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Grumpy Old Men

The Jesus & Mary Chain

Richtig schön wird es erst dann, wenn es 'word up' für beide Reids gemeinsam heißt. Geschwisterzwist, auch aus dem Hause Gallagher ja immer wieder gern genommen, wird von Jim und William bereits seit dreizehn Jahren perfektioniert, ganz bewußt allerdings lieber im stillen Kämmerchen als im Blitzlich
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Autor: intro.de

Richtig schön wird es erst dann, wenn es 'word up' für beide Reids gemeinsam heißt. Geschwisterzwist, auch aus dem Hause Gallagher ja immer wieder gern genommen, wird von Jim und William bereits seit dreizehn Jahren perfektioniert, ganz bewußt allerdings lieber im stillen Kämmerchen als im Blitzlichtgewitter - wie kürzlich im Rahmen einer Pressekonferenz in N.Y. Da torpedierte der auf Ausgleich bedachte Jim eben angeführtes Zitat zielsicher mit 'Das dürfte die kürzeste Schlange der Weltgeschichte werden.' Was wiederum William veranlaßte, einen neuen Angriff auf die versammelte Journaille zu starten: 'Hat sich irgendwer von euch jemals auch nur eine verfickte Platte gekauft? Ich kann's mir verdammt noch mal nicht vorstellen.' Sprach's und griff das Riff von 'Cracking Up', diesem schmuddelig glitzernden BOLAN-goes-Schraubmuffe-Blues, zu dem er den von ihm bekannten näselnd vom Kreuz keifenden Bastard aus Nazarener Zimmermannssohn und dem an die Himmelstüre klopf-, klopf-, klopfenden Robert Zimmermann gibt. Was an sich ja keine gänzlich humorfreie Geste darstellt. Nur verstanden hat das wohl kaum jemand, wußte zumindest der anwesende NME-Korrespondent zu berichten. Jim Waldorf und William Stadler are back.
Im 'verstanden werden' sind THE JESUS & MARY CHAIN nie wirklich erste Liga gewesen, weiß auch Jim Reid zu berichten. Gemeinsam mit Gitarrist Ben Lurie sitzt er einmal mehr in einem Pub mit Journalisten am Tisch, die wissen wollen, warum denn nicht wenigstens dieses, das neueste Album, klingt wie 'Psychocandy', jenes Überfliegerdebüt aus Feedback-Zuckerwatte, das 1985 britische Kollegen veranlaßte, grundsätzlich den SEXPISTOLS vorbehaltene Prädikate wie 'PAUL McCARTNEY-Songs treffen eine in die Saiten greifende LINDA McCARTNEY' zweitzuverwerten. Ein ganz klein wenig einfacher haben sie es heuer schon, die zwei, schließlich haben sie mit 'Munki' endgültig ihre Mittneunziger-Weichspüler-Phase hinter sich gelassen, und wer denn unbedingt suchen will, der wird auch auf der Queste nach dem heißgeliebten Rückkopplungslärm fündig. Mit Selbstzitaten wird da keinesfalls gegeizt. Vieles führt im Zusammenhang mit diesem Album zurück zu den Anfängen. So ist man zum Beispiel wieder bei Alan McGees 'Creation'-Label unter Vertrag, der Firma, die 1984 mit der JAMC-Debüt-Single 'Upside Down' die finanzielle Basis errichtete, die später dank OASIS zu einem zig Millionen Pfund schweren Imperium ausgebaut werden sollte. Damals hinter dem Stand-Drumset: Bobby Gillespie, der Mann, der nicht nur aussah, als wäre er der schlechteste Schlagzeuger der Welt, heute Kopf von PRIMAL SCREAM, die etwa zeitgleich mit dem Auftauchen erster Gerüchte bezüglich des Labelwechsels eine Version von 'Darklands' als B-Side veröffentlichten. Betrieb da der langjährige Kumpel Promo-Politik für seine Ex-Band? Gillespie war immer schon - nicht nur Freund, sondern auch - Fan der Band, und er ist weiß Gott nicht der erste, der Killbride's 'finest' seine Referenz erweist. Bereits die PIXIES coverten auf 'Trompe Le Monde' 'Head On', woraufhin sich die Gebrüder Reid zu Recht überaus geehrt fühlten.
Kein Grund also für soviel Mißtrauen meinerseits, wie Jim glaubhaft versichert. Der einzige Druck, der auf JAMC laste, sei der, Alben zu veröffentlichen, zu denen man rundherum stehen könne. Da schert es denn auch nicht, wenn 'Cracking Up' nur auf 35 in die bitischen Charts einsteigt. Das reiche, laut Herrn Reid, durchaus, um einige Zeit vernünftig davon leben zu können, und mehr dürfe man von solch einem Lo-fi-Testballon doch wohl kaum erwarten. Wesentlich näher ans Bauchgrimmen brachte die Band da schon eher die Aufforderung ihres Ex-Labels 'Warner Brothers', den bereits '96 aufgenommenen Nachfolger zum '95er Album 'Stoned And Dethroned' noch einmal einzuspielen. Während man seitens der Firma von einer durchweg zufriedenstellenden Zusammenarbeit, die aufgrund abgelaufener Verträge zu ihrem natürlichen Ende gekommen sei, sprach, übte sich die Band nur deshalb in Zurückhaltung, weil die Company offensichtlich Möglichkeiten hatte, sie freundlichst dazu anzuhalten. Daß William zum Zeitpunkt des Splits eine Solo-7' mit dem bezeichnenden Titel 'Tired Of Fucking You' veröffentlichte, hat mit Sicherheit nicht nur der Status Quo seiner Beziehung zur MAZZY STARR-Sängerin Hope Sandoval zu verantworten. Trotzdem wird jetzt alles gut. Auch wenn bei William noch nicht so richtig Licht am Horizont zu sehen ist, dem bis dato nicht deutlich weniger verhärmten Zyniker Jim Reid scheint zumindest wieder der eine oder andere Sonnenschein aus dem Arsch. 'Ich wollte immer nur die Musik machen, die mir Spaß macht, und mir keine Gedanken darüber machen müssen, daß die Plattenfirma ankommt und sagt, was ich getan hätte, sei nicht gut genug, ich müsse alles noch mal aufnehmen. Irgendwann bin ich wirklich paranoid geworden. Irgendwann glaubte ich so wenig an das, was ich tat, daß ich nur noch volltrunken auf die Bühne bin. Jetzt genieße ich es wieder, live zu spielen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, irgendwelche Rockstar-Klischees erfüllen zu müssen. Ich trinke immer noch, bevor ich auf die Bühne gehe, aber nicht, weil ich meine, ich könnte nicht ohne, sondern weil ich immer und überall trinke.'