligen Mitglied der Noiseband Add N To (X), seine eigene Teenager-Clubnacht. Unter Sams Regie und dem schlichten Banner "Underage Club" stehen seitdem jeden Sonntagnachmittag im Londoner Coronet Theatre Indiegrößen neben ungesignten Teenagerbands auf der Bühne und spielen vor einem strikt minderjährigen Publikum. Mittlerweile hat die Idee im ganzen Land Nachahmer gefunden, und Sam hat sich zu einer Art John Peel der Teenager-Szene etabliert.

Sam ans Telefon zu bekommen ist deshalb auch in etwa so aussichtsreich, als würde man versuchen, Noel Gallagher anzurufen - nur dass der zum aktuellen Geschehen garantiert nicht mehr so viel zu sagen hätte. Ich versuche es trotzdem eineinhalb Stunden lang - zunächst vergeblich. Aber irgendwann wird das Telefon doch noch abgenommen. "Sorry, ich komme gerade erst aus der Schule", entschuldigt sich der Hauptprotagonist dieses ganzen Rummels höflich. Ach ja, richtig, da war ja noch was. Wir haben 20 Minuten, bis die Hausaufgaben rufen. Nahe liegende erste Frage: Wie hat das denn damals alles angefangen? "Auslöser waren The Horrors", erzählt Sam. "Die waren eine Woche lang auf Tour, und ich bin in keines ihrer Konzert reingekommen. Damals hatte von denen noch niemand was gehört, aber ich wollte sie unbedingt sehen, bevor sie zu groß wurden. Ich hab's bestimmt bei sieben Konzerten versucht, aber die Türsteher haben mich jedes Mal wieder weggeschickt: ›Sorry, du darfst nicht rein, du bist noch zu jung.‹"Danach musste Sam nur noch eins und eins zusammenzählen und seine eigene Frustration ins größere Bild überführen: Wenn es ihm so geht, dann auch vielen anderen Londoner Teenagern. Und da sein Dad praktischerweise über ein Adressbuch voller Musikbusiness-Kontakte verfügt, beschloss Sam, die Band eben einfach selbst zu buchen. "Ich wollte Kids unter 18 eine Möglichkeit geben, ihre Lieblingsbands live sehen zu können. Außer über MySpace hast du als Teenager ja keinen Zugang zur Musik. Andere Fans kennt man auch nur über MySpace und nicht physisch. Wie denn auch, wir durften bisher ja nicht auf Konzerte. Deshalb wollte ich einen Ort schaffen, an dem man sich treffen, Musik hören und einfach Spaß haben kann." Doch damit nicht genug. Der Frust der Ablehnung wurde nicht nur mit einem "Fuck you" und Aktionismus abreagiert. Sam kam die revolutionäre Idee, das Spiel umzudrehen: Sollen doch die Alten mal außen vor bleiben. Erinnert sich noch jemand an "Kinder des Zorns"? In diesem Film nach einem Buch von Steven King musste man sterben, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Nun, Sam geht es nicht ganz so aggressiv an: Bei ihm müssen alle ab 18 lediglich draußen bleiben.

Wir müssen draußen warten, so help the Aged


Und so warten ein paar Wochen später bei Sam Kilcoynes erstem Underage Festival im Londoner Victoria Park frustrierte Indie-Eltern vorm Bauzaun, während dahinter Patrick Wolf, Mystery Jets und Jack Peñate auf der Bühne stehen. Und auch die erwachsenen Redakteure der Presse müssen draußen bleiben. Kein Wunder, dass schon seit Wochen in den Musikgazetten Anzeigen wie diese geschaltet werden: "Suchen vierzehn- bis achtzehnjährige Autoren, Fotografen und Kameraleute für das Underage Festival". Auch wir schleusen die achtzehnjährige Popkorrespondentin Rebecca Robinson ein, die neben uns auch noch für den NME vom Festival berichtet:

"›Wir lassen keine Erwachsenen rein‹ - so hat Sam Kilcoyne den Londoner Behörden seine Pläne für das Underage Festival vorgestellt. Aber anstatt das Ganze, wie man jetzt vermuten könnte, als Teenie-Spinnerei abzutun, reckten die Bürokraten an ihren Resopaltischen die Daumen nach oben, und so stehe ich an diesem sonnigen Freitagnachmittag hier im Victoria Park und feiere. Für ewige Jugend und ihre Musik. Auf der Hauptbühne spielt Jack Peñate, ein langjähriger Supporter der Underage-Szene. Als das Publikum bei ›Torn On The Platform‹ komplett die Regie über den Song übernimmt, ist klar, was diese Szene ausmacht: die absolute Hingabe und uneingeschränkte Liebe zur Musik. Sorry Guys da draußen am Zaun, aber das funktioniert nun mal einfach bei einem Teenager-Publikum am besten. Hier drin fühlt sich trotz Neon-Outfit, Röhrenjeans-Dresscode und 80er-Jahre-Sunglasses niemand zu cool, um seine Helden richtig abzufeiern. Die einzigen Erwachsenen stehen übrigens auf der Bühne und Seite an Seite mit Teenager-Newcomern wie Tiny Masters Of Today oder Pull In Emergency. Und die haben mindestens genauso viel Gespür für den perfekten Popmoment wie die Patrick Wolfs oder Mumm Ras dieses Festivals. Und genau darum geht es, hier und jetzt und bei der Underage-Idee. Das macht diese Bewegung so einzigartig und, ja, vielleicht sogar revolutionär. Denn spätestens bei Sonnenuntergang kapieren hier alle, ob dies- oder jenseits des Zauns: Der Victoria Park ist voll von Leuten, denen es ernst ist mit der Popkultur. Das hier ist keine Modeerscheinung, kein Medienhype, kein Marketinggag. Das hier ist die Zukunft des Rock'n'Roll, sie wartet nur darauf, dass wir etwas draus machen."

Wie es mit dem Underage Club und dem Festival weitergehen wird, darüber spekulieren schon die Internetforen. Sam denke darüber nach, den Underage Club an jemand Jüngeren abzutreten, heißt es dort. Danach gefragt, herrscht am Telefon erst mal Schweigen, dann lacht Sam ins Handy: "Ich habe viele Pläne. Aber die kann ich dir leider nicht verraten. Darüber rede ich nicht mit Erwachsenen."