×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Sache mit dem Shit

The High & Mighty presents

"Shit", brummt Mr. Eon kauend durchs Telefon, als sich kurz vor Ende unseres Gesprächs ein weiterer Anrufer ungeduldig klopfend bei ihm meldet. Während er mich mit einem beeindruckend subfrequenten "Hold on a sec" in die Warteschleife drückt, stelle ich mir vor, was bei ihm vor der Haustür gerade wo
Geschrieben am

"Shit", brummt Mr. Eon kauend durchs Telefon, als sich kurz vor Ende unseres Gesprächs ein weiterer Anrufer ungeduldig klopfend bei ihm meldet. Während er mich mit einem beeindruckend subfrequenten "Hold on a sec" in die Warteschleife drückt, stelle ich mir vor, was bei ihm vor der Haustür gerade wohl so abgehen mag. Lower Manhattan an einem Herbstmorgen. Während Eon und sein DJ Mighty Mi auf allen möglichen Wegen die von ihnen (sprich: High & Mighty) zusammengestellte und produzierte HipHop-Compilation "Eastern Conference Allstars II" promoten, liegt keinen ganzen Kilometer von Eon's Apartment der Weltfrieden bzw. das, was wir dafür gehalten haben, in Schutt und Asche.

Something in the air

"Ich weiß, du kannst es bestimmt auch nicht mehr hören, dieses ewige Thema mit Ground Zero und so", hatte Eon mir gleich zu Anfang des Telefonats gesagt. "Ich auch nicht, ehrlich. Aber es ist eine beschissene Situation, wenn man es nicht mehr hören kann, aber dafür im wahrsten Sinne des Wortes immer riechen muss. Ich wohne nur knapp eine Meile von der Stelle entfernt, wo mal die Towers gestanden haben. Der Geruch, der in der Luft hängt, ist unvorstellbar schlimm. Er erinnert uns alle hier jeden Tag daran, ob wir wollen oder nicht. Das macht es unglaublich schwer, an irgendetwas Anderes zu denken."

New York is the shit

High & Mighty sorgen mit den Veröffentlichungen auf ihrem "strictly independent" Label Eastern Conference seit 1996 für ordentlich Wirbel im Underground-HipHop. Erst kürzlich überforderten sie die staunende Welt dem Smut Peddlers-Album "Porn Again". Und jetzt wollen sie mit dem zweiten Teil der "Eastern Conference Allstars"-Labelschau mal so richtig zeigen, wo der Rhyme-Bartel seinen Flow-Most holt.

Ostküsten-Eigengewächse wie Cage oder Copywrite sorgen darauf ebenso für "illest shit" wie Defari, R.A. The Rugged Man oder Charlie 2na von Jurassic 5. Ganz zu schweigen von Schwergewichts-Altmeistern wie Kool Keith oder Big Daddy Kane. "Big Daddy Kane haben wir in den D&D-Studios aufgenommen, auf unser Backing. Das war eine Riesen-Sache für uns. Wow, Mann: Big Daddy Kane, die Oldschool-Legende. Das war der Shit." Eon gibt sich hörbar geplättet von der Ehre.

"Und ansonsten haben wir wieder mal ein ultra-breites Spektrum an fettesten Underground HipHop am Start. Eastcoast, Westcoast, Southern style. Wobei natürlich New York der Shit ist. Einfach, weil hier wirklich jeder reimt. Das ist für uns wie Essen oder so. Und Jay-Z, der größte Rapper der Welt, kommt natürlich auch aus New York. Hier gibt es sowas wie einen gesunden Verdrängungswettbewerb, und das hält uns alle fit. Nach wie vor kannst du an jeder Ecke jemanden rappen hören, der dich flow-mäßig einfach umhaut. Ich weiß nicht, ob ich es schon gesagt habe, aber was HipHop betrifft, ist New York der Shit..."

Do it yourself

Mr. Eon empfiehlt übrigens der aufstrebenden Mikrofon-Generation, sich nicht weiter vom großen Geld blenden zu lassen. "Wenn ich sage, 'Leute, haltet euern Shit real', dann meine ich damit: macht euer eigenes Label. Bringt die Platten selber 'raus und behaltet die Rechte an euren Tracks. Das ist anstrengend und es ist auch eine verdammte Menge Arbeit, aber auf lange Sicht gesehen lohnt sich das. Und außerdem schult es für das eisenharte Business da draußen. Mighty Mi und ich sind bei Eastern Conference die einzigen Angestellten, wir machen alles. Von der Produktion über Cover bis zur Promotion. Das ist wichtig und notwendig, um die Strukturen zu schaffen, in denen man arbeiten kann, und um immer dazuzulernen."

Dass es auch in good ol' Germany Heads gibt, die "real" sind, das weiß Eon ganz genau. "Klar. Kool Savas is my man, der war neulich noch hier und hat mit uns abgehangen. KC da Rookee kenne ich auch, und, what's his face, Samy DeLuxe. Der macht coole Sachen." Keine Frage: die Welt wird nicht gerade besser, dafür aber kleiner.

Do you know what I'm saying

Es klickt im Hörer. "Sorry, das war meine Mum auf der anderen Leitung", sagt Mr. Eon und schiebt sich deutlich hörbar mehr von seinem Frühstück in den Mund. Ob es noch etwas gibt, was er unbedingt loswerden will, frage ich. Insgeheim wünschend, ich könnte ein Stück von seinem wahrscheinlich ofenfrischen Riesen-Bagel abbeißen. "Oh ja. In diesen seltsamen Zeiten sollten wir, die Leute mit dem Mikrofon, uns verdammt nochmal wieder mehr unserer Verantwortung bewusst sein." Kurze, eindringliche Kau-Pause. "Wenn ich mir das Smut Peddlers-Album jetzt anhöre, dann wirkt es wegen der Texte so komisch inkonsequent. Und auch die Sachen auf der Eastern Conference Allstars-Compilation - die sind natürlich alle vor diesem crazy shit am 11. September entstanden. Wir müssen uns wieder vielmehr darum bemühen, dass die Leute endlich begreifen, dass es darum geht, das Leben generell verdammt nochmal viel mehr zu schätzen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, zu sagen, was wirklich wichtig ist. Rapper sollten weniger Schwachsinn reden. Ihr werdet das mit diesem Scheiß-Krieg da drüben in Europa wahrscheinlich noch genau so zu spüren kriegen wie wir hier in den Staaten. Eigentlich hätte uns allen schon lange klar sein müssen, dass es Leute gibt, denen Leben an sich nichts bedeutet. Und das sind die Gefährlichsten von allen, und die muss man stoppen. So doof sich das auch anhört, aber das geht nur mit Liebe. Do you know what I'm saying?" Ja. Ich denke, das weiß ich. Shit...